Covid-19 überstanden: Alles wie vorher?

Die meisten Menschen erholen sich vollständig von einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus. In wenigen Fällen hinterlässt es aber auch bleibende Schäden. Das kann mehrere Organe betreffen

von Dr. Christian Heinrich, 10.06.2020

Das Virus kommt, man wird krank, wird in den Statistiken jetzt als "Infizierter" geführt,  das Virus geht, man wird gesund, gilt fortan als "Genesener" – diesen Weg sind in Deutschland bereits mehr als 170.000 Menschen gegangen: So viele haben eine Infektion mit SARS-CoV-2 bislang durchgemacht und überstanden. Doch ist, nachdem der Körper das Virus besiegt hat, wirklich alles wieder genauso wie zuvor? Oder hinterlässt die Krankheit Spuren, bleibt die Gesundheit in manchen Bereichen gar dauerhaft eingeschränkt?

Intensive Forschung zu Langzeitfolgen

Die Frage, welche Langzeitfolgen eine überwundene Covid-19-Infektion haben kann, beschäftigt zurzeit Mediziner und Wissenschaftler weltweit. Manche Studien deuten an, dass das Virus im Körper einiger Patienten – insbesondere bei solchen mit schweren Verläufen – nachhaltige Schäden hinterlässt. Und das gleich auf mehreren Ebenen.

Es beginnt in der Lunge und in den Atemwegen: "Das Virus greift das Lungengewebe direkt an. Dort entsteht eine Entzündung, Pneumonie genannt, und unzählige Lungenzellen werden geschädigt", sagt Professor Berthold Jany, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Ist der Verlauf besonders schwer und langwierig, werden in seltenen Fällen Teile des gesunden Lungengewebes, das für den Sauerstoffaustausch verantwortlich ist, durch Bindegewebe ersetzt, eine Lungenfibrose ensteht. Dadurch gelangt der Sauerstoff schlechter ins Blut. "Die Leistung der Lunge ist in solchen Fällen eingeschränkt. Manchmal merkt man das kaum, es kann aber auch vorkommen, dass man schon bei kleineren Anstrengungen rasch kurzatmig wird", erklärt Jany.

Die Lunge hat großes Erholungspotenzial

Aber die Lunge besitzt auch großes Erholungspotenzial, das weiß man von anderen entzündlichen Lungenerkrankungen: "Jährlich werden in Deutschland mehr als 290.000 Patienten wegen Lungenentzündungen stationär behandelt. In den allermeisten Fällen erholen sich die Erkrankten vollständig davon", sagt Professor Martin Witzenrath, Stellvertretender Klinikdirektor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie an der Charité Universitätsmedizin Berlin. Nur wenn der Verlauf schwer war, kommt es in wenigen Fällen auch vor, dass ein Teil des Lungengewebes sich davon nicht erholt und eine Lungenfibrose zurückbleibt.

Inwieweit sich solche Erfahrungen auf die Pneumonie durch das neuartige Virus SARS-CoV-2 übertragen lassen, ist noch offen. "Es gibt keinen Patienten, bei dem die Covid-19-Erkrankung mehr als vier, fünf Monate zurückliegt und somit fehlen uns hierzu noch die wissenschaftlichen Erkenntnisse. Daher können wir noch nichts sicher über die Langzeitfolgen sagen", erklärt Professor Michael Dreher, Direktor der Klinik für Pneumologie und Internistische Intensivmedizin am Uniklinikum Aachen.

Je leichter der Verlauf, desto besser die Langzeit-Prognose

Doch es gibt Erkenntnisse, Tendenzen und Hinweise, die Aussagen zulassen, die zumindest an Sicherheit grenzen. Klar scheint: Je leichter der Verlauf von Covid-19, desto kleiner das Risiko für Langzeitfolgen. Man teilt die Verläufe mittlerweile in drei Gruppen ein.

1. Die leichten Verläufe: Menschen, die zwar mit SARS-CoV-2 infiziert waren, aber nur leichte Symptome entwickelt haben. Mediziner gehen davon aus, dass es hier auch keine Langzeitfolgen gibt. Doch auch dies gilt noch nicht als zu 100 Prozent sicher. "Es gibt Berichte von Menschen, die sagen, dass sie nur leicht erkrankt waren – und dann aber wochenlang den Eindruck hatten, nicht mehr so fit zu sein wie zuvor. Zudem gibt es Menschen, die nach einer Covid-19-Erkrankung unabhängig von ihrer Schwere an einer Herzmuskelerkrankung leiden", sagt Witzenrath. "Bislang sind das nur sehr wenige Fälle angesichts der Vielzahl an Infektionen. Trotzdem sollte man hier zur Sicherheit noch einmal genauer hinschauen."
2. Die mittelschweren Verläufe: Patienten, die größtenteils ins Krankenhaus aufgenommen wurden, aber nicht beatmet werden mussten. "Auch hier ist normalerweise eine vollständige Erholung zu erwarten", sagt Witzenrath. "Es kann aber zwei bis drei Monate dauern, bis die Lunge wieder ganz frei von Entzündungszeichen ist, zumindest zeigt dies unsere Erfahrung mit anderen Pneumonien."

3. Die schweren Verläufe: Covid-19-Patienten, die künstlich beatmet werden mussten. Bei ihnen bestehen am ehesten langfristige Gesundheitsschäden und Folgeerkrankungen. Manchmal kann die künstliche Beatmung Langzeitfolgen nach sich ziehen. Sie ist zunächst eine lebensrettende Maßnahme: Wenn die durch Covid-19 angegriffene und geschwächte Lunge nicht mehr in der Lage ist, den Körper mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen, kann das bald zu Organschäden und zum Tod führen. Die künstliche Beatmung unterstützt die akut geschädigte Lunge und verschafft dem Körper lebenswichtige Zeit, um den Kampf gegen das Virus zu gewinnen.

Einmal begonnen, kann eine künstliche Beatmung erst beendet werden, wenn die Lunge wieder ausreichend genesen ist, um den Körper mit Sauerstoff zu versorgen. Bei Covid-19 ist die Beatmungsdauer jedoch meist sehr hoch, nicht selten muss mehr als zehn Tage beatmet werden. Vor allem wenn über einen solch langen Zeitraum beatmet werden muss, haben sich die Lunge und die Atemmuskulatur auch ein Stück weit entwöhnt von ihrer sonst ununterbrochenen Aktivität. "Da kann es manchmal viele Monate dauern, bis Lunge und Atemmuskulatur wieder voll leistungsfähig sind", sagt Dreher.

SARS-CoV-2 befällt viele Organe

Deutlich häufiger als die Beatmung ist aber die schwere Erkrankung selbst die Ursache für langfristige Schäden. Das liegt auch daran, dass Covid-19 nicht nur die Lunge, sondern mehrere Organe betrifft. Mediziner sprechen von einer Multiorganerkrankung.

Gefäßsystem: Das Gefäßsystem etwa wird durch das Virus gleich in vielerlei Hinsicht angegriffen. "Vieles deutet darauf hin, dass ein Viertel aller Covid-19-Patienten an Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestorben sind. Das liegt daran, dass das Virus direkt oder indirekt unter anderem zu Herzinfarkten, Herzmuskelentzündungen und Herzrhythmusstörungen führen kann", sagt Professor Thomas Münzel, Direktor des Zentrums für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz. Es sei deshalb davon auszugehen, dass auch bei einem kleinen Teil der Genesenen bleibende Schäden im Herz-Kreislauf-System auftreten können. "Eine schwere Herzmuskelentzündung zum Beispiel kann dazu führen, dass die Leistungsfähigkeit des Herzens dauerhaft herabgesetzt ist. Man fühlt sich dann weniger belastbar und ist schneller kurzatmig und erschöpft", sagt Münzel.

Blutgerinnung: Zudem ist vor allem während und in der Zeit unmittelbar nach der Infektion manchmal die Gerinnung gestört, entsprechend steigt das Risiko für die Bildung von Thromben – das sind Blutgerinnsel, die zu Gefäßverschlüssen führen können. Eine Erklärung dafür könnte der sogenannte Zytokinsturm sein, der bei aggressiven Infektionen durch Botenstoffe des Körpers hervorgerufen wird: Das Immunsystem schießt dann gewissermaßen über das Ziel hinaus und kann unter anderem das sensible Gerinnungssystem aus dem Gleichgewicht bringen.

Dies führt zur erhöhten Thromboseneigung, die nicht nur ein gesteigertes Risiko für eine lebensgefährliche Lungenembolie und den erwähnten Herzinfarkt birgt. Sie kann sich auch im Gehirn zeigen und dort zu Schlaganfällen führen. Diese wiederum können – ebenso wie Herzinfarkte –dauerhafte Folgen haben. Es wurden bereits bei einigen Patienten mit Covid-19 Lähmungen, Sprach- und Sehstörungen beobachtet: ein Zusammenhang mit einem durch die Erkrankung ausgelösten Schlaganfall liegt nahe.

Nervensystem: Ein weiteres Risiko für das Gehirn ist das Virus selbst: Es gibt Fälle, bei denen SARS-CoV-2 im Nervenwasser nachgewiesen wurde und es im Gehirn zu einer Entzündung kam, in der Fachsprache Meningo-Enzephalitis. "Das ist glücklicherweise nach aktuellem Kenntnisstand sehr selten. Aber wenn es geschieht, kann das langfristige Folgen haben. Es können etwa dauerhafte kognitive Probleme wie Gedächtniseinschränkungen entstehen", sagt Professor Peter Berlit von der Deutschen Neurologischen Gesellschaft. Das Virus könnte in solchen seltenen Fällen über den Riechnerv, dessen Enden im Nasen-Rachenraum liegen, ins Gehirn gewissermaßen hinaufwandern. Weil der Riechnerv recht häufig befallen wird, kommt es auch bei vielen Erkrankten zu Riech- und Geschmacksstörungen. "Das Geruchssinn erholt sich aber nach derzeitigem Kenntnisstand meist wieder vollständig", sagt Berlit.

Nieren: Auch die Nieren greift das Virus häufig an, vor allem bei schweren Verläufen. Unter denjenigen Patienten, die auf einer Intensivstation behandelt werden müssen, brauchen mehr als ein Drittel eine Nierenersatztherapie, weil es vorübergehend zu einem Nierenversagen kommt. In den allermeisten Fällen erholt sich die Niere zwar und kann ihre Funktion wieder aufnehmen, aber sie bleibt häufig anfälliger für künftige Erkrankungen und Infektionen.

Dennoch: Bei der Mehrheit keine bleibenden Spuren 

Lunge, Herz, Gefäße, Gehirn, Niere: Betrachtet man all die Organe, wo Schäden durch Covid-19 beobachtet wurden, bekommt man den Eindruck, als könne das neuartige Coronavirus den ganzen Körper angreifen und lahmlegen. Doch dass mehrere Organe beteiligt sind, ist bei sehr vielen Infektionen der Fall. Und man hat bei der großen Mehrzahl der mittlerweile millionenfachen Genesenen schon nach wenigen Tagen und Wochen auch beobachten können, dass sie sich vollständig erholt hatten. Bei den meisten Menschen ist es also sehr wahrscheinlich, dass SARS-CoV-2 kommt und wieder geht – ohne Spuren zu hinterlassen.