{{suggest}}


Impfungen: Geht es nur mit Zwang?

Weil die Zahl der Masernfälle steigt, wird der Ruf nach einer Impfpflicht lauter. Doch weder Politik noch Medizin sind sich einig, ob dieser Weg richtig ist

von Diana Faust, 08.05.2019
Impfung

Impfungen: Mit Argumenten Skeptiker überzeugen oder die Spritzen per Zwang verordnen? Experten sind sich uneins


Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor einer Brücke, die über ein großes Gewässer führt. Sie wissen, dass diese zu 99,997 Prozent sicher ist. Fahren Sie darüber? Ziemlich wahrscheinlich. Impfskeptiker würden schwimmen. Impfungen erreichen eine ähnlich hohe Sicherheitsstufe wie die imaginäre Brücke. Dennoch überwiegt die Furcht vor den 0,003 Prozent der Fälle, in denen laut Statistik etwas schiefgeht.

Fehlinformationen im Netz

Impfgegner sind nach Ansicht von SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hauptsächlich dafür verantwortlich, dass wir in Deutschland die Quote nicht erreichen, die nötig wäre, um Masern auszurotten. "Fehlinformationen im Netz erreichen die Leute, bevor sie auf seriöse Informationen stoßen", so Lauterbach. Hinzu kämen unterschätzte tatsächliche Gefahren der Krankheit sowie falsch eingeschätzte Nebenwirkungen der Immunisierung.

Stichwort Masern

Die Infektion ist hoch ansteckend. Sie wird in nahezu 100 Prozent der Fälle beim Einatmen von Tröpfchen übertragen, beim Sprechen, Niesen oder Husten. Noch Jahre später können Masern potenziell tödliche Hirnentzündungen auslösen.

Vor Kurzem hat das Kinderhilfswerk Unicef neue Masern-Zahlen vorgestellt. Demnach gab es 2018 weltweit in 98 Ländern mehr Infektionen als im Vorjahr. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) könnten sich die Fälle fast verdoppelt haben – von 173 330 im Jahr 2017 auf rund 324 000 im Jahr 2018. In Deutschland gab es im vergangenen Jahr nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) 543 Masernausbrüche. Will man die von der WHO festgelegten Ziele erreichen, dürften es nur 80 Fälle sein, eine Infektion auf eine Million Menschen. Dann würde sich die Krankheit nicht weiter verbreiten.

Vergebliche Appelle an die Freiwilligkeit

Für einige Politiker Anlass genug, um das Thema Impfpflicht wieder auf den Tisch zu bringen. Die Diskussion da­rüber kommt seit einigen Jahren immer wieder auf, wenn regionale Masernfälle die Grenze des gesellschaftlich Zumutbaren überschreiten. Vor Kurzem gab es beispielsweise einen Ausbruch an einer Schule in Niedersachsen. "Ohne Impfpflicht wird man die Quote nicht deutlich erhöhen können. Der Appell an die Freiwilligkeit hat bisher wenig gebracht", sagt etwa Lauterbach.

Das sieht Grünen-Politikerin Kordula Schulz-Asche anders. "Wir müssen niemanden zwingen, solange nicht alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind." Dafür müsse man niedrigschwelligere Impfangebote schaffen als die verfügbaren. "Der Alltag der meisten Leute ist hektisch. Dazu noch mehrere Termine beim Arzt mit kleinen Kindern wahrzunehmen funktioniert nicht." Schulz-Asche will etwa den öffentlichen Gesundheitsdienst stärken, der Impfungen in Schulen oder Kitas anbietet.

Rechtliche und ethische Bedenken gegenüber einer Impfpflicht

Ihrer Meinung nach würde eine Pflicht das Problem zudem nicht lösen, weil die Rate bei kleinen Kindern bereits sehr gut ist. Zumindest bei der ersten Dosis. Diese erhalten laut RKI 95 Prozent der Kleinkinder. Das entspricht  den WHO-Zielen. Die zweite Impfung erhalten rund 93 Prozent. Sie ist notwendig, damit der Schutz sicher wirkt. Für Schulz-Asche zeigen die Zahlen der ersten Dosis, dass Impfskeptiker nicht der Grund für die fehlenden Immunisierungen sind. "Wir müssen erreichen, dass die Menschen die zweite Impfung wahrnehmen."

Für FDP-Politiker und Infektiologe Professor Andrew Ullmann kommen recht-
liche und ethische Bedenken hinzu. "In der Verfassung steht, dass jeder frei über sich selbst entscheiden kann. Der Zwang einer Impfpflicht würde diesem Grundrecht entgegenstehen."

Impflücken vor allem bei Erwachsenen

Nicht nur Politiker, auch Mediziner kritisieren den Impfpflicht-Plan. Eines ihrer Hauptargumente: Bei der zweiten Dosis besteht vor allem eine Lücke bei den 18- bis 29- und 30- bis 39-Jährigen. Nur rund 80 Prozent beziehungsweise weniger als 50 Prozent haben hier ausreichenden Schutz aus der Spritze. "Die würden wir auch nicht mit einer Impfpflicht erreichen", sagt Dr. Ole Wichmann, Leiter des Gebiets Impfprävention am RKI. Die Behörde hält eine verpflichtende Maßnahme für ungeeignet.

Durch die Masern-Maßnahme könnte die Akzeptanz für andere freiwillige Immunisierungen sinken, befürchtet Wichmann. Dass ein solcher paradoxer Effekt eintreten könnte, hat eine Studie der Uni in Erfurt gezeigt, erschienen im Fachblatt European Journal of Public Health. "Menschen lassen sich nicht gerne in ihrer Entscheidungsfreiheit beschränken und holen sie sich bei nächster Gelegenheit zurück", so Wichmann.

Einladen und Erinnern statt Verpflichten?

Seine Alternativ-Vorschläge: Einladungssysteme, Erinnerungsbriefe, leich-
ter zugängliche Impfangebote oder Impfsprechstunden ohne Termin. Man könne zudem die Jugendvorsorgeuntersuchung J1 mehr ins Bewusstsein rücken und dabei Immunisierungen auffrischen.

Für Dr. Hermann Josef Karl, Pressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, wären Impfangebote in Schulen oder bei der J1 allerdings zu spät. "Wir geben die erste Dosis um das erste Lebensjahr, die zweite ein paar Monate später, damit ausreichender Schutz aufgebaut wird."

Vorschlag nationales Impfregister

Auch seiner Erfahrung nach kommen Eltern mit ihren Kindern nicht mehr zum zweiten Termin, weil es im Alltag schwierig ist – und nicht weil sie die Maßnahme generell verweigern. Deshalb wünscht sich der Berufsverband eine Verpflichtung. "Es geht nicht, dass ungeimpfte Babys, Schwangere, Kinder mit Leukämie oder einem angeborenen Immundefekt gefährdet werden, weil andere nicht immunisiert sind", so Karl. Der Experte hat noch eine Idee: ein nationales Impfregister. Damit könnte man erfassen, wem der Schutz fehlt, und diese Menschen erinnern.

Vor allem eines gewinnen selbst Skeptiker mitunter einer Impfpflicht ab: Sie würde deutlich machen, wie wichtig das Thema für die Gesellschaft ist. "Es wäre ein klares Signal des Staates", sagt etwa Ole Wichmann. Der Zwang würde zeigen, dass es nicht nur eine individuelle Entscheidung ist, sich vor Masern zu schützen. Die Folgen betreffen die Gemeinschaft.

Aktueller Gesetzentwurf

Das sehen nach den neuesten Ausbrüchen auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Familienministerin Franziska Giffey (SPD) so. Spahn hat nun einen Gesetzentwurf vorgelegt, demzufolge alle Kinder geimpft sein müssen, die eine Kindertagesstätte oder Schule besuchen. Auch Erzieher und Lehrer sollen immunisiert werden, ebenso Mitarbeiter in Krankenhäusern und Arztpraxen. Wer dagegen verstößt, soll ein Bußgeld von bis zu 2500 Euro zahlen.