Organspende: "Entscheiden Sie sich!"

Professor Matthias Anthuber von der Universitätsklinik Augsburg sieht es als Bürgerpflicht, sich für oder gegen die Organspende zu entscheiden

von Dr. Achim G. Schneider, 11.04.2019

Herr Professor Anthuber, ab April soll ein Gesetz Kliniken darin stärken, mögliche Organspenden auch zu realisieren. Eine gute Neuerung?

Das Gesetz ist sicher sehr hilfreich. Doch es genügt nicht. So sprechen sich  84 Prozent der Menschen in Deutschland für die Organspende aus, doch nur 36 Prozent dokumentieren das mit einem Spenderausweis. Diese Kluft macht deutlich, dass wir mehr als dieses Gesetz brauchen. Zum Beispiel die Widerspruchslösung, über die aktuell debattiert wird.

Wer nicht schriftlich widerspricht, wäre damit künftig automatisch ein Organspender. Was halten Sie von dem Einwand, dass fehlender Widerspruch nicht einfach als Zustimmung gewertet werden könne?

Manche Kritiker sagen sogar, die Widerspruchslösung entspreche einer Organ-­Abgabepflicht und habe mit einer Spende nichts mehr zu tun. Ich halte das für eine falsche Interpretation. Es bestünde lediglich die Pflicht, eine Entscheidung zu treffen und sie bekannt zu geben. Mit einem "Nein" kommt man als Organspender nicht mehr infrage.

Manche halten es für unangemessen, ein "Ja" oder "Nein" zu erzwingen.

Ich meine, man darf das. Wir müssen uns gegenüber dem Staat ständig erklären: Wo wir wohnen, wie viel wir verdienen und so weiter. Wenn wir den Solidargedanken zu Ende denken, können wir auch erwarten, dass Menschen in einer so wichtigen Frage wie der Organspende eine Entscheidung fällen. Und wenn man sich damit gar nicht befassen möchte, stimmt man mit "Nein". Im Übrigen kann man sich jederzeit umentscheiden.

Viele Menschen sehen die Organspende generell positiv, scheuen aber davor zurück, das mit einem "Ja" zu dokumentieren. Woran liegt das?

An diffusen Ängsten und Vorbehalten. So höre ich häufig die Frage: Werden Ärzte mich bei einer schweren Hirnschädigung noch voll behandeln oder eben nicht, weil sie in mir schon den Organspender sehen? Für mich ist das eine abstruse Vorstellung. Denn das käme einer bewussten Tötung gleich.

Besteht nicht eher bei manchen die  Sorge, quasi noch am Leben zu sein, wenn Organe entnommen werden?

Viele Menschen, darunter auch Ärzte und Pfleger, haben das Konzept des Hirntods intellektuell noch nicht wirklich durchdrungen. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Ich vergleiche den Hirntod mit einer inneren Enthauptung. Groß-, Mittel- und Stammhirn sind zerstört und damit auch alle grundlegenden Lebensfunktionen erloschen.

Im Mai 2018 ging ein Fall aus den USA durch die Presse. Ein 13-Jähriger wachte auf, nachdem Ärzte ihn für hirntot erklärt hatten.

In keinem Bericht darüber wird erwähnt, ob nach den bei uns üblichen Standardkriterien eine Hirntod-Dia­gnostik erfolgt ist. In Deutschland stellen zwei damit erfahrene Ärzte unabhängig voneinander und bei Kindern im zeitlichen Verlauf mehrmals den irre­versiblen Hirnausfall fest. Bestätigt werden die klinischen Befunde durch Ergebnisse von technischen Untersuchungen wie Ableitung der Hirnstromkurve, Ultraschall und Angiografie. Ein Irrtum ist unter den hiesigen Bedingungen also ausgeschlossen.

Eine Entnahme findet auch nur statt, wenn die Angehörigen zustimmen.

Diese Situation ist für alle Seiten ex­trem belastend. Es handelt sich sicher um eines der schwierigsten Gespräche, die man als Arzt führen muss. Die Angehörigen empfinden eine so unglaubliche Trauer, dass sie sich mit dem Gedanken an die Organspende nicht beschäftigen wollen. Auch ihnen würde es sehr helfen, wenn die Entscheidung dafür oder dagegen zu Lebzeiten klar dokumentiert würde.

Sie werben für die Organspende. Was ist Ihr stärkstes Argument?

Man eröffnet damit Todkranken die Chance auf ein längeres, qualitätvolles Leben. Derzeit sterben in Deutschland täglich rund drei Menschen auf der Warteliste. Wenn wir mehr Organspender hätten, könnten wir die Not etwas lindern.