Heiße Tasse: Arzneitees mit Heilkräutern

Wer erkältet ist, sich den Magen verdorben hat, schlecht schläft oder unter einem Infekt der Harnwege leidet, sollte nicht abwarten – sondern Arzneitee trinken. Wissenswertes über das beliebte Hausmittel

von Barbara Kandler-Schmitt, aktualisiert am 27.05.2019

Die wohl älteste Arzneiform der Welt kann auf eine lange Geschichte zurückblicken, ist aber keineswegs von gestern. "Zwar sind Arzneitees inzwischen aus dem Blick vieler Ärzte verschwunden, aber die Patienten lieben sie trotzdem", sagt Karin Kraft, Professorin für Naturheilkunde an der Universitätsklinik Rostock.

Laut Statistischem Bundesamt nutzen rund elf Millionen Bundesbürger zumindest hin und wieder den Aufguss heilender Pflanzen. Vor allem bei der Therapie von Erkältungen und Verdauungsbeschwerden, Nervosität und Harnwegsinfekten nehmen Arzneitees einen großen Stellenwert ein. "Auch wenn wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweise oft fehlen, ist der Einsatz bei Alltagsbeschwerden aufgrund jahrhundertelanger Erfahrungswerte durchaus gerechtfertigt", meint Expertin Kraft.

Ein gutes Ritual

Zwar wirken Tees in der Regel nicht gegen die Ursachen einer Erkrankung, lindern aber die Symptome und unterstützen die Heilung. Psychologische Effekte will die Internistin dabei nicht ausschließen: "Wer sich die Zeit nimmt, einen Tee zuzubereiten, hat allein schon durch dieses Ritual das Gefühl, sich ­etwas Gutes zu tun."

Auch die erhöhte Trinkmenge und das heiße Wasser entfalten Wirkung. Bei Harnwegsinfekten etwa spült die Flüssigkeit Krankheitserreger aus, bei Erkältungen verflüssigt sie den Schleim und erleichtert das Abhusten, bei Fieber hilft das heiße Wasser beim Schwitzen und senkt so die Körpertemperatur.

Qualitätsprüfung

Weitere, spezifischere Effekte entfalten die verwendeten Pflanzenteile. Pharmazeutisch gesehen handelt es sich bei Tee um einen wässrigen Auszug. Zerkleinerte Pflanzenteile werden mit kochendem Wasser übergossen und ziehen gelassen. Ergebnis ist ein komplexes Gemisch aus natürlichen Inhaltsstoffen – darunter ätherische Öle, entwässernde Flavonoide oder entzündungshemmende Gerbstoffe. "Wie bei allen pflanzlichen Arzneimitteln ist auch bei den Tees das Zusammenspiel der verschiedenen Substanzen für die Wirkung verantwortlich", erklärt ­Josepha Wallbrecher, Inhaberin einer Apotheke in München.

Kräutertees, die mehr für sich beanspruchen, als gut zu schmecken, müssen allerdings hohe Anforderungen erfüllen. Um sich Arzneitee nennen zu dürfen, müssen die verwendeten Mischungen vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zugelassen sein – wie jedes andere Medikament auch. Die Zulassungsnummer auf der Packung garantiert, dass der Tee sogenannte Arzneibuch-Qualität hat, also den europäischen Vorgaben hinsichtlich Identität, Reinheit und Wirkstoffgehalt entspricht.

Kräuterteemischungen aus dem Supermarkt oder der Drogerie erfüllen diese Anforderungen in der Regel nicht und gelten deshalb als Lebensmittel. "Ihr Wirkstoffgehalt liegt oft deutlich unter dem der Apothekenware", sagt Wallbrecher. "Außerdem werden sie weniger streng auf Schwermetalle, Pestizide und Mikroorganismen untersucht." Deshalb können nicht als Arznei zugelassene Tees mitunter unerwünschte oder gar schädliche Stoffe enthalten, beispielsweise weil die Rohstoffe nicht sachgemäß behandelt oder versehentlich Unkräuter mit verarbeitet wurden.

Richtige Zubereitung und Dosierung

Medizinerin Kraft rät ihren Patienten, Arzneitees in der Apotheke zu kaufen: "Nur dort sind eine einwandfreie Qualität und Wirksamkeit garantiert." Die sachkundige Beratung zu Anwendungsgebieten und Zubereitung gibt es gleich mit dazu. Denn über die medizinische Wirkung entscheidet nicht nur die Qualität der Ausgangspflanzen: Damit genügend Inhaltsstoffe im Sud landen, muss die Teemischung ausreichend dosiert sein und lange genug ziehen.

"Wenn nichts anderes angegeben ist, wird der Tee mit kochendem Wasser übergossen und zehn Minuten ziehen gelassen", erklärt Apothekerin Wallbrecher. Um zu verhindern, dass mit dem Wasserdampf Inhaltsstoffe verdunsten, sollte man das Gefäß abdecken.

Es gibt allerdings Ausnahmen von dieser Regel: "Sogenannte Schleimdrogen wie Isländisch Moos oder Eibisch etwa setzt man mit kaltem Wasser an, lässt sie einige Stunden ziehen und kocht sie vor dem Trinken aus hygienischen Gründen kurz auf", sagt Wallbrecher.
Als Naturprodukte enthalten pflanzliche Ausgangssubstanzen immer auch Mikroorganismen. Damit sich diese beim Kontakt mit Wasser und Luft nicht stark vermehren, sollte man Arzneitees immer frisch aufgießen und baldmöglichst trinken. Vor allem schleimhaltige Drogen sind anfällig für Keime.

Aufbewahrung

Wird der Tee über längere Zeit stehen gelassen oder in der Thermoskanne aufbewahrt, können sich zudem Inhaltsstoffe verflüchtigen oder zersetzen. Das Neue Rezeptur-Formularium, das Standardwerk für die Arzneimittelherstellung in der Apotheke, nennt für wässrige Zubereitungen aus Teemischungen unkonserviert eine Aufbrauchfrist von 24 Stunden. Bewahrt man den Tee im Kühlschrank auf, verlängert sich der empfohlene Zeitraum auf drei Tage.

Arzneitees sind in Filterbeuteln erhältlich oder als lose Teemischungen. "Teefilterbeutel sind praktisch in der Handhabung, da sie bereits vordosiert sind und nach der vorgegebenen Ziehzeit unkompliziert entfernt werden können", sagt Apothekerin Wallbrecher. Weil das pflanzliche Ausgangsmaterial in Teebeuteln meist feiner geschnitten sei als bei loser Ware, gelangten zudem die Inhaltsstoffe schneller in den Aufguss.

Individuelle Mischung

Nachteil: Flüchtige Inhaltsstoffe können bei längerer und zu warmer Lagerung durch den Filterbeutel verdunsten. Vor allem, wenn der Tee lediglich in Papiertütchen und Pappschachteln verpackt ist. "Arzneitees müssen in luftdicht versiegelte Tütchen aus aromadichtem Material verpackt sein", betont Wallbrecher.

Wer es umweltfreundlicher mag, ist mit loser Ware besser bedient. Außerdem lässt sie sich auf Wunsch zu in­dividuellen Teemischungen zusammenstellen. Viele Apotheken bieten ihren Kunden diesen Service an, auch Josepha Wallbrecher.

"Nicht jede Pflanzenkombi macht allerdings Sinn", sagt sie. Etwa wenn Bestandteile unterschiedlich lang ziehen müssen oder verschieden schwer sind und sich deshalb leicht entmischen. Oder wenn Inhaltsstoffe sich in ihrer Wirkung beeinträchtigen. "Es ist wichtig, sich bei individuellen Wünschen in der Apotheke beraten zu lassen."

Außer zum Trinken eignet sich lose Heilkräuter-Ware auch zur Herstellung größerer Aufgussmengen, zum Beispiel für Umschläge, Inhalationen oder Sitzbäder. In der Apotheke werden die Mischungen meist in beschichtete Papiertüten abgefüllt. Zu Hause sollte man sie jedoch in Blechdosen aufbewahren, um Wirkstoffverluste zu vermeiden. "Die Dosen nicht in der Küche lagern, weil Hitze und Feuchtigkeit die Haltbarkeit stark beeinträchtigen", rät Wall­brecher.

Eine ruhige Tasse Tee

Trotz ihrer milden Wirkung sind auch bei Arzneitees Gegenanzeigen zu beachten. Patienten mit fortgeschrittener Herz- oder Nierenschwäche etwa müssen ihre Flüssigkeitszufuhr einschränken. "Wer bereits längere Zeit Beschwerden hat, sollte beim Arzt die Ursache abklären lassen", betont Internistin Kraft. Bei bekannten Magen- und Lebererkrankungen rät sie ebenfalls, vor einer Teekur mit dem behandelnden Arzt zu sprechen. In allen anderen Fällen können sich die Patienten entspannt zurücklehnen – und erst einmal in Ruhe eine Tasse Tee trinken.