Trendbehandlung Osteopathie

Die Heilmethode erlebt derzeit einen Boom. Doch die Suche nach einem guten Therapeuten ist schwierig

von Julia Rudorf, aktualisiert am 05.06.2018

Kopf bis Fuß: Von der Suche nach möglichen Störungen bleibt kein Körperteil unberührt


Was passiert eigentlich mit dem Schulterblatt, wenn man den Arm nach oben hebt? Eine Frage, die sich vermutlich kaum jemand stellt – wenn die Schulter nicht gerade schmerzt. Ein Osteopath allerdings sollte die Antwort kennen.

Etwa 40 Studierende der Hochschule Fresenius in München haben sich deshalb im Seminarraum in Zweiergruppen verteilt. Jeweils einer hebt und senkt den Arm, während der andere begutachtet und ertastet, was während der Bewegung mit Schulterblatt, Muskeln und Bindegewebe passiert. Anatomie in vivo – also am lebenden Menschen und zum Anfassen – ist einer der wichtigsten Studienbestandteile, erklärt der Studiendekan und Osteopath Frank Scheuchl. "Unser Zugang ist von der Anatomie zur Physiologie, von der Form zur Funktion."

Ursprung in den USA

Der menschliche Körper und seine komplexe Konstruktion stehen im Zentrum der Osteopathie. Entwickelt wurde die Methode Ende des 19. Jahrhunderts von Andrew Taylor Still. Der Amerikaner prägte nicht nur den Begriff Osteopathie, abgeleitet von den griechischen Wörtern Osteo (Knochen) und Pathie (Krankheit). Er gründete auch die erste Osteopathie-Schule in den USA. Bis heute berufen sich alle Osteopathen auf Stills Prinzipien.

Demnach bildet der Körper eine Funktionseinheit. Über das Ertasten bestimmter anatomischer Strukturen wie Knochen, Bänder, Muskeln und ihrer Veränderungen sollen Einschränkungen erkannt werden. Wenn zum Beispiel eine Bewegung nicht mehr möglich ist oder Schmerzen verursacht, sollen bestimmte Griff- oder Berührungs-Techniken diese Einschränkungen beheben. Angeblich setzt das die Fähigkeit des Körpers zur Regeneration und Selbstheilung in Gang. Der Therapeut leistet also Hilfe zur Selbsthilfe.

20 Millionen Behandlungen pro Jahr in Deutschland

In Deutschland fasste die Osteopathie in den 1980er-Jahren Fuß; einen wahren Boom erlebt sie seit rund zehn Jahren. Dem Verband der Osteopathen Deutschland (VOD) zufolge suchen Patienten hierzulande etwa 20 Millionen Mal pro Jahr einen Osteopathen auf.

Während viele Mediziner höchstens bei Problemen mit dem Bewegungsapparat zu einer osteopathischen ­Behandlung raten würden, fasst die Disziplin selbst ihr Einsatzgebiet weiter. Unter den Patienten befinden sich deshalb nicht nur rückenschmerzgeplagte Büroarbeiter, sondern auch Babys mit Schlafproblemen sowie Menschen mit Verdauungsbeschwerden oder Migräne

Für die Diagnose und Therapie nutzt der Osteopath vor allem seine Hände. Viele Patienten erleben die Behandlung daher oft als sanfte Berührungen. Mitunter entstehen dabei auch falsche Vorstellungen von dem, was ein Osteopath eigentlich tut, sagt Claus Habel, Mitglied im Beirat des Bundesverbandes Osteopathie (BVO). "Wir sind keine Heiler, und wir legen nicht nur die Hand auf. Wir arbeiten mit dem Wissen um Anatomie und Physiologie – also klassisch medizinisch."

Zusammen auf Augenhöhe

Als Ersatz für die sogenannte Schulmedizin will Marina Fuhrmann ihr Fach dennoch nicht sehen. "Es ist eine Form der Medizin, die die Schulmedizin wunderbar ergänzt", betont die Professorin für Osteopathie und Vorsitzende des VOD. In ihrer Praxis in Wiesbaden arbeiten sie und ihre Kollegen mit Medizinern aus verschiedenen Fachrichtungen zusammen. Diese Kooperation auf Augenhöhe wäre auch das, was sich ihr Verband und der Bundesverband Osteopathie wünschen. Sie vertreten die Interessen von mittlerweile etwa 7000 Mitgliedern.

Welche Art von Osteopathen den Pa­tienten helfen sollten oder nicht, ist aber bislang umstritten. Angeboten wird die Methode von Ärzten, Physiotherapeuten und Heilpraktikern. Allerdings hat nicht jeder tatsächlich die Qualifikation, die die Verbände für ihre Mitglieder voraussetzen. "Die Bezeichnung Osteopath ist nicht geschützt und sagt nicht aus, ob der­jenige tatsächlich eine mehrjährige Ausbildung hinter sich hat, ob er ein Studium oder nur einen Wochenendkurs besucht hat", beklagt Fuhrmann.  "Der akademisch ausgebildete Osteopath kann sich nach außen nicht für die Patienten kenntlich machen."

Die in Verbänden organisierten Osteopathen kämpfen deshalb schon lange für ein eigenes Berufsgesetz, das sie als eigenen Heilberuf mit definierter Ausbildung und Qualifikation sieht. Ärzteverbände wehren diese Versuche entschieden ab. "Die Osteopathie gehört zwingend in die Hände von qualifizierten Ärzten und Physiotherapeuten", sagte etwa letztes Jahr Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer.

Effekte auf Bewegungsapparat

Manche Kritiker sehen das Hauptproblem in der bislang dünnen Daten­lage, was die Wirksamkeit des Ver­fahrens angeht. Für die sogenannte parietale Osteopathie, die sich dem Bewegungsapparat zuwendet, gibt es mittlerweile einige solide Studien­ergebnisse. Für die viscerale Osteo­pathie dagegen, die vor allem Funk­tionsstörungen der inneren Organe lindern will, sieht es weit weniger gut aus. Das gilt auch für die kraniosakrale Osteopathie, bei der die Gehirn-­Rückenmarks-Flüssigkeit beeinflusst werden soll. "Hier bewegt man sich bislang auf einem weitgehend spekulativen Terrain",  erklärt  Dr. Cordula Braun, Physiotherapeutin und Sprecherin im Netzwerk Evidenzbasierte Medizin.

Insgesamt habe die Osteopathie in der Forschung ein Problem, das sie mit anderen manuellen Therapien teile: Die Studien seien meist nur klein und entsprechen nicht immer den internationalen Standards.

Beliebt, aber nicht belegt

Osteopathen argumentierten zwar oft, dass es aufgrund der Komplexität der Behandlungen kaum möglich sei, die Wirksamkeit mit gängigen Studien­­designs zu überprüfen. Doch diesen Einwand könne man laut Braun nicht gelten lassen – die Osteopathie müsse hier "liefern". Wie andere therapeu­­t­ische Maßnahmen auch. "Bisher stehen die Popularität der Therapie und die wissenschaftliche Studien­lage in einem deutlichen Missverhältnis", sagt Braun.

Studiendekan Scheuchl kennt Kritik wie diese. Er betont, dass es zum einen für größere Studien an Geld fehle. Außerdem würde die Forschung durch die vergleichsweise neue Akademisierung des Berufs jetzt erst Fahrt aufnehmen. Scheuchl versichert: "Studien, in denen mit Bildgebung, Labor oder Herzratenmessung untersucht wird, welche ­Effekte Osteopathie hat, da ist die Disziplin dran."

Tipps für Patienten
Wie finden Interessierte einen guten Osteopathen, und mit welchen Kosten müssen sie für die Behandlung rechnen?

Ausbildung beachten. Die Webseiten großer Osteopathie- Verbände führen qualifizierte Therapeuten auf. Der VOD etwa nennt Ärzte, Physiotherapeuten und Heilpraktiker mit einer bis zu fünfjährigen Ausbildung ­sowie Therapeuten, die Osteopathie studiert haben. Mindestens 1350 Unterrichtseinheiten gelten als Grundvoraussetzung.

Kosten. Osteopathie ist eigentlich keine Kassenleistung. ­Dennoch übernehmen Kassen oft einen Teil der Kosten, die zwischen 60 und 120 Euro pro Sitzung betragen. Die Kasse ­informiert, welche Behandlung unter welchen Bedingungen ­zuschussfähig ist.

Zuschüsse von vielen Krankenkassen

Trotz fehlender Wirknachweise bezuschussen bereits heute viele Krankenkassen die Methode. Fast 100 Versicherungen unterstützen osteopathische Behandlungen als sogenannte freiwillige Satzungsleistung. Von den Patienten wird das Angebot nur zu gerne angenommen: Allein zwischen 2012 und 2013 verdreifachten sich die Ausgaben der gesetzlichen Kassen für Osteopathie. Nach Recherchen von NDR Info stiegen sie bei den 60 größten Kassen von 34 auf mehr als 110 Millionen Euro. Bei Versicherten der Techniker-Krankenkasse waren die Leistungen sogar so gefragt, dass die Kasse zurückruderte und ihre Zuschüsse auf ein Drittel reduzierte.

Was macht die Behandlungsmethode bei Patienten so beliebt? Ein Faktor, den Osteopath Claus Habel neben anderen nennt, ist Zeit. Eine "Medizin im Minutentakt" gebe es bei Osteopathen nicht.

Die persönliche Zuwendung stelle auch einen Grund dar, warum Patienten so oft bereit seien, im Zweifel die Kosten für die Behandlung teils oder ganz aus eigener Tasche zu bezahlen, sagt Habel. "Eine Stunde zugewandte Aufmerksamkeit, das haben viele Patienten vorher noch nie im Gesundheitswesen erlebt."