Ein neues Virus – ein neues Problem?

In China haben sich Menschen mit einem neuartigen Grippevirus vom Schwein angesteckt. Droht uns eine zweite Pandemie? Antworten auf die wichtigsten Fragen

von Dr. Christian Heinrich, 09.07.2020

Wo und wann wurde der neuartige Erreger entdeckt?

Über mehrere Jahre haben chinesische Wissenschaftler 30.000 Nasenabstriche von Schweinen in chinesischen Schlachthöfen entnommen. Dabei haben sie insgesamt 179 verschiedene Schweinegrippe-Viren gefunden. Während Atemwegsinfekte, die durch die Viren hervorgerufen werden, bei den Borstentieren in der Regel harmlos verlaufen, kann eine Infektion für Menschen durchaus Probleme bereiten. So gab es 2009 bereits eine Schweinegrippe, die auf den Menschen übergesprungen ist. Damals lag die Zahl der daran gestorbenen Menschen bei mehr als 150.000.

Auch unter den 179 gefundenen Schweinegrippeviren fand sich wieder eine Variante, die offenbar auch Menschen krank machen kann. Sie trägt den Namen "G4 EA H1N1", kurz G4. Das Virus kursiere offenbar schon seit 2016, schreiben die Forscher im Fachmagazin PNAS. Anhand von 338 Blutproben von Arbeitern in Schweinefarmen konnten die Wissenschaftler zeigen, dass G4 auf den Menschen übertragbar ist: Etwa zehn Prozent der getesteten Menschen wiesen Antikörper gegen das Virus auf.

Was genau ist G4 für ein Virus?

G4 ist ein Grippevirus, ein Schweinegrippevirus. Die meisten Schweinegrippeviren springen nicht auf den Menschen über, sondern kursieren lediglich unter Schweinen. G4 hingegen kann auch auf den Menschen übertragen werden. Das zeigen nicht nur die getesteten Mitarbeiter von Schweinefarmen, die Antikörper gegen G4 aufweisen. Die Forscher fanden in weiteren Tests auch heraus, dass das Virus sich in menschlichen Zellen vermehren kann. Dabei dringt das G4-Virus in Zellen der Atemwege ein und vermehrt sich dort.

Wie gefährlich ist das G4-Virus?

Derzeit infiziert das Virus zwar Menschen, es macht sie jedoch offenbar nicht merklich krank: Diejenigen Menschen, die positiv getestet wurden, konnten sich an keinerlei Beschwerden erinnern. Allerdings waren die bislang infizierten Mitarbeiter auch überwiegend recht jung und gesund. Bei vorbelasteten Menschen, etwa mit einem geschwächten Immunsystem, könnte es womöglich Beschwerden hervorrufen. Das würde sich zeigen, wenn das Virus sich ausbreitet. Zudem kann sich das Erbgut von G4 verändern, also mutieren – was wiederum Folgen für seine Gefährlichkeit haben kann.

Kann es zu einer Pandemie kommen?

Zurzeit deutet alles darauf hin, dass das G4-Virus zoonotisch ist, also zwischen Tier und Menschen übertragen werden kann. Und den Forschern zufolge besitzt G4 alle wesentlichen Eigenschaften, um auch von Mensch zu Mensch übertragen werden zu können – auch wenn ein solcher Fall bislang nicht beobachtet wurde. Eine Pandemie, also eine weltweite Ausbreitung, ist damit theoretisch möglich. Doch das bedeutet noch lange nicht, dass es dazu wirklich kommt und dass sie ein Ausmaß ähnlich der Corona-Pandemie annimmt.

Denn Pandemien sind an sich nichts Ungewöhnliches und kommen immer wieder vor – häufig bemerken wir sogar nichts davon. Dass die Corona-Pandemie das Leben weltweit auf den Kopf gestellt hat und umfassende Schutzmaßnahmen wie Abstand halten und Mundschutz nötig macht, liegt vor allem an der gleichzeitigen Ausbreitungsgeschwindigkeit und Gefährlichkeit des Erregers für Menschen mit Vorerkrankungen.

Lässt sich eine Erkrankung durch G4 behandeln?

Hier liegt der große, beruhigende Unterschied zum neuartigen Coronavirus: Die medizinische Forschung ist schon heute recht gut gerüstet zur Behandlung von eine durch G4 hevorgerufene Grippe-Erkrankung. Zum Einen dürfte die Impfstoffentwicklung leichter fallen: "Einmal im Jahr wird bereits ein saisonaler Influenza-Impfstoff entwickelt. Das ist eine ausgezeichnete Basis dafür, um auch gegen diese Variante des Influenza-Virus einen Impfstoff zu entwickeln", sagt Professor Peter Palese, Leiter der Klinik für Mikrobiologie an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York. Aber auch bei der Behandlung einer Influenza gibt es – anders als beim neuartigen Coronavirus – bereits Medikamente, die zumindest ein Stück weit wirksam sind.

Was wird jetzt getan?

Früh reagieren, wenn es zu einer Ausbreitung kommt, um Übertragungswege rasch einzudämmen und eine Pandemie zu verhindern oder zumindest klein zu halten: Wie wichtig das ist, hat auch die aktuelle Pandemie mit dem neuartigen Coronavirus gezeigt. Diejenigen Länder wie Deutschland, die recht schnell und umfassend reagiert hatten, sind bisher vergleichsweise glimpflich davongekommen. Voraussetzung dafür ist, dass eine sich anbahnende Pandemie rechtzeitig erkannt wird. Deshalb ist für G4 zunächst entscheidend, die Lage genau zu beobachten. So schreiben auch die chinesischen Forscher in ihrer Studie, die Ausbreitung der G4-Viren in den Schweinen sollte unbedingt kontrolliert und der Virus-Status der Mitarbeiter in der Schweinewirtschaft engmaschig verfolgt werden.