Kraftvoll schweben mit Aerial Yoga

Unser Redakteur begab sich in die Horizontale: Beim Aerial Yoga schwebte er an Tuchschlingen in der Luft. Ein Selbstversuch, der ihm Entspannung, Körpergefühl und Muskelkater bescherte

von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 23.09.2015

Als ich mich wieder mit den Armen an der Tuchschlinge hochziehe, bemerke ich schon das erste Zittern in meinen Muskeln. Und es ist erst eine halbe Stunde Probetraining beim Aerial Yoga vorbei. Die Tuchschlinge hängt von der Decke. Sie besteht aus einem rautenförmigen Nylontuch, das zusammengefaltet so schmal wie ein Theraband ist. In etwa 3,7 Meter lang und 2,8 Meter breit, gäbe sie auch eine gemütliche Hängematte ab. Von gemütlich kann gerade aber keine Rede sein. Meine Trainerin Maren Wilkins beruhigt mich, dass selbst erfahrene Yogi die Übungen anstrengend finden: "Während normales Yoga vor allem die Dehnung und Streckung des Körpers fördert, kommt hier noch massiv die Kraftkomponente dazu." 

Unser Redakteur bei der Aerial Yoga-Probestunde

Aloha Mana, zu deutsch "die Kraft aus der perfekten Harmonie", heißt das kleine Studio in München Schwabing, in dem mich Maren Wilkins ins Aerial Yoga reinschnuppern lässt. Seit 2012 unterrichtet sie diese Bewegungskunst in den Tuchschlingen. Damals war sie die einzige in München, inzwischen gibt es in der Stadt rund ein Dutzend Angebote. Auch Fitnessketten springen auf den Trend auf. Die 48-Jährige hat die aufrechte Haltung einer Balletttänzerin, ihre Arme strotzen vor Muskeln. Ich bin ein Mann, 42 Jahre alt, und bevorzuge eher Ballsportarten. Yoga habe ich noch nie ausprobiert. Zwar hatte ich einst aus Recherchegründen einen Lachyoga-Kurs besucht, aber das ist eine andere Geschichte. Nun soll ich testen, ob auch absolute Anfänger wie ich einen Zugang zum Aerial Yoga finden können – oder nur planlos in den Seilen hängen.

Entspannungsmomente kopfüber

Der Einstieg in die Schlinge fällt mir dank der Anleitung von Wilkins noch leicht. Schnell baumele ich eingehüllt ins Tuch im bequemen Schneidersitz. Ich bin drin! Ich bemühe mich mit allen Kräften, meine Lotachse und eine grazile aufrechte Haltung zu finden. Doch bald sind spektakulärere Positionen gefragt: Ich sitze außerhalb des Tuchs in der Luft und werde nur an wenigen Stellen von der Schlinge gehalten. Bei einer anderen Übung hält die Seilschlaufe lediglich meinen rechten Oberschenkel. "Und jetzt in der Pose eines Superhelden durch den Raum schwingen", ruft Wilkins. Ich habe eher das Gefühl, das Bild eines nassen Sacks abzugeben. Bei meiner Trainerin sieht es tatsächlich nach Supergirl aus.

Zum Glück leide ich nicht an erhöhtem Augendruck oder Bluthochdruck. Das hätte meine Eignung für die kommende Herausforderung eingeschränkt: Ich soll mich mit den Beinen in die Tuchschleife spreizen und kopfüber von der Decke baumeln. Das Ganze idealerweise, ohne dabei abzustürzen. Bei solchen Übungen belastet die Umverteilung des Blutes im Körper den Kreislauf. Anfangs rauscht mir davon der Kopf. Wahrscheinlich sieht er jetzt wie eine Tomate aus. Dann kann ich tatsächlich entspannend. Zumindest nachdem ich sicher bin, dass mich meine Beine wirklich in der Luft halten. Ich werde auch diese Übung überleben!

Übungen mit und ohne Bodenkontakt

Kopfüber schaue ich mich in dem sechs mal acht Meter großen Kursraum um, der spärlich mit Buddhafiguren und Bambus dekoriert ist. An der hohen Altbaudecke lassen sich an Haken bis zu acht Tuchschlingen per Karabiner einhaken. Je nach Bedarf rafft die Trainerin das Tuch, schlägt es mehrfach um oder faltet es auseinander. Wilkins kennt mehr als hundert Übungen. Manche von ihnen dienen vor allem der Dehnung des Körpers, andere der Kräftigung.

Bei den nächsten Figuren bleibt ein Kontakt zum Boden bestehen. Ich stehe auf einem Bein und lege das andere Bein in die Schlinge vor mir. Nun soll ich mit beiden Armen die Schlinge auseinanderziehen, so dass sich das Bein in der Schlinge anhebt. Uff! Ganz schön anstrengend: Ich benutze mein eigenes Körpergewicht als Trainingsgerät.

Grundfitness sollte vorhanden sein

Bei der nächsten Figur stütze ich mich mit den Händen ab und lege beide Füße durch die Schlinge. Liegestütz mal anders. Hier vergesse ich beim Korrigieren der Position, die Füße einzuhaken. Meine Beine knallen auf den Boden. Zwar kein Beinbruch, aber peinlich. "Schreckmomente habe ich in meiner Trainerlaufbahn schon öfter erlebt, aber noch keine Verletzungen", beruhigt mich Wilkins. Sie erklärt, dass sie in der Regel nur einen Kurs Aerial Yoga pro Tag gibt, und der Kurs maximal zwei Stunden dauert – mehr wäre zu anstrengend.

"Absolute Sportanfänger ohne ausreichende Stabilität in der Körpermitte kann es überfordern, die Übungen korrekt auszuführen", wird mir später Diplom-Sportwissenschaftlerin Carolin Heilmann erklären, die apotheken-umschau.de als Expertin regelmäßig berät. Deshalb sollte eine gewisse Grundfitness vorhanden sein, um Fehlbelastungen zu vermeiden. Ansonsten beobachtet die Fitness-Expertin aber viele günstige Effekte:

Die Vorteile von Aerial Yoga:

  • Die Figuren in den Schlingen entspannen, während das Körpergewicht nach unten zieht und dazu beiträgt, sich besser auf die Dehnübungen einzulassen.
  • Die Tiefenmuskulatur und alle Muskeln, die den Körper im Tuch in Balance halten, werden trainiert und gestärkt.
  • Kopf-über-Stellungen können bei Rückenproblemen und Verspannungen im Rücken vorteilhaft sein, weil Rückenmuskeln und Wirbelsäule sich entspannen.
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Beim Einnehmen einer Aerial Yoga-Position gerät die Tuchschlinge leicht ins Pendeln

W&B/Jens Küsters

Ursprünge in der Akrobatik

Angelika Beßler, Vorstandsvorsitzende des Berufsverbands der Yogalehrenden in Deutschland, sieht die Wurzeln von Aerial Yoga eher in der Akrobatik als im Yoga. Von Varieté und Showzirkus brachten Trainer einst die Tuchschlingen in die Fitnesstempel der USA. Innerhalb von wenigen Jahren entwickelten sich dort verschiedene Sportarten wie Aerial Pilates und Aerial Yoga oder auch reines Krafttraining mit Bandschlingen.

Außerdem sieht Beßler weitere grundsätzliche Unterschiede zum Yoga: "Im Yoga geht es vor allem darum, die verschiedenen Positionen aus der Stabilität des eigenen Körpers aufzubauen und in der Haltung loszulassen. Im Aerial Yoga hilft das Tuch dabei." Der Körper wird also nicht allein von innen getragen, sondern auch von außen. Kritisch sieht Beßler, dass es trotz der akrobatisch anspruchsvollen Übungen keine genormte Ausbildung zum Aerial-Yoga Trainer gibt. Denn Aerial-Yoga-Trainer ist genauso wie Yoga-Trainer keine geschützte Berufsbezeichnung.

Vertrauen zum Lehrer wichtig für den Erfolg

"Viele Anbieter von Aerial Yoga weisen außerdem in ihren Internetauftritten nicht auf gesundheitliche Ausschlusskriterien hin", fügt Beßler hinzu. Die Webseite von Aloha Mana macht das: Sie empfiehlt jedem vorab einen Arztbesuch, der an Bluthochdruck, erhöhtem Augendruck, Innenohrproblemen, Herzinsuffizienz, Epilepsie, massivem Übergewicht oder akut erniedrigtem Blutdruck leidet oder blutverdünnende Medikamente zu sich nimmt. Schwangere sollten sich nur in Einzelbetreuung in die Schlingen begeben. Heilmann rät Menschen mit akuten und starken Wirbelsäulenschäden grundsätzlich davon ab.

Ich frage Wilkins, was aus ihrer Sicht einen guten Trainer ausmacht. Sie findet die Vertrauensbasis zwischen Lehrer und Schüler sehr wichtig. Und dass der Lehrer genau hinsieht und die Haltung und Bewegungsabläufe des Schülers immer wieder geduldig korrigiert. Aerial Yoga-Stunden kosten übrigens wegen des Aufwands in der Regel ein wenig mehr als Yoga-Stunden. "Schließlich müssen die Tücher regelmäßig gewaschen werden, und es passen beim Aerial Yoga auch weniger Schüler in meinen Raum als beim normalen Yoga", erklärt Wilkins.

Prognose: Bauchmuskelkater!

Mit einer Liegefigur im zur Hängematte entfalteten Tuch neigt sich meine Probestunde dem Ende zu. Endlich enstpannen! So eine Tuchschlinge hätte ich gerne zu Hause. Sie kostet samt Haken ungefähr zweihundert Euro. Ab einer Deckenhöhe von 230 Zentimetern lässt sie sich einsetzen. Wilkins bietet extra Workshops an für Menschen, die anschließend in den eigenen vier Wänden trainieren möchten.

Ich bin stolz, mich an Aerial Yoga rangetraut zu haben, obwohl mir vor dem morgigen Muskelkater graust. Neben den Armmuskeln aktivieren die Übungen besonders die tiefen Bauchmuskeln. Das werde ich in den kommenden Tagen noch deutlich spüren. Und ich begreife: Was in zahlreichen Youtube-Videos zu Aerial Yoga-Übungen leicht und grazil aussieht, ist das Resultat einer guten Körperspannung, einem Gefühl für die Balance und einer trainierten Muskulatur. Naja, daran lässt sich arbeiten...