Altersgerechte Arzneitherapie

Ältere Menschen nehmen meist mehr Arzneimittel als jüngere, vertragen sie aber schlechter. Zum Beispiel können die Inhaltsstoffe bei verringerter Nierenfunktion länger im Körper bleiben

von Barbara Kandler-Schmitt, 08.02.2019

Etwa 40 Prozent aller Bundesbürger über 65 Jahre nehmen täglich mindestens vier Arzneimittel ein. Bei jedem dritten ab 75 Jahren sind es sogar mehr als acht. Je mehr Arzneien ein Patient braucht, umso eher beeinflussen sich die Mittel gegenseitig. "Doch Wechselwirkungen sind bei älteren Menschen noch das kleinste Problem", sagt Professor Martin Wehling vom Zentrum für Gerontopharmakologie der Universität Heidelberg in Mannheim.

Gravierender sei, dass Medikamente oft zu hoch dosiert werden: "Die Nierenfunktion nimmt im Alter deutlich ab, weshalb Arzneimittel, die über die Nieren ausgeschieden werden, länger im Körper bleiben." Werde die Dosis dann nicht reduziert, könne das gefährliche Überdosierungen zur Folge haben.

Risken und Nebenwirkungen

Außerdem reagiert ein älterer Organismus auf viele Wirkstoffe empfindlicher als ein jüngerer, zum Beispiel auf Schmerz-, Schlaf- und Beruhigungsmittel oder Präparate gegen Parkinson, Depressionen oder Epilepsie. Bei älteren Menschen führen diese Arzneien oft zu Schwindel und Müdigkeit, Verwirrung und erhöhter Sturzgefahr. Nicht selten leidet auch die geistige Leistungsfähigkeit – was Betroffene und Angehörige dann oft für eine beginnende Demenz halten.

Selbst mit rezeptfreien Schmerzmitteln wie Ibuprofen oder Diclofenac müssen ältere Menschen vorsichtig sein. Sie können Herz und Niere schädigen und erhöhen das Risiko von Magen-Darm-Blutungen um das Fünffache, weil die Magenschleimhaut weniger schützenden Schleim produziert. Diese Nebenwirkung wird oft erst spät erkannt: Magengeschwüre sind im Alter weniger schmerzhaft, äußern sich eher durch Appetitlosigkeit und Gewichtsabnahme.

Um die Arzneimittelsicherheit bei älteren Patienten zu erhöhen und den verordnenden Ärzten Hilfsmittel an die Hand zu geben, haben Forscher Listen mit Wirkstoffen erstellt, die im Alter besonders riskant sein können und deshalb vermieden werden sollten. "Die meisten davon, etwa die Priscus- Liste, sind aber Negativlisten. Sie geben nicht an, was für ältere Patienten gut ist", sagt Wehling.

Forta-Liste: Fit for the Aged

Der Experte für klinische Pharmokologie hat deshalb die Forta-(Fit for The Aged-)Liste entwickelt. Sie teilt Arzneimittel in vier Gruppen ein – von unverzichtbar bis ungeeignet. "Trotz hoher Verordnungszahlen sind Senioren oft mit wirksamen und geeigneten Medikamenten unterversorgt", sagt Wehling. Als Beispiel nennt er Gerinnungshemmer, die bei Patienten mit Vorhofflimmern das Schlaganfallrisiko senken.

In der Regel orientieren sich Ärzte bei der Behandlung an Leitlinien, erarbeitet von medizinischen Fachgesellschaften anhand der aktuellen Forschungslage. "Allerdings werden Arzneimittel vorwiegend an jüngeren Menschen getestet, sodass diese Empfehlungen für Senioren gar nicht geeignet sind", sagt Wehling. "Ältere Patienten müssen immer individuell behandelt werden."

Auf einen Blick

Die Forta-Liste hilft Ärzten, die oft sehr komplexe Medikation ihrer älteren Patienten zu überprüfen: Neben Arzneimitteln, die für Ältere riskant sind, nennt sie für Senioren nachweislich nützliche Präparate. Diese Positiv-Negativ-Bewertung wurde von Experten anhand der aktuellen Datenlage erarbeitet.

Die aktuelle Forta-Liste ist auf der Internetseite der Universität
Heidelberg als PDF-Datei sowie als kostenlose App für Smartphones verfügbar: www.umm.uni-heidelberg.de/ag/forta/

Inzwischen hat eine Studie bestätigt, dass Patienten, die ihre Medikamente laut Forta-Liste verordnet bekommen, weniger von Nebenwirkungen betroffen sind. Die Liste wendet sich in erster Linie an Hausärzte, kann aber auch den Patienten zur Orientierung dienen. "Allerdings dürfen sie niemals ohne Rücksprache mit dem Arzt Medikamente absetzen oder die Dosis reduzieren", warnt Wehling.

Menschen, die mehrere Arzneimittel brauchen, rät er, sich einen Hausarzt und eine Stammapotheke zu suchen – und ruhig auch mal kritische Fragen zu stellen. Um die Sicherheit zu verbessern, aber auch um die Chancen einer medikamentösen Therapie zu nutzen, müssen Ärzte und Apotheker einen vollständigen Überblick über die Medikation ihrer Patienten haben.

Medikationsdatei und Medikationsplan

"Wir können umso besser beraten, wenn sie uns umfassend informieren und vertrauensvoll über ihre Probleme reden", sagt der Würzburger Apothekeninhaber Martin Hümpfner. Für seine Stammkunden führt er auf Wunsch eine Medikationsdatei, die unter anderem mögliche Wechselwirkungen und Doppelverordnungen aufdeckt.

Auch ein Medikationsplan vom Hausarzt hilft allen Beteiligten, den Überblick zu behalten. Neben den verordneten Wirkstoffen enthält er Einnahmehinweise und Dosierungen. "Ich bin jedenfalls  froh, wenn Patienten den Plan mit in die Apotheke bringen", sagt Hümpfner. "Das erleichtert auch die Abstimmung mit dem Hausarzt."

Hilfe bei komplizierter Anwendung

Zudem tun sich ältere Menschen oft schwer bei der Anwendung ihrer Arzneimittel: Schluckbeschwerden, Pro­bleme beim Sehen, Schmerzen in den Händen oder schlicht Vergesslichkeit hindern sie daran, ihre Medikamente einzunehmen wie vom Arzt verordnet. Dann versucht Apotheker Hümpfner, individuelle Lösungen zu finden: "Ta­bletten, die sich nicht zerteilen oder auflösen lassen, können mit einem gleitfähigen Überzug versehen werden und rutschen dann besser. Oder der Arzt verordnet nach Rücksprache eine flüssige Arzneiform."

Ausdrückhilfen, Tablettenteiler, Verschlussöffner für Medikamentenflaschen oder Dosierhilfen für Augentropfen erleichtern die Handhabung. Und für Patienten, die mehrmals täglich verschiedene Arzneimittel brauchen, haben sich Medikamentenspender als Erinnerungsstützen bewährt. Hümpfner rät: "Gegebenenfalls sollten diese aber von Angehörigen oder Pflegekräften befüllt werden."