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Flatulogie: Die Kunde von den Darmgasen

Pupsen ist vielen peinlich – dabei tut es wirklich jeder. Die Furzforschung hat es nicht leicht, die Beziehung des Menschen zu seinen Blähungen zu ergründen. Wie ein Wissenschaftler zu "Dr. Fart" wurde

von Sonja Gibis, 27.11.2019
Alphornbläser in den Bergen

Forscher haben ermittelt: Männer pupsen durchschnittlich zehnmal am Tag, Frauen achtmal


Wenn sie wissenschaftliches Neuland betreten,  gehen Forscher schon mal baden. Die zwei Freiwilligen, welche sich Anfang der 1990er für Dr. Michael Levitt nass machten, taten es für ein hehres Ziel: Sie wollten der Flatologie Aufwind verleihen, der Wissenschaft über rektal entströmende Körpergase. Eine Stunde lang standen sie in warmem Wasser, mit einem in den After eingeklebten Gummirohr mit Auffangtüte. Levitt beobachtete genau: keine Bläschen. Die Furzfalle hielt dicht. Die Forschung konnte beginnen.

Unterschiede zwischen den Geschlechtern

Seither hat sich der Magen-Darm-Experte vom Minneapolis Veterans Affairs Medical Center in Minnesota (USA) einen Namen gemacht. Bekannt auch als "Dr. Fart", Dr. Furz also, lieferte Levitt mit seiner Falle wichtige Beiträge zur Grundlagenforschung. So war vor seinen Tests noch nicht einmal klar, wie oft ein gesunder Mensch überhaupt pupst.

Heute wissen wir: Männer bringen es im Schnitt auf zehn rückwärtige Ausstöße pro Tag. Damit sind sie Frauen um gut zwei voraus. Die Nasen einer Jury erschnupperten allerdings: Weibliche Winde haben das stärkere Aroma. Die Geruchsprüfer seien gut bezahlt worden, betont Levitt gerne. Nur einer habe am Ende des Tages über leichten Schwindel und Kopfschmerzen geklagt.

Wie entsteht ein Furz?

Eins vorweg: "Bei anhaltenden Verdauungsproblemen oder neu eintretenden Veränderungen sollte man immer einen Arzt aufsuchen", rät Professor Christian Trautwein, Direktor der Klinik für Gastroenterologie der Universität Aachen. Tägliche Leibwinde gehören allerdings nicht dazu. "Jeder Mensch muss pupsen", sagt Trautwein.

Als normal gilt ein Ausstoß alle ein bis zwei Stunden. Der Grund dafür sind die Bakterien in unserem Darm. Bis zu 1.000 Arten, so schätzen Experten, helfen uns bei der Verdauung. Dabei entstehen Gase, etwa 15 Liter pro Mahlzeit. Inhaltsstoffe: Stickstoff, Wasserstoff, Kohlendioxid, Sauerstoff, teils Methan sowie manchmal auch übelriechende  Schwefelverbindungen. "Der größte Teil wird vom Körper aufgenommen", erklärt Trautwein. Er gelangt über das Blut in die Lungen und wird ausgeatmet. Der Rest entweicht nach hinten. Die Menge kann erheblich variieren.

Sie steigt, wenn Nahrung ungenügend verdaut in den unteren Dünndarm oder den Dickdarm gelangt. Die Gase, die dort produziert werden, entweichen fast gänzlich nach hinten. Das passiert zum Beispiel, wenn man Hülsenfrüchte isst. Sie enthalten Zucker, der im Dünndarm nicht verwertet werden kann. Stress verstärkt die Darmbewegung – die Nahrung landet schneller im Dickdarm und bewirkt so eine höhere Windstärke.

Wann Fürze brennen

Selbst auf die brennende Frage, ob Fürze entzündbar sind, fand "Dr. Fart" eine Antwort. Sie lautet: Ja, knapp jeder dritte ist es. Nämlich dann, wenn der Erzeuger Bakterien im Darm hat, die Methan produzieren. Für die Medizin sind solche Fragen durchaus relevant. So gibt es Berichte von Patienten, die bei einer Operation Feuer fingen – denn Chirurgen arbeiten heute oft mit einer elektrischen Schlinge.

Dass die Flatologie erst relativ spät in Schwung kam, liegt sicher an ihrem anrüchigen Gegenstand. Schon diesen zu benennen ist ein Problem. Furz? Zu unflätig. Pups? Passt nur, wenn man mit einem Dreijährigen redet. Früher sprach man gerne von Winden. Bleibt noch: Flatus. Verstanden wird das lateinische Fachwort aber fast nur in Medizinerkreisen. Die Begriffsnot zeigt: Fürze sind uns peinlich. So peinlich, dass wir den Gegenstand am liebsten nicht nennen, wenn wir "einen fahren lassen".

Obwohl es stinknormal ist, enden viele mit rotem Kopf, wenn ihnen öffentlich einer entfleucht. Je lauter und geruchsintensiver, desto peinlicher, wie der amerikanische Psychologe Dr. Louis Lippman für seine Studie "Die zwischenmenschliche Regulation natürlicher Gase" (1981) nicht ganz überraschend herausfand.

Das Schamgefühl vergangener Jahrhunderte

Doch war das schon immer so? "Es war sogar noch viel schlimmer", sagt der Psychologe Dr. Michael Titze. Zu den Spezialgebieten des Humorexperten gehört auch die Geschichte des Schamgefühls. Im Mittelalter ließ man seinen Körpergasen meist eher freien Lauf, so Titze. Noch Martin Luther soll bekanntlich festgestellt haben: "Aus einem verzagten Arsch kommt kein glücklicher Furz."

Doch schon wenige Jahrzehnte später war es mit solchem Freimut vorbei. "Trendsetter war die Gesellschaft am französischen Königshof", erzählt der Psychologe. Sie rümpfte bei jedem Mangel an Körperkontrolle das feine Näschen. Andererseits brachten die strengen  Benimm-Regeln die Menschen in ein Dilemma: Den Wind zurückzuhalten galt als große Gesundheitsgefahr. Die fauligen Dämpfe konnten Eingeweide entzünden, ja ins Gehirn hochsteigen, warnten die Ärzte und rieten zur Abstinenz von "ungesunden" Speisen wie Gemüse und Früchten.

Keine Pups-Witze mehr

Ende des 18. Jahrhunderts trieb es das Bürgertum mit der Körperscham auf die Spitze. Unterhosen waren nur die "Unaussprechlichen". Allein der Gedanke, dass sich dort Gase entluden – skandalös. Im Vergleich dazu dürfen die Leibwinde heute wieder freier wehen. Das sieht man laut Titze auch an den Witzen. Die größten Lacher ernten solche, in denen ein Tabu gebrochen wird. "Vor 30 Jahren waren Furz-Witze der Brüller", sagt Titze.

Heute sei die Luft eher raus. Anders ist das in Kreisen, in denen pupsen noch immer hochnotpeinlich ist. Zum Beispiel im Buckingham Palace. Wie Adelsexperten verraten, schieben die Royals ihren Gästen gerne Furzkissen unter und amüsieren sich dann – selbstverständlich – königlich.

Hemmungen in neuen Beziehungen

Völlig entkrampft ist aber auch das Verhältnis des Normalbürgers zu den Körpergasen nicht. Das merkt man besonders am Beginn einer neuen Liebe. "Vor allem Frauen wollen einem Idealbild entsprechen", sagt Titze. Dazu passt pupsen nicht. Doch irgendwann ist es mit dem Versteckspiel vorbei. Die Biologie fordert ihre Rechte. Nicht selten lautstark.

Dank einer Umfrage des amerikanischen News-Portals Mic.com wissen wir auch, wann die "Furz-Grenze" etwa überschritten wird. Von den 125 Teilnehmern zwischen 20 und 30 Jahren unterdrückten nur sieben Prozent ihre Leibwinde dauerhaft. Die Hälfte pupste schon innerhalb der ersten sechs Beziehungs-Monate, ein Viertel danach.

Mediziner raten zu einem unverkrampftem Verhältnis

Als Psychologe bewertet Titze diese Entspannung durchaus positiv. "Man akzeptiert den anderen so, wie er ist", sagt er. Das Ideal bröckelt. Wer dann lacht, statt sich abzuwenden, sagt damit: "Ich weiß, dass du nicht perfekt bist und dir mal unkontrolliert Gase entströmen – und so liebe ich dich."

Auch Mediziner wie Professor Christian Trautwein von der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen, freut es, wenn sich das Verhältnis zum Furz entkrampft. "Die Gase müssen schließlich raus", betont der Direktor der Klinik für Gastroenterologie der Universität Aachen. Wer sie den ganzen Tag zurückhält, leidet an schmerzhaft geblähtem Bauch. Denn immerhin bringt es auch jeder Gesunde pro Tag auf fast einen halben Liter rektalen Ausstoß-Volumens.

Über deren Herkunft in den Tiefen der Darmwindungen liegt aber noch immer viel im Dunkeln. Verursacher sind Bakterien im Darmtrakt. Doch welche Erreger stecken hinter welcher Art von Winden? Welche sind die aktivsten Gas-Produzenten? "Darüber gibt es noch kaum Studien", sagt Trautwein. Bekannt ist, dass sich die Darmflora von Mensch zu Mensch unterscheidet. "Innerhalb einer Familie ist die Zusammensetzung aber sehr ähnlich", sagt der Darmexperte. Denkbar also, dass eine verstärkte Furz-Neigung sogar von Mutter ans Kind weitergegeben wird.

Was tun, wenn einer entfleucht?

Die Flatologie hat also noch viel Arbeit vor sich. Ein gut erprobtes Rezept gibt es indes gegen eine unangenehme Folge des Pupsens: das peinliche Gefühl, wenn es öffentlich passiert. Titze rät: die Luft rausnehmen. Und zwar mit Humor. Wie der Herr, der bei einem vornehmen Bankett geräuschvoll einen fahren ließ. "Unterstehen Sie sich, so etwas vor meiner Frau zu tun!", wetterte ihm gegenüber ein Herr im Smoking. Darauf der Furz-Verursacher: "Oh, Entschuldigung! Ich wusste ja nicht, dass Ihre Frau den Anfang machen wollte."