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Rezept der Pandemiebekämpfung? Gute Ausstattung – und Vernunft

Die Kontaktnachverfolgung wird immer unmöglicher, solange die Menschen weiterhin viele soziale Kontakte pflegen. Wie sieht die Situation vor Ort aus? Wir haben mit Stephan Küching vom Gesundheitsamt Hamm über Contact-Tracing gesprochen

von Interview: Apotheken Umschau, 29.10.2020

"Unsere Gesundheitsämter stoßen an ihre Grenzen", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch, kurz bevor die neuen, deutschlandweiten Corona-Beschränkungen präsentiert wurden. Die Regierungschefin sprach damit ein Problem an, auf das die Gesundheitsämter Deutschlandweit seit Tagen hinweisen: Die Kontaktnachverfolgung wird immer unmöglicher, solange die Menschen weiterhin viele soziale Kontakte pflegen.

Aber wie sieht die Situation tatsächlich innerhalb der Gesundheitsämter aus? Wie kommen die Behörden mit dem Ansturm zurecht? Darüber hat die Apotheken Umschau mit Stephan Küching gesprochen. Er ist im Gesundheitsamt der Stadt Hamm (Nordrhein-Westfalen) für den Bereich "Koordination Corona-Management" zuständig, wo die Kontakte nachverfolgt werden.

Apotheken Umschau: Herr Küching, was Städte und Landkreise in diesen Tagen erleben, hat Hamm bereits vor einem Monat durchgemacht: Damals gab es einen Anstieg der Infektionszahlen in Ihrer Stadt. Ist Ihre Behörde dem aktuellen Ansturm gewachsen?

Stephan Küching: Aktuell können wir die Arbeit in der Kontaktnachverfolgung stemmen. Weil wir personell im letzten Monat bereits massiv aufgestockt haben: Medizinisches Fachpersonal, Werkstudenten und mehrere Ärzte. Im September hat Hamm durch verschiedene Großereignisse ja Berühmtheit erlangt. Zum Glück haben wir damals personelle Unterstützung von anderen Kommunen bekommen und mittlerweile ist auch die Bundeswehr bei uns im Einsatz.

Warum ist die aktuelle Situation für die Gesundheitsämter denn so fordernd ?

Schauen wir doch einfach auf die Zahlen von März oder April: Damals hatten wir Infizierte mit drei, vier oder fünf Kontaktpersonen aufgrund der geltenden Kontaktbeschränkungen. Momentan haben wir aber Infizierte, bei denen die Kontakte in den dreistelligen Bereich gehen. Wenn Sie sich dann vor Augen führen, dass jedes Gespräch mit einer Kontaktperson rund eine Viertelstunde dauert, dann sieht man, wo die Engpässe herkommen.

Wie wirkt sich das auf die Arbeit Ihres Kontaktnachverfolgungsteams aus?

Im Gegensatz zu sonstigen Verwaltungstätigkeiten arbeiten wir zur Zeit sieben Tage die Woche und bis in die späten Abendstunden. Das zu gewährleisten, ist ein Kraftakt für die Kommune. Das muss man so deutlich sagen. Und sollten wir in Zukunft jeden Tag 60 infizierte Personen haben, dann wird es auch bei uns sehr, sehr eng.

Wie sah die personelle Aufstockung in Hamm denn aus?

Unser Personal hat sich zwischenzeitlich verfünffacht. Anfang September hatten wir rund 30 Leute in der Kontaktnachverfolgung, jetzt sind wir bei über 135. Zusätzlich gibt es rund 20 Menschen aus verschiedensten Verwaltungsbereichen, die spontan einspringen können. Dabei muss man bedenken: In unserem Gesundheitsamt sind rund 245 Leute im Corona-Bereich tätig.

Die Kontaktnachverfolgung nimmt also einen riesigen Anteil ein?

Ja, das ist eine Herkulesaufgabe. Wir waren als Kommune auf eine Steigung der Infektionszahlen von ein paar hundert Prozent vorbereitet – aber dann sind unsere Fallzahlen um das tausendfache gestiegen!

Wo kommt das neue Personal denn her? So einfach ist es ja für eine Behörde gar nicht, dutzende neue Leute einzustellen…

Das ist der große Unterschied zu der Situation im Frühling. Damals lief die gesamte Verwaltung langsamer, weil so viele Bereiche des Lebens geschlossen waren. Wir konnten zwischen März und Mai also Kollegen aus anderen Bereichen der Verwaltung zusammenziehen. Momentan läuft die normale Arbeit ja aber weiter! Deswegen haben wir mehr als 64 Menschen neu eingestellt.

Welches ist das größte Problem bei der Kontaktnachverfolgung?

Die Ehrlichkeit der Leute ist entscheidend. Ein Beispiel : Wir fragen jemanden, welche Kontakte er hatte. Derjenige will aber den Namen eines guten Freundes nicht nennen, weil dieser gerade einen neuen Job angefangen hat und eine zweiwöchige Quarantäne ihn in die Pfanne haut. Dann können wir die Infektionskette in der Regel auch nicht nachvollziehen. Im Prinzip kriegen wir die Pandemie nur mit gut aufgestellten Gesundheitsämtern und der Vernunft der Leute in den Griff.

Gibt es bei Ihnen eine Priorisierung in der Kontaktnachverfolgung, zum Beispiel um Risikogruppen zu schützen?

Das Priorisieren ist natürlich erst nach dem ersten Schritt, der Kontaktermittlung, möglich. Wenn aber klar ist, dass wir einen Fall in einer Alteneinrichtung oder einem Krankenhaus haben, dann würden diese Fälle prioritär behandelt werden und man kann die Kontaktnachverfolgung zielstrebig angehen. Aber am Ende müssen wir alle Fälle konsequent abarbeiten.

Stephan Küching, vielen Dank für das Gespräch!


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