Phobien (phobische Störung)

Panische Angst vor Spinnen, Flugangst oder Höhenangst? Dann leiden Sie vermutlich an einer Phobie, einer Form der Angststörung. Mehr zu Ursachen, Symptomen und Therapie

aktualisiert am 26.02.2015

Was ist eine Phobie?

Wer an einer Phobie leidet, fürchtet sich stark und lang anhaltend vor einem bestimmten Objekt oder einer bestimmten Situation – zum Beispiel vor einer Spinne oder vor dem Besuch beim Zahnarzt.

Nur freuen sich wohl die wenigsten auf einen Arzttermin. Und viele ekeln sich ein wenig beim Anblick einer Spinne. Wo endet das normale, mulmige Gefühl, das fast jeder kennt – wo beginnt die Krankheit?

Typische Merkmale der Phobie

Angst ist eine wichtige Empfindung. Sie dient als innerer Gefahrenmelder. Bestimmte Merkmale deuten jedoch auf eine krankhafte Angst hin, eine Angststörung:

  • Körperliche Reaktion: Die Angst ist stark ausgeprägt, führt zu unangenehmen körperlichen Symptomen, für die sich keine organischen Ursachen finden – wie Herzrasen, Zittern, Atemnot, Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden oder Schwitzen. Schon beim Gedanken an den Angstauslöser bekommen Betroffene heftige Angstgefühle, die sie kaum kontrollieren können. Die Furcht steigert sich manchmal zur Panikattacke.
  • Unangemessen starke Angst: Objektiv betrachtet ist die Angst unangemessen – es gibt keinen sachlichen Grund, sich so sehr zu fürchten. Die Betroffenen wissen das oft, können die Angst aber trotzdem nicht unterdrücken.
  • Vermeidungsstrategie: Viele fürchten angstbesetzte Momente schließlich so sehr, haben so viel "Angst vor ihrer Angst", dass sie die Auslöser aus ihrem Leben verbannen. Diese Flucht vor der Angst kann die Angst verstärken. Sie breitet sich leicht auf weitere Lebensbereiche aus, kann schließlich den Alltag massiv einschränken.

Wie sieht die Therapie aus?

Nicht jede Phobie muss behandelt werden. Wer unter seinen Ängste leidet, sollte aber den Arzt um Rat zu fragen. Erster Ansprechpartner ist oft der Hausarzt. Er untersucht, ob körperliche Ursachen hinter den Symptomen stecken könnten, beispielsweise Herzkrankheiten oder eine Schilddrüsenüberfunktion.

Handelt es sich um eine behandlungsbedürftige Angsterkrankung, kann er zum Spezialisten überweisen – dem Psychotherapeuten oder Psychiater.

Viele Phobien lassen sich mit Psychotherapie – vor allem Verhaltenstherapie – gut in den Griff bekommen. In manchen Fällen verschreibt der Therapeut auch Medikamente. Mehr zur Behandlung im Kapitel Therapie.

Phobien: Welche Formen gibt es?

Experten unterscheiden verschiedene Formen der Phobie oder phobischen Störung: Die spezifische Phobie, die soziale Phobie (auch als soziale Angststörung bezeichnet) und die Agoraphobie. Genaueres zu den einzelnen Formen lesen Sie im jeweiligen Kapitel.

Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Störungen in Deutschland. Mehr Informationen zu anderen Formen der Angsterkrankung finden Sie unter: Symptom Angst.

Achtung: Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Die spezifische Phobie (oder isolierte Phobie) gehört zu den häufigsten Angststörungen. Fast jeder Zehnte leidet mindestens einmal im Leben daran.

Oft beginnt eine spezifische Phobie bereits im Kindesalter, manchmal entsteht sie erst zwischen 30 und 40 Jahren.

Typische Merkmale

Die Angst richtet sich

  • auf ein ganz bestimmtes Objekt, etwa ein Tier oder eine Spritze
  • oder auf eine ganz bestimmte Situation, wie einen Ort in großer Höhe.

Die Betroffenen können also sehr genau benennen und eingrenzen, wovor sie sich fürchten.

Zahlreiche Angst-Auslöser

Die Palette möglicher Angstauslöser ist nahezu unendlich groß. Für etliche Ängste existieren eigene medizinische Bezeichnungen – von Akrophobie (Höhenangst), über Aviophobie (Flugangst), Ceraunophobie (Angst vor Gewittern) und Klaustrophobie (Angst vor engen Räumen) bis hin zur Vaccinophobie (Angst vor Impfungen). Verbreitet sind Tierphobien, wie die Furcht vor Spinnen. Sie heißt medizinisch Arachnophobie.

Viele dieser Ängste – wie die Furcht vor Tieren oder vor engen Räumen – haben einen evolutionären Hintergrund. Sie beziehen sich auf Situationen oder Objekte, die in der Geschichte der Menschheit durchaus mit Gefahren verbunden sein konnten.

Ohnmächtig vor Angst?

Viele kennen auch die Angst vor Blut ("kann kein Blut sehen"), vor Injektionen, Nadeln oder Verletzungen. Diese Form der Phobie weist eine Besonderheit auf: In der angstbesetzten Situation sackt bei den Betroffenen der Blutdruck oft für einen Moment ab, ihr Herz schlägt langsamer. Das kann eine kurze Ohnmacht auslösen. Der Patient fällt beim Anblick einer Wunde oder beim Blutabnehmen einfach um und ist kurz bewusstlos.

Im Gegensatz dazu treiben die übrigen Phobien Blutdruck und Puls im Moment der Angst eher in die Höhe.

Die soziale Phobie – auch als soziale Angststörung bezeichnet – entsteht oft im Jugendalter. Charakteristisches Symptom ist eine übertrieben starke Furcht davor, beurteilt, kritisiert oder abgelehnt zu werden, negativ aufzufallen, sich irgendwie peinlich zu verhalten und ungewollt im Mittelpunkt zu stehen.

Manche haben zum Beispiel starkes Lampenfieber, wenn sie vor anderen sprechen müssen, wenn sie etwa einen Vortrag halten. Andere fürchten sich, wenn sie auf einer Veranstaltung mit Leuten ins Gespräch kommen sollen, die sie nicht kennen.

Wieder andere trauen sich noch nicht einmal, im Beisein anderer zu essen, zu schreiben oder zu reden – aus Angst, sie könnten sich in irgendeiner Form lächerlich machen, etwas fallen lassen oder etwas Dummes von sich geben.

Angst vor einer Blöße

Viele befürchten obendrein, dass ihre Angst für andere erkennbar wird: dass ihre Backen vor Aufregung rot glühen wie eine Laterne, dass ihre Hände zittern, dass sich Schweißperlen auf der Stirn zeigen – und dass andere das als Schwäche auslegen.

Patienten mit sozialer Phobie versuchen meistens, Vorkehrungen zu treffen, um möglichst unauffällig und "normal" zu erscheinen. Sie kontrollieren ihr Verhalten sehr genau: Sie setzen sich beispielsweise in die letzte Reihe, sie meiden Blickkontakte, sprechen nur, wenn es unausweichlich ist. Manche trinken Alkohol, um "locker" zu werden. Andere versuchen, ihre roten Wangen unter dickem Make-up zu verstecken.

Verzerrte Selbstwahrnehmung

Die Selbstwahrnehmung der Patienten ist üblicherweise stark verzerrt. Ihre vermeintlichen schlimmen Fehler bemerken andere oft gar nicht. Auch die übergroße Furcht ist für die Umgebung meist nicht erkennbar.

Soziale Phobie ist auch nicht gleichbedeutend mit Schüchternheit. Die Betroffenen müssen auf ihre Umgebung nicht übermäßig zurückhaltend wirken – während sie innerlich unter großem Stress stehen können.

Die Angststörung wird in schlimmen Fällen so ausgeprägt, dass sie ein normales Miteinander unmöglich macht und zu Einsamkeit und zum völligen Rückzug führt. Die soziale Phobie ist oft mit weiteren psychischen Problemen verknüpft, zum Beispiel einer Depression. Beide Krankheiten verstärken sich unter Umständen auch gegenseitig.

Die Agoraphobie beginnt oft im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, Frauen sind wohl häufiger betroffen als Männer.

Agoraphobie ist keine "Platzangst"

Der Begriff Agoraphobie enthält das griechische Wort "agora" = "Marktplatz". Deshalb wird diese Phobie oft "Platzangst" genannt. Das ist jedoch irreführend. Denn die meisten Menschen verstehen unter Platzangst die Angst vor engen, kleinen, abgeschlossenen Räumen. Diese Klaustrophie (Raumangst) gehört jedoch zu den spezifischen Phobien.

Angst vor Menschenmengen, Plätzen, Aufzügen

Als Agoraphobie bezeichnen Experten dagegen die Angst vor Situationen, die man nur mit größerem Aufheben wieder verlassen könnte oder in denen man nur eingeschränkt Unterstützung bekäme, sollte es nötig werden. Zum Beispiel die Angst davor, mitten in einer großen Menschenmenge zu stehen, die Angst vor einer U-Bahn- oder Aufzugfahrt. Die Agoraphobie kann mit oder ohne Panikattacken einhergehen.

Zwei Beispiele:


1) Herr Y fürchtet sich davor, in einer großen Menschenmenge zu stehen. Er malt sich aus, dass er plötzlich Hilfe brauchen könnte – etwa weil ihm schwindelig wird, oder weil sein Herz aus dem Rhythmus gerät. In so einem Notfall hätte er Schwierigkeiten, die Menge zu verlassen, Helfer könnten nur mühsam zu ihm vordringen. Er befürchtet, dann auf peinliche Art und Weise in den Mittelpunkt zu geraten.

 

2) Frau X quälen Angstgefühle, sobald sie sich in einem öffentlichen Verkehrsmittel aufhält – eine längere Bahnfahrt oder Flugreise unternimmt. Denn sie kann einen Zug oder ein Flugzeug im Notfall nicht sofort verlassen oder Hilfe von außen erhalten.

Über die eigene Sicherheit nachzudenken, ist natürlich nicht krankhaft. Wenn sich ein Herzkranker in einer riesigen Menschenmenge nicht gut aufgehoben fühlt, ist das nachvollziehbar. Wer Herzbeschwerden verspürt, sollte sich selbstverständlich untersuchen lassen.

Bei Agoraphobie ist die Furcht aber übertrieben groß und logisch nicht begründbar. So kann ein Betroffener zwanzig Jahre jung und nachgewiesenermaßen kerngesund sein – und trotzdem ausgeprägte Angst vor einem drohenden Herzinfarkt haben. Ähnlich unangemessen wäre auch, wenn ein Herzkranker nie wieder alleine das Haus verlässt, aus Angst vor einem Herzanfall.

Viele Betroffenen meiden immer mehr Orte und Gelegenheiten, die Angst auslösen könnten – sie gehen nicht mehr im Kaufhaus bummeln, verzichten auf den Kinoabend, setzen sich nur noch in Begleitung in die U-Bahn. Im Extremfall verlassen Betroffene ihre Wohnung gar nicht mehr. Ihr Leben schrumpft auf einen minimalen Aktionsradius zusammen.

Eine Phobie entsteht meist nicht durch eine einzelne Ursache. Verschiedene Auslöser wirken in unterschiedlicher Gewichtung zusammen.

Manche Auslöser bereiten den Weg, machen generell anfälliger für Angststörungen – wie eine bestimmte Erziehung, die persönliche Veranlagung, die individuelle "Hirnchemie". Schlechte Erfahrungen können eine Rolle spielen, bestimmte Umstände die Angst verfestigen – etwa übermäßig besorgte Angehörige.

Erfahrungen

Angst kann bis zu einem gewissen Grad erlernt sein. Ein Beispiel: Ein kleines Kind fürchtet sich. Zufällig befindet sich in diesem Moment ein Hund in der Nähe. Obwohl das Tier gar nichts mit der Angst des Kindes zu tun hat, verknüpft das Kind das Tier aber unbewusst mit seinen Angstgefühlen. Von nun an löst plötzlich jeder Hund Angstgefühle aus, ohne dass es einen nachvollziehbaren Grund dafür gäbe.

Erziehung

Eltern und andere Bezugspersonen leben bestimmte Verhaltensweisen vor. Reagieren sie zum Beispiel übertrieben aufgeregt beim Anblick einer Spinne, können die Kinder das Verhalten übernehmen. Vor allem bei spezifischen Phobien – wie einer Spinnenphobie – scheint dieser Mechanismus wichtig zu sein.

Menschheitsgeschichte

Wissenschaftler beobachten außerdem, dass manche Objekte leichter Phobien auslösen als andere. So fürchten sich deutlich mehr Menschen vor einer Schlange als vor einem Fernseher – wahrscheinlich, weil die Furcht vor Schlangen im Laufe der Menschheitsgeschichte über Generationen erlernt wurde – also Warnung vor einer realen Gefahr.

Erlebnisse

Ganz bestimmte Situationen können unter ungünstigen Umständen zum Ausgangspunkt einer phobischen Störung werden.

Ein Beispiel:

An ihren ersten Flug in den Urlaub erinnert sich Frau X nur ungern. Vor lauter Stress im Büro hatte sie kaum Zeit, die Koffer zu packen, geriet auf der Fahrt zum Flughafen in einen Stau, erreichte den Flieger mit knapper Not. Der Start verzögerte sich durch ein Gewitter. Auf dem Flug geriet die Maschine in Turbulenzen und wurde kräftig durchgeschüttelt – Stress pur. Den ganzen Tag erlebte Frau X als Wechselbad negativer Gefühle, von Anspannung über Ärger bis hin zur blanken Angst.

Als Frau X ein Jahr später eine Busreise bucht, stellen sich schon beim Gedanken an die Fahrt und das beengte Sitzen im Verkehrsmittel Angstgefühle ein. Sie steigern sich bis zum Abreisetag. Schließlich sagt Frau X den Urlaub ab. Das verstärkt die Angst vor dem nächsten ähnlichen Ereignis. Schließlich meidet sie sogar Ausflüge mit dem Auto.

Veranlagung

Angsterkrankungen treten manchmal in Familien gehäuft auf. Es scheint wohl eine gewisse Bereitschaft dafür zu geben, die sozusagen vererbt wird. Das bedeutet aber nicht, dass Angehörige von Angstpatienten in jedem Fall erkranken.

Hirnstoffwechsel

Unsere Hirnzellen kommunizieren über Botenstoffe. Geraten sie aus dem Gleichgewicht,  könnte das Phobien den Weg ebnen, glauben Wissenschaftler. Ärzte verschreiben zur Therapie von schweren Angsstörungen manchmal Medikamente, die den Hirnstoffwechsel beeinflussen und die Symptome auf diese Weise lindern können.

Innere Konflikte

Die Tiefenpsychologie deutet krankhafte Furcht als Ausdruck eines inneren, nicht lösbaren Konfliktes. Hinter dem Symptom Angst stehen in Wirklichkeit unbewusste, verdrängte Gefühle, so die Theorie.

Ein Beispiel:

XY`s Eltern trennen sich, als sie noch klein ist. Das Mädchen wächst bei der Mutter auf, zum Vater fehlt jeder Kontakt. XY lebt in der starken Angst, dass auch die Mutter plötzlich verschwinden könnte.

 

Mit dieser Angst ist das Kind überfordert. Die tiefen Ängste dringen gar nicht in XY`s Bewusstsein, sondern werden verdrängt und umgeleitet. Die Angst sucht sich ein "einfacheres" Ziel: XY fürchtet sich plötzlich vor Menschenmengen.

 

Mit dieser Angst kann XY umgehen, kann gefürchteten Situationen aus dem Weg gehen. Die Angst vor der Menschenmenge dient als Platzhalter für eine tiefer liegende Furcht. Die Angst könnte zudem eine weitere Funktion erfüllen: XY bindet ihre Mutter durch die Angst unbewusst an sich. Denn die Mutter muss ihre überängstliche Tochter zu vielen Gelegenheiten begleiten. Das Risiko des Verlassenwerdens sinkt.

Viele Patienten wenden sich zunächst an ihren Hausarzt. Er erkundigt sich nach den Beschwerden und den Umständen, unter denen die Symptome auftreten.

Manchmal erkennen die Betroffenen gar nicht, dass sie unter Angst leiden. Sie spüren vor allem körperliche Symptome der Angstattacke wie Herzrasen, Schwindel, Übelkeit.

In jedem Fall muss zunächst geklärt werden, ob eine körperliche Ursache hinter den Symptomen stecken könnte – zum Beispiel eine Herzerkrankung, eine Erkrankung der Atemwege oder eine Stoffwechselstörung wie eine Schilddrüsenüberfunktion oder Diabetes mellitus. Dazu können neben einer körperlichen Untersuchung beispielsweise eine Elektrokardiografie oder Bluttests zum Einsatz kommen.

Der Arzt wird außerdem prüfen, welche Medikamente der Patient einnimmt. Manchmal können sie Ängste auslösen oder verstärken.

Gespräch und Fragebögen

Beim Verdacht auf eine ausgeprägte, behandlungsbedürftige Angsterkrankung wird der Arzt üblicherweise an einen Spezialisten überweisen – einen Psychiater oder Psychotherapeuten.

Der Spezialist wird sich ausführlich mit dem Patienten unterhalten. Er fragt, in welchen Situationen die Ängste auftreten, ob der Patient diese Gelegenheiten bewusst vermeidet oder ob die Furcht "aus heiterem Himmel" entsteht. Mit Hilfe standardisierter Fragebögen kann der Psychiater oder Psychotherapeut genauer einschätzen, wie sehr die Ängste den Alltag des Patienten behindern.

Ängste können auch Symptom einer anderen psychischen Krankheit sein, beispielsweise einer Depression, einer Zwangsstörung, einer Alkoholsucht oder einer Drogenabhängigkeit. Nicht selten liegen auch mehrere Krankheiten gleichzeitig vor.

Es gibt verschiedene Wege, eine Phobie zu behandeln: Psychotherapeutische Methoden, vor allem die Verhaltenstherapie, haben sich bewährt. Auch Medikamente können sinnvoll sein. Eine Kombination verschiedener Methoden ist ebenfalls denkbar. Die Therapie kann einzeln oder in Gruppen, ambulant oder in einer Klinik stattfinden.

Welche Therapie im Einzelfall die beste ist, müssen Patienten individuell mit ihrem behandelnden Spezialisten besprechen. Üblicherweise sind Phobien gut behandelbar. Ohne Therapie bessern sich Angsterkrankungen nur selten.

Psychotherapie

Eine kognitive Verhaltenstherapie konzentriert sich nicht etwa nur auf eine reine Verhaltensänderung, wie viele glauben. Am Beginn stehen ausführliche Gespräche. Patient und Therapeut versuchen zu klären, in welchen Situationen die Angst entsteht, welche Funktion sie im Leben des Patienten hat, und welche Faktoren sie aufrechterhalten. Ziel ist es, ein Stück weit zugrundeliegenden Problemen auf den Grund zu gehen.

Der Spezialist erklärt dem Patienten dann genau, welche Therapieschritte folgen werden. Er soll sich keinesfalls "überrumpelt" fühlen, sondern genau wissen, was ihn bei der Behandlung erwartet. Nichts geschieht ohne das Einverständnis oder gar gegen den Willen des Betroffenen.

Bei spezifischen Phobien helfen oft Konfrontationsübungen. Der Patient setzt sich dabei ganz bewusst seinen Angstauslösern und seiner Angst aus (Exposition), die sich in diesen Momenten einstellt. Hier gibt es zwei Varianten:

  • Bei der systematischen Desensibilisierung stellt sich der Patient seinen Ängsten in langsam ansteigender "Dosis" unter einem entspannten Grundzustand, den er vorher mit dem Therapeuten übt. Zunächst kann es beispielsweise reichen, sich das angstbesetzte Objekt vorzustellen – etwa an eine Spinne zu denken. Im nächsten Schritt betrachtet der Patient das Bild einer Spinne. Dann sieht er sich eine lebendige Spinne an, schließlich berührt er sie. Bei jeder Übung steigt die "Angstdosis" ein wenig an.
  • Bei der Reizkonfrontation geschieht die Begegnung mit dem Angstauslöser entweder langsam oder direkt in einem Schritt (Fachbegriff: Flooding).

Während der Konfrontation schildert der Patient dem Therapeuten, wie sich die Angst anfühlt, ob sie wächst oder abflaut, welche körperlichen Symptome sich einstellen. Sinn der Übung ist, dass der Patient erlebt, wie sich die Angst zunächst steigert, dann aber nicht mehr weiter anwächst und nach einer Weile sogar von selbst verschwindet.

Der Betroffene spürt, dass er seine Furcht aushalten kann, ohne dass etwas Schreckliches passiert. Seine Symptome bessern sich von alleine wieder, um schließlich komplett abzuflauen. Das ermöglichst einen realistischeren Umgang mit der angstbesetzten Situation. Der Patient erhält die Kontrolle zurück. Die Übungen können nach Anleitung auch selbstständig im Alltag praktiziert werden.

Gruppentherapie bei Sozialphobie

Bei der sozialen Phobie kommt oft eine Gruppentherapie infrage. So haben Patienten Gelegenheit, ihre tatsächliche Wirkung auf andere in einem geschützten Rahmen zu überprüfen und Situationen in Rollenspielen zu testen. Als weitere Übung könnten sie zum Beispiel fremde Personen auf der Straße nach etwas Bestimmtem fragen.

Ziel ist auch hier, Betroffenen bewusst zu machen, dass die Angst nur bis zu einem bestimmten Grad anwächst. Oft liegt dieser Punkt deutlich unter dem Grad an Angst, den sich die Patienten zuvor ausgemalt haben. Und die Angst ebbt von alleine wieder ab.

Weitere Verfahren

Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation nach Jacobson oder autogenes Training können die Therapie unterstützen.

Tiefepsychologische Verfahren gehen den tiefer liegenden Ursachen einer Angststörung intensiver auf den Grund. Ihr Ziel ist es, die inneren Konflikte aufzudecken, die der eigentliche Grund der Phobie sein könnten (siehe Kapitel Ursachen). In ausführlichen Gesprächen suchen Patient und Spezialist nach Lösungsmöglichkeiten. Solche Therapien dauern oft mehrere Monate bis Jahre.

In jüngster Zeit werden bei Angsterkrankungen auch sogenannte achtsamkeitsbasierte Therapieverfahren eingesetzt. Bei der MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction) lernen die Betroffenen unter anderem eine achtsame Grundhaltung einzunehmen, Gedanken und Ereignisse zu akzeptieren, ohne sie zu bewerten. Dies kann – vereinfacht gesagt - hilfreich sein, Vermeidungsverhalten abzubauen und Ängste zu bewältigen.

Medikamente

Wenn die Phobie das Leben des Betroffenen sehr stark einschränkt und die Therapie behindert oder wenn eine weitere psychische Erkrankung vorliegt, kann der Spezialist unter Umständen Medikamente verschreiben. Zum Einsatz kommen vor allem Antidepressiva wie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI). Diese Substanzen beeinflussen den Stoffwechsel der Hirnbotenstoffe Serotonin oder Serotonin und Noradrenalin. In manchen Fällen können auch trizyklische Antidepressiva oder MAO-Hemmer hilfreich sein. Allerdings vergehen meistens ein paar Wochen, bis die genannten Medikamente ihre volle Wirkung entfalten.

Im Ausnahmefall kann der Arzt auch beruhigende Medikamente verordnen. Dabei ist zu beachten, dass die immer noch am häufigsten verwendeten Medikamente – die sogenannten Benzodiazepine – abhängig machen können. Sie sollten wirklich nur im Notfall verordnet werden. Es gibt auch beruhigende Medikamente, die kein Abhängigkeitsrisiko aufweisen.

Auch bestimmte sogenannte atypische Neuroleptika können sich bei Betroffenen mit Angststörungen positiv auswirken, ohne dass ein Abhängigkeitsrisiko besteht.

Patienten sollten sich bei ihrem Arzt zu den Medikamenten ausführlich beraten lassen – über mögliche Nebenwirkungen und Vorteile.

Professor Dr. Ulrich Voderholzer ist Ärztlicher Direktor der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee und Experte für Zwangserkrankungen, Schlafstörungen und Depressionen.