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Service: Grippeimpfung in der Apotheke

Die meisten Deutschen gehen ungeimpft in die Influenza-Saison. Ein zusätzliches Angebot in der Apotheke könnte das ändern

von Barbara Kandler-Schmitt, 07.10.2020
Spritze

Fehlender Pikser: Nur gut ein Drittel der über 60-Jährigen ist gegen Grippe geschützt


Deutschlands Apotheker betreten Neuland: Seitdem im März ein entsprechendes Gesetz in Kraft trat, dürfen sie innerhalb von Modell­projekten gesetzlich Versicherte ge­gen Influenza impfen. Den Anfang machen die Rheinländer: "Wir freuen uns, dass wir mit der AOK Rheinland/ Hamburg bundesweit den ersten Ver­trag im Rahmen eines Modellvor­habens zur Grippeschutzimpfung ver­einbaren konnten", sagt der Vorsitzen­de des Apothekerverbands Nordrhein, Thomas Preis.

Haupt-Zielgruppe: Risikopatienten

Das Ziel sei es, die Durchimpfungs­raten weiter zu steigern. "Dabei sehen wir unser Angebot als eine Ergänzung zum Impfangebot der Ärzteschaft", so Preis. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt den saisonalen Grippeschutz vor allem Menschen ab 60 Jahren sowie Patienten mit chroni­schen Grunderkrankungen.

Da die Ri­sikogruppen für schwere Covid­-19­-Er­krankungen und schwere Influenza­ Verläufe laut STIKO deutliche Paralle­len zeigen, müsse in der kommenden Influenza­-Saison eine hohe Impfquote in den gefährdeten Personengruppen erreicht werden. Bislang sind aber nur rund 35 Prozent der Bundesbür­ger ab 60 Jahren geimpft.

Thomas Preis freut sich als Vorsitzender des Apothekenverbandes Nordrhein auf den Start des Modellprojekts zur Influenza-Impfung

Nach Ansicht der Bundesapotheker­kammer (BAK) können Apotheken hier einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie das Impfangebot der Arzt­praxen ergänzen und so die Durch­impfungsrate in der Bevölkerung ver­bessern.

Impfschulung für Apotheker

Die BAK hat mittlerweile eine Leitlinie zur Schutzimpfung in Apotheken he­rausgegeben. Sie dient als wissen­schaftliche Grundlage für Verträge über Pilotprojekte. Zudem bietet sie den Apotheken praktische Hilfen für die Umsetzung an und gibt die Inhalte der notwendigen Schulungen vor. Denn bevor sie loslegen dürfen, wer­den die Apotheker von Ärzten in einer Schulung fit gemacht fürs Impfen. Auch müssen sie über geeignete Räumlichkeiten verfügen.

Die Meinungen der Apotheker zum Thema gehen allerdings auseinander: Was die einen als eine große Chance betrachten, sehen die anderen als Ursache für Stress mit den Ärzten. Eine Online-Umfrage der Deutschen Apotheker Zeitung zeigt: Mehr als 50 Prozent der 283 teilnehmenden Apothekerinnen und Apotheker wären ohne Vorbehalte bereit, Impfungen anzubieten. Knapp 20 Prozent würden es aber nur dann tun, wenn die umliegenden Ärzte nichts dagegen haben. 30 Prozent der Befragten lehnen die Grippeimpfung in der Apotheke grundsätzlich ab.

"Zentrale ärztliche Leistung"

Die Befürchtung, sich die Sympathie der Mediziner zu verscherzen, ist offenbar nicht ganz unbegründet: Kaum war das erste Modellvorhaben unter Dach und Fach, gab es von ärztlicher Seite heftigen Gegenwind. Doch Friedemann Schmidt, Präsident der Bundes- vereinigung Deutscher Apothekerverbände, nahm den Medizinern geschickt den Wind aus den Segeln: Aus seiner Sicht sei Impfen eine "ganz zentrale ärztliche Leistung – vor allem von Haus- und Kinderärzten".

Nur wenn "übergeordnete Gründe" – beispielsweise notwendige Massenimpfungen gegen Grippe- oder Covid-19-Infektionen – es erforderlich machen sollten, würden sich die Apotheker bereit erklären, entsprechend zu helfen. "Es ist richtig und wichtig, dass das Impfen originär eine Angelegenheit der Ärzte ist", bestätigt Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. "Daher ist es zu begrüßen, dass wir eine gemeinsame Linie finden und uns in dieser Sache einig sind."

Impfpass

Abzuwarten bleibt, wie viele Apotheken die Grippeschutzimpfungen anbieten werden und wie die Akzeptanz aufseiten der Kunden sein wird. In einer Umfrage gaben immerhin 52 Prozent der Teilnehmer an, vorbeugende Dienstleistungen wie Impfungen auch in der Apotheke nutzen zu wollen. Das nordrhein-westfälische Modellvorhaben jedenfalls soll über einen Zeitraum von drei Jahren laufen und nach anerkannten wissenschaftlichen Standards begleitet werden.

Impfende Apotheker in 36 Ländern

Ein ähnliches Projekt startet demnächst in Bayern: Dort soll die gesamte Oberpfalz zur Mo- dellregion werden. Auch in anderen Bundesländern laufen Verhandlungen zwischen Apothe- kerverbänden und Kassen.

Die Idee des impfenden Apothekers ist nicht neu: Laut dem Weltapothekerverband FIP wächst die Zahl der Länder, in denen Apotheker impfen dürfen, kontinuierlich. Derzeit sind es 36 – darunter die USA, Kanada, Australien, Argentinien, Brasilien und Indonesien. Auch in Großbritannien, Frankreich, Finnland und der Schweiz wurden bereits gute Erfahrungen damit gemacht.

Gehören Sie bei der Gruppe zu einer Risikogruppe? Informationen finden sie unter www.impfen-info.de/Impfempfehlungen