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Lachen ist gesund

Lachen ist die beste Medizin, heißt es. Das stimmt natürlich nicht ganz. Die Humorforschung zeigt aber: Es wirkt

von Nina Himmer, 15.02.2019
Lachen ist gesund

Wer gut lachen kann, hat mehr vom Leben


Angeblich macht Lachen glücklich und schlau, stärkt das Immunsystem, lindert Schmerzen und Stress, senkt den Blutdruck, regt den Kreislauf an, belüftet die Bronchien, hält die Gefäße elastisch und das Herz fit. Das klingt, als könnte man Krankheiten einfach weglachen – und wäre damit etwas zu schön, um wahr zu sein. "Ist es auch", sagt Professorin Barbara Wild, Chefärztin der Fliedner-Klinik in Stuttgart. Die Ärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie forscht seit vielen Jahren zu Humor in der Medizin und weiß: In Wahrheit sind die Dinge etwas komplexer. "Es gibt zwar durchaus Hinweise auf zahlreiche positive Wirkungen. Wirklich gut belegt sind aber die wenigsten."

Blutabnahme mit Humor

Das hat viele Gründe: Zum einen ist die Humorforschung eine relativ junge wissenschaftliche Disziplin, die noch um Anerkennung kämpft. Zum anderen stoßen Ärzte, die sich mit den Auswirkungen von Humor auf unsere ­Gesundheit befassen, auf ganz praktische Probleme: Wie etwa soll man einem Patienten während eines Lachanfalls Blut abzapfen, um die Konzentration von Hormonen zu messen? Wie in einer beengten Kernspin-Röhre einen Lachanfall provozieren, um sich ein Bild von den Vorgängen im Gehirn zu machen? Lustige Momente sind meist spontan und flüchtig, ihre körperlichen Effekte entsprechend schwer messbar.

Positive Auswirkungen

Hinzu kommt, dass Humor als Therapieansatz noch von vielen Medizinern belächelt wird, eben weil es an handfesten Beweisen für die Wirkung mangelt. Doch die­ ­Zeiten ändern sich: "Noch vor wenigen Jahren galten Humorforscher als Exoten, aber langsam kommt das Thema in der Praxis an", sagt Wild. Dazu haben auch die wenigen Studien beigetragen, die den Ansprüchen der Fachwelt genügten. Etwa jene des Schweizer Psychologen Willibald Ruch, der nachwies, dass Humor tatsächlich das Schmerz­empfinden senken kann. Seine Probanden konnten ihre Hand nach dem Anschauen eines Mr.-Bean-Films deutlich länger in Eiswasser tauchen als Vergleichspersonen.

Eine US-amerikanische Untersuchung wiederum hat ­g­ezeigt, dass Humor sich günstig auf den Blutzuckerspiegel von Diabetikern auswirkt. Patienten, die nach einer Mahlzeit einen lustigen Film sahen, hatten durchweg ­bessere Zuckerwerte als solche ohne humorvolle Unterhaltung nach dem Essen. Ähnliche Effekte wurden bei Diabetikern nachgewiesen, die Lachyoga praktizieren.

Mehr Humor, weniger Stress

Es scheint also tatsächlich einen Zusammenhang zu geben. Auch Barbara Wild hat die Wirksamkeit von ­Humor belegt: In einer Studie mit 31 Patienten, die unter der Herzkrankheit Angina Pectoris litten, reduzierte regelmäßiges Humortraining den Pegel des Stresshormons Cortisol, das sich nicht nur im Blut, sondern auch in den Haaren nachweisen lässt. Trotzdem sagt Wild: "Noch ist die Anzahl aussagekräftiger Studien sehr überschaubar."

Diese Meinung teilt Professor Carsten Niemitz, ehemaliger Leiter des Instituts für Humanbiologie und Anthropologie der Freien Universität Berlin. Aus den unterschiedlichen Perspektiven als Biologe und Mediziner hat er über Jahre unser Lachen und Lächeln erforscht. Sein Fazit: "Lachen ist angeboren, wird universell verstanden und dient in erster Linie der Kommunikation zwischen Menschen."

Tatsächlich ist der so­ziale Nutzen von Lachen weit weniger umstritten als der gesundheitliche. Auch Niemitz hat Sorge, dass die medizinischen Auswirkungen überinterpretiert werden könnten. "Wir wissen zwar", sagt Niemitz, "dass beim Lachen über hundert Muskeln aktiv sind, sich die Atmung vertieft und mitunter der ganze Körper in Bewegung ist – aber ob sich diese kurzfristige Aktivität so günstig auf die körperliche Gesundheit ­auswirkt, wie es oft dargestellt wird, ist sehr fraglich." Immerhin: Durch die vertiefte Atmung wird die Sauerstoffversorgung des Organismus angekurbelt, weshalb ein Lachanfall wie ein kleiner Energiekick wirkt.

Spannungen lösen

Trotz aller Zweifel sind sich beide Experten einig, dass Humor durchaus eine heilsame Wirkung haben kann. In der Psychologie setzt man schon lange auf seinen Effekt: Lachen hilft Patienten dabei, Situationen neu zu bewerten, Spannungen zu lösen, Muster zu durchbrechen und die Perspektive zu wechseln.

Psychotherapeutin Wild macht deshalb mit Patienten, die unter Angststörungen oder Depressionen leiden, gerne Humortrainings. Meist beginnen sie mit Lockerungsübungen und führen danach zum Beispiel zur Aufgabe, nach der minimalen Leistung des Tages zu suchen. "Über Fehler zu lachen", erklärt Wild, "setzt einen Kontrapunkt zu unserer Leistungs­gesellschaft und damit assoziierten Krankheiten." Sie ist überzeugt, dass ihre ­Patienten davon profi­tieren und im deutschen ­Klinikalltag noch viel zu ­wenig gelacht wird.

Therapie mit Clown

Doch es tut sich etwas: Einige Krankenhäuser setzen mittlerweile auf Klinikclowns, die Ablenkung und Trost in den oft tristen Patientenalltag bringen sollen. Zumindest bei Kindern scheint das gut zu funktionieren: Eine Studie der Uniklinik Greifswald zeigte, dass sich im Speichel von Kindern, die mit einem Klinikclown spielen durften, bis zu 30 Prozent mehr Oxytocin nachweisen lässt – das Hormon gilt als angstlösend und vertrauensfördernd.

Nicht nur Kindern tut Lachen gut: Humortrainings, Lachyoga und Lachseminare haben auch für Erwachsene Hochkonjunktur. Fröhlich sein auf Kommando? Was erst mal gar nicht lustig klingt, läuft in der Praxis erstaunlich gut. "In solchen Kursen entstehen ganz auto­matisch so lustige und absurde ­Situationen, dass die Grenzen zwischen künstlichem und echtem Lachen schnell verschwinden", bestätigt die Humorforscherin.

Auf Rezept wird es Lachen so schnell wohl dennoch nicht geben. Dazu ist die Forschung auf dem Gebiet noch nicht weit genug. Doch beide Experten sind sich einig, dass in den kommenden Jahren mit vielen neuen Erkenntnissen zu rechnen ist und das Thema an Bedeutung ­gewinnen wird. Oder wie Barbara Wild es formuliert: "Wir haben allen Grund, Humor in der Medizin sehr ernst zu nehmen."