{{suggest}}


Vor- und Nachteile von Naturkosmetik

Weniger Chemie im Badezimmer, das ist vielen Menschen bei Pflegeprodukten wichtig. Doch was kann Naturkosmetik leisten - für Haut, Haare und die Umwelt?

von Aglaja Adam, 07.03.2019
Biokosmetik

Cremen mit gutem Gewissen: Naturkosmetik sollte nur Stoffe enthalten, die in den Kreislauf der Natur rückführbar sind


Der Trend geht zum "Ohne": ohne Silikone, ohne Parabene, ohne mineralölbasierte Rohstoffe, ohne Mikroplastik. Naturkosmetik verzichtet auf viele Inhaltsstoffe, die umstritten, aber in herkömmlicher Kosmetik häufig noch enthalten sind.

"In echter Naturkosmetik ist nur erlaubt, was in den Naturkreislauf zurückgeführt werden kann und die Umwelt nicht lange belastet", sagt die Dortmunder Naturkosmetik-Expertin Elfriede Dambacher. Zunehmend mehr Konsumenten schätzen das. Rund 16 Millionen Menschen in Deutschland haben laut dem Marktforschungsinstitut GfK im Jahr 2017 Natur­kosmetik gekauft. 1,2 Millionen mehr als 2015. Lesen Sie, ob weniger wirklich mehr kann.

Deodorants

Auch konventionelle Deos werben mittlerweile oft mit der Aufschrift "aluminiumfrei". Die Naturkosmetik ­verzichte schon immer auf Aluminiumsalze, sagt Dambacher. Außerdem auf den Bakterienkiller Triclosan ­sowie auf synthetische Duftstoffe.

  • Vorteile: Naturkosmetik-Deos werden meist in Glasflaschen angeboten und kommen ohne Treibgase als Zerstäuber aus. Beides schont die Umwelt. Den Schweißgeruch bekämpfen Pflanzenextrakte wie Salbei, Melisse oder Limette.
  • Nachteile: Vom 48-Stunden-Wohlgeruch muss man sich verabschieden, das schaffen Naturdeos nicht. Auch wer stark schwitzt, kommt eventuell nicht mit den Produkten zurecht. "Sie können die Schweißdrüsen nicht verengen wie Aluminiumsalze. Sie hemmen nur die Geruchs­bildung", erklärt Hanna Schubert, Apothekerin in Wolfhagen. Oft ist Alkohol enthalten, der auf empfindlicher oder frisch rasierter Haut brennen kann.

Duschgels

Herkömmliche Duschgels schäumen gut dank synthe­tischer Tenside, die oft aus Mineralöl gewonnen werden. Naturkosmetische Reinigungsprodukte setzen auf Tenside aus nachwachsenden Rohstoffen wie Zucker-
rübe, Raps oder Kokos. Das schäumt nicht so schön, reinigt aber dennoch gründlich.

  • Vorteile: Wer zu trockener Haut neigt, muss bei konventionellen Duschgels darauf achten, dass keine sogenannten Sodium-Laureth-Sulfate oder Sodium-Lauryl-Sulfate enthalten sind. "Sie wirken stark entfettend und können Reizungen verursachen", sagt die Diplom-Chemikerin Kerstin Etzenbach-Effers von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. In Naturkosmetik dürfen diese Substanzen nicht eingesetzt werden. Ebenso wenig wie künstliche Konservierungsstoffe, Mikroplastik oder erdölbasierte Kunststoffe. Davon können Menschen mit empfindlicher oder trockener Haut profitieren.
  • Nachteile: "Auch pflanzliche Tenside können bei übermäßiger ­Anwendung die Haut austrocknen", erläutert Christoph Schempp, Dermatologe vom Uniklinikum Freiburg. Und wer zu Allergien neigt, muss selbst bei Naturkosmetik aufpassen. "Es gibt 26 deklarationspflichtige, potenziell allergieauslösende Duftstoffe, darunter solche aus ­natürlichen ätherischen Ölen", sagt Verbraucherschützerin Etzenbach-Effers.

Woran man Naturkosmetik erkennt

Naturkosmetik ist kein geschützter Begriff. Siegel geben Aufschluss darüber, nach welchen Richtlinien die Produkte hergestellt wurden. Bei kontrollierter Naturkosmetik gilt: Sie enthält keine Inhaltsstoffe auf Erdölbasis und ist frei von Silikonen, künstlichen Duftstoffen und synthe­­tischen Emulgatoren. Verboten sind Mikroplastik und die meisten Konservierungsstoffe. Natürliche Rohstoffe dürfen nur geringfügig chemisch verändert werden. Es gelten strengere Vorgaben für Tierversuche, und je nach Siegel stammt ein Teil der Inhaltsstoffe aus biologischem Anbau.

Die zwei wichtigsten Siegel sind Natrue und das BDIH-Siegel. Naturkosmetik ist aber nicht automatisch vegan und bio. Die Vorgaben dazu variieren. Bei Natrue kommen die Rohstoffe zu 95 Prozent aus kontrolliert biologischem Anbau, beim BDIH "so weit wie möglich". Für Veganer gibt es das grüne Vegan-Blumen-Siegel.

Shampoos

Shampoos sollen Fett, Schweiß und abgestorbene Hautschüppchen aus den Haaren entfernen. Dafür sind Tenside notwendig. Naturkosmetik nutzt Pflanzenöl- oder Zuckertenside. Sie schäumen nicht so stark, was aber der Reinigungsleistung keinen Abbruch tut.

  • Vorteile: Naturkosmetik verzichtet auf künstliche Duft- und Konservierungsstoffe. Statt synthetischer Silikone werden Derivate natürlicher Pflanzenstoffe beigemengt. In konventionellen Shampoos bringen Silikone Glanz und Kämmbarkeit. Friseurin Susanne Zaglauer aus München: "Naturbelassene Haare sind von sich aus geschmeidig und brauchen keine Silikone." Eine Bürste mit Naturborsten könne das Haar mit körper­eigenem Talg versorgen und ihm Glanz verleihen.
  • Nachteile: Um Naturkosmetik-Shampoos vor Verkeimung zu schützen und länger haltbar zu machen, setzen die Hersteller Bioalkohol zu. Meist sei dieser gut verträglich, so Zaglauer. Wer zu trockener Kopfhaut neigt, kann auf alkoholfreie Shampoos umsteigen.

Haarfarbe und -styling

Reine Pflanzenfarbe färbt ohne synthetische Stoffe, etwa mit Henna, Indigo und Bestandteilen aus Blüten, Blättern und Wurzeln. "Die Farbe legt sich um das Haar und dringt nicht in die Haarstruktur ein", sagt Zaglauer.

  • Vorteile: Zaglauer verwendet auch gerne Stylingprodukte aus der Naturkosmetik: "Sie lassen sich gut auskämmen und lagern sich nicht ab." Statt filmbildender Kunst­stoffe hält dann Schellack das Haar in Form – gewonnen aus Ausscheidungen der Lackschildlaus. Glanzgeber sind Pflanzenöle. Gut für die Umwelt: Die Produkte kommen ohne Treibgas aus der Dose.
  • Nachteile: Mit Pflanzenfarbe lässt sich das Haar nicht aufhellen. "Dazu braucht es Oxidationsfarben, die sind auf natürliche Weise nicht herstellbar", erklärt Zaglauer. Auch Grau kann nicht so gut abgedeckt werden. Und die Sprays kommen nicht so fein aus der Dose. Friseurin Zaglauer: "Sie sind feuchter, lassen sich aber wunderbar dosieren."

Gesichtscremes

Naturkosmetik-Varianten verzichten auf synthetische Hilfsstoffe wie Polyethylenglykole (PEG). "Als natürlicher Emulgator wird oft Lecithin verwendet", erklärt Hautarzt Schempp. Paraffin (aus Erdöl) und Glycerin (meist aus Palmöl) sind ebenfalls nicht drin.

  • Vorteile: Die verwendeten Pflanzenöle, zum Beispiel Jojobaöl und Sheabutter, sind hochwertiger als ihre künstlichen Entsprechungen. Für Anti-Aging-Effekte gibt es ebenfalls Stoffe aus der Natur, etwa Granatapfelextrakt oder Nachtkerzen- öl. Und auch Hyaluronsäure oder der Gesichtspflege- Klassiker Coenzym Q10 lassen sich natürlich herstellen.
  • Nachteile: Nach dem Öffnen halten sich die Cremes nur sechs bis zwölf Monate. Synthetische Rohstoffe wie Glyzerin oder Paraffin sind zudem billiger in der Herstellung, ­deshalb kosten Naturkosmetik-Cremes meist etwas mehr. Harnstoff (Urea) wird in der Regel nicht verwendet, ein Nachteil für Menschen mit sehr trockener Haut.

Sanfter Sonnenschutz

Naturkosmetik-UV-Schutz enthält mineralische Filter. Angeblich dringen so keine schädlichen Inhaltsstoffe in die Haut ein. Allerdings sind viele der Produkte recht zäh zu verteilen und hinterlassen erst einmal ­einen weißlichen Film auf der Haut. Beliebt sind die Produkte vor allem für ­Kinder. Doch Achtung: Nicht alle Produktlinien erreichen den Lichtschutzfaktor 50.

Lippenstift

Naturkosmetik-Lippenstifte bestehen aus natürlichen Wachsen wie Bienen- oder Wollwachs. Die Farbpalette ist mittlerweile groß.

  • Vorteile: Naturkosmetik-Hersteller verzichten auf erdölbasierte Paraffine und synthetische Farb- und Duftstoffe. "Die Lippenstifte sind deswegen theoretisch essbar", sagt Expertin Dambacher.
  • Nachteile: Vor allem Veganer sollten wissen: Der leuchtend rote Farbstoff Karmin wird aus getrockneten Cochenille­-Läusen hergestellt. "Das ist erlaubt. Nur Inhaltsstoffe von toten Wirbeltieren sind in der Naturkosmetik ­verboten", erklärt Verbraucherschützerin Etzenbach-­Effers. Und: Einen kussechten Lippenstift, der auch ­ohne Silikone lange hält, gibt es bisher nicht.

Mascara

Wimperntusche mit natürlichen Farbpigmenten und pflanzlichen Ölen findet man ebenfalls im Naturkosmetik-Regal. Es gibt sie mit unterschiedlichen Bürstchen. Mascara kann färben, Wimpern definieren, Volumen geben.

  • Vorteile: In natürlicher Mascara stecken keine Parabene, die ­herkömmliche Produkte vor Keimen schützen sollen. Auch synthetische Emulgatoren, von denen einige als gesundheitlich ­bedenklich gelten, sind in Wimpern­tusche aus dem Naturkosmetik-Regal nicht ­enthalten.
  • Nachteile: Naturkosmetik-Mascara ist nicht wasserfest. Dafür wären chemische Stoffe wie Polymere notwendig, die jedoch in Naturkosmetik verboten sind. Manche Hersteller setzen zur Konservierung Alkohol zu.

Farbtupfer ohne Chemie

Nagellack ohne chemische Inhaltsstoffe? Das ist eine echte Herausforderung, an der bisher alle Hersteller ­gescheitert sind. Zumindest wenn man es sehr streng betrachtet. Zunehmend mehr Firmen bieten aber Varianten an, die zumindest auf bestimmte Zusätze verzichten.