Öl ziehen: Fraglicher Schutz vor Karies

Laut der ayurvedischen Medizin sollen Ölspülungen die Zähne gesund halten. Wissenschaftler haben die potenziellen Effekte untersucht

von Dr. med. Roland Mühlbauer, 23.10.2015

Öl ziehen: Speiseöl als Mundspüllösung?


Einen Esslöffel voll Speiseöl, zum Beispiel Sesam-, Kokos- oder Sonnenblumenöl in den Mund nehmen, das Öl nicht schlucken, sondern im Mund behalten. Dabei sollte es durch Saugen und Schlürfen in Bewegung bleiben und immer wieder die Zähne umspülen. Nach zwanzig Minuten das Öl in ein Taschentuch ausspucken – so lautet eine der Anleitungen für das sogenannte Öl ziehen. Diese Methode stammt aus der traditionellen indischen Gesundheitslehre und soll angeblich gegen zahlreiche körperliche Beschwerden helfen. Auch für die Hygiene im Mundraum soll es günstig sein: Anhänger der Methode glauben, dass das Öl ziehen die Zähne vor Karies schützt.

Karies-Entstehung hängt von vielen Faktoren ab

"Diesen Effekt mit wissenschaftlich fundierten Beobachtungen an Patienten zu belegen, ist allerdings schwierig", sagt Professor Christian Hannig, der an der Universität Dresden im Bereich Zahnerhaltung forscht. Denn die Entstehung von Karies dauert lange und hängt von vielen Einflussfaktoren ab. Die Menschen ernähren sich unterschiedlich, und die Keimflora der Mundhöhle ist sehr komplex und variiert von Mensch zu Mensch. "Selbst innerhalb einer Familie kommt es bei einem Familienmitglied zu erheblichem Kariesbefall, und beim anderen tritt keine Karies auf, obwohl sich beide ähnlich ernähren und gleiche Zahnpflegegewohnheiten haben", ergänzt Hannig.

Um die Effekte des Ölziehens auf die Zahngesundheit und insbesondere die Wechselwirkungen an der Zahnoberfläche zu erforschen, arbeitet Christian Hannig mit Arbeitsgruppen von zwei weiteren Universitäten zusammen: mit seinem Bruder Professor Matthias Hannig von der Universität des Saarlandes in Homburg und mit Professor Klaus Kümmerer von der Leuphana Universität in Lüneburg. Die Wissenschaftler verfolgen das Ziel, die physiologische Schutzschicht auf der Zahnoberfläche – die sogenannte Pellikel – günstig zu beeinflussen, um ihre schützenden Eigenschaften zu verbessern. Dabei soll dieser Biofilm optimiert werden, gleichzeitig sollen weniger Bakterien an die Zahnoberfläche andocken. Ein möglicher Ansatz sind dabei die Speiseöle.

Widersprüchliche Studienlage

Hannigs Mitarbeiterin Dr. Anna Kensche bewertete 2012 in einer großen Übersichtsarbeit die bisherigen Studien über die Auswirkungen des Öl ziehens auf die Mundhöhle. Die Datenlage war sehr uneinheitlich und ließ keine Aussage zu, ob das Öl eher die Zähne schützt oder sogar im Gegenteil als Nahrung für die Bakterien dient und die Schutzschicht schwächt. Dabei wird die Forschung dadurch erschwert, dass pflanzliche Öle eine Vielzahl chemischer Verbindungen mit unterschiedlichen Eigenschaften enthalten. Kensche schlussfolgerte, dass sich anhand der vorliegenden Daten nicht sagen lässt, ob Öl ziehen Karies und Zahnfleischentzündungen vorbeugt.

Öl ziehen wenig hilfreich

Die Arbeitsgruppen führten deshalb eigene Untersuchungen durch: Versuchspersonen trugen Schienen mit Prüfkörpern im Mund, welche die Zahnoberflächen simulieren. Die Teilnehmer der Studie spülten abends mit Öl und behielten die Schiene über Nacht im Mund. Morgens wurden sie entnommen und die aufgelagerte Schicht unter dem Mikroskop untersucht.

Das Ergebnis fiel ernüchternd aus: "Zwar fanden wir nach den ersten zwei Stunden in die Pellikel eingelagerte Öltröpfchen, aber die Pellikel war nicht mehr so dicht gepackt und damit ihre Schutzfunktion eher geschwächt", erklärt Hannig. Zudem konnte die Ölspülung nicht bewirken, dass sich weniger Bakterien auf der Oberfläche ansiedeln. Das ergaben Messungen nach acht Stunden. Auch der Säureschutz hatte sich nicht verbessert. "Öl ziehen ersetzt also keinesfalls das Putzen der Zähne mit Bürste, Zwischenraumbürste und Zahnseide", lautet das Fazit. Wenn bei Entzündungen im Mundraum eine Mundspülung nötig ist, sollte man besser auf gängige medizinische Spüllösungen zurückgreifen. Diese zeigen in Studien deutliche Effekte auf die bakterielle Besiedelung der Zähne.

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