Badespaß in natürlichen Gewässern

Im Sommer zieht es viele Menschen zum Baden an natürliche Gewässer. Doch wie gesund ist das Planschen in Seen und Flüssen wirklich? Und was gilt es beim Schwimmen in der Natur zu beachten?

von Nina Himmer, aktualisiert am 20.07.2018
Frau kühlt sich das Gesicht mit Wasser

Frei von Chlor und anderen Chemikalien: Es gibt viele Gründe, Seen und Flüsse dem Schwimmbad vorzuziehen


Sobald das Wasser ihn umhüllt, ist alles gut. Es spült den Stress weg, klärt die Gedanken. "Beim Schwimmen habe ich die besten Ideen. Und wenn ich aus dem Wasser steige, fühle ich mich so erholt, dass es für den ganzen Tag reicht", sagt Martin Tschepe (53). Er nennt sich "Schwimm­wanderer", fast täglich geht er seinem Hobby nach. Am liebsten in Seen und Flüssen. "Vom Wasser aus sieht man die Welt aus einer anderen Perspektive und ist buchstäblich mittendrin in der Natur", sagt Tschepe.

2015 durchschwamm er den Neckar von der Quelle bis zur Mündung. Im Jahr da­rauf durchquerte er die zehn größten Seen Deutschlands. "SeenSucht" hat er das Projekt getauft.  Als Sehnsuchtsort ziehen natürliche Gewässer im Sommer nicht nur Sportler an, sondern alle auf der Suche nach Abkühlung, Erholung und einem Stückchen Natur. Jeder, der sich schon einmal auf dem Rücken in einem See treiben ließ, kennt wohl dieses Glücksgefühl, die Schwerelosigkeit unter freiem Himmel.

Badegewässer werden regelmäßig hygienisch kontrolliert

Begeistern kann sich dafür trotzdem nicht jeder. Schwimmen im Neckar? Albert Karras vom Gesundheitsamt Rhein-Neckar-Kreis in Heidelberg verzieht das Gesicht: "Ich würde da nicht freiwillig reinspringen." Zwar ist der Fluss heute längst nicht mehr so verschmutzt wie noch vor 30 Jahren. "Doch wann immer wir Proben aus dem Neckar genommen haben, waren sie gesundheitlich bedenklich", berichtet Karras. Nach wie vor fließt Abwasser aus Kläranlagen, Krankenhäusern und Fabriken in den Fluss. Das Gesundheitsamt rät deshalb vom Planschen im Neckar ab, auf der offiziellen Liste der Badegewässer taucht er gar nicht erst auf.

Doch diese Liste ist auch ohne Neckar lang genug. Rund 2300 Badegewässer gibt es in Deutschland, 98 Prozent davon mit einer sehr guten oder guten Wasserqualität. Untersucht wird das Wasser gemäß einer Richtlinie der EU. Dazu gehört auch, dass Hygienekontrolleure wie Albert Karras regelmäßig Proben nehmen. In der Badesaison schickt er sie alle zwei Wochen an das Landes­­gesundheitsamt nach Stuttgart. Dort werden sie mikrobiologisch auf zwei Sorten von Darmbakterien hin untersucht: Escherichia coli und intestinale Enterokokken.

Badesee

Gefährlich werden die Keime in eher hohen Konzentrationen. Doch das komme selten vor, beruhigt Karras: "Baden in dafür ausgewiesenen Gewässern ist ein gesundheitlich unbedenklicher Genuss." Auch den direkten Vergleich mit dem Freibad müssen Flüsse und Seen nicht scheuen. Naturgewässer erreichen ihre konstant hohe Wasserqualität meist allein durch ihre Selbstreinigungskraft. Sand, Kies, Wasserpflanzen, Plankton und schilfbewachsene Ufer arbeiten zusammen wie natür­liche Filteranlagen, die das Wasser sauber halten – ohne Chlor und andere Chemie. 

Das Ökosystem vieler Seen und Flüsse ist gefährdet

Doch die Ökosysteme der Gewässer sind sensibel und selbst in Deutschland häufig gefährdet. Laut Umweltbundesamt waren im Jahr 2015 nur 26 Prozent der Seen und 7 Prozent der Flüsse ökologisch intakt. Wie das mit der guten Bewertung der Badeseen und -flüsse zusammenpasst, weiß Julia Mußbach, Referentin für Gewässerpolitik beim Naturschutzbund NABU: "Die ökologische Qualität des Wassers wird an anderen Kriterien gemessen als die hygienische." Bei der ökologischen Einordnung zählen Pflanzen- und Fischbestände sowie kleine tierische Organismen.

Dass deutsche Gewässer dabei so schlecht abschneiden, habe zwei Ursachen: "Zum einen werden Flüsse oft begradigt und mit Hindernissen wie Wasserkraftwerken versehen, an denen Wanderfische nicht vorbeikommen." Außerdem gelangen viele Nährstoffe wie Stickstoff aus Düngemitteln ins Wasser. Expertin Mußbach: "Sie gefährden das Überleben kleiner Organismen und verändern das gesamte Ökosystem."

Paar springt vom Steg in einen See

Blaualgen können die Gesundheit beeinträchtigen

Solche Prozesse können auch unseren Badespaß trüben, wie das Beispiel der Blaualge zeigt. Die Mikro­organismen sondern giftige Stoffe ab, die unter Umständen allergische Reaktionen, Durchfall oder Erbrechen auslösen können. Am Rudower See in Brandenburg gedeihen Blaualgen besonders gut, weshalb das Gewässer für Schwimmer immer wieder einmal gesperrt wird.

Verantwortlich für das Algenwachstum ist dort jedoch nicht Überdüngung aus der Landwirtschaft, vielmehr sind es natürliche Gegebenheiten. "Aus dem nahe gelegenen Moor gelangen durch den Nausdorfer Kanal viel Stickstoff und Phosphor in den See. Sie liefern Nährstoffe für die Blaualge", erklärt Karl-Heinz Hundertmark von der Arbeitsgemeinschaft "Rettet den Rudower See". Die Bürgerinitiative will den See als Badegewässer erhalten und setzt sich für Nährstoff-Fallen ein, die Algen Nahrung entziehen.

Letztlich kann jeder etwas dafür tun, dass sich Menschen, Tiere und Pflanzen an Seen und Flüssen gleichermaßen wohlfühlen. "Man sollte etwas Rücksicht auf die Natur nehmen", sagt Gewässerexpertin Mußbach. Für Badegäste heißt das: den eigenen Müll einsammeln, Wasser und Natur nicht mit Urin düngen und an viel besuchten Seen sein Handtuch nicht ausgerechnet an natur­­belassenen Plätzen ausbreiten.

Lago di Garda

Woran erkennt man sauberes Wasser?

Ob das Wasser im ausgewählten Naturbad tatsächlich sauber ist, kann der Laie jedoch schwer mit einem Blick beurteilen. Schaumkronen zum Beispiel, die sich vor allem im Frühjahr an der Wasseroberfläche türmen, sind mitnichten ein Warnsignal. "Das ist ein natürlicher Reinigungsprozess, bei dem organisches Material wie Laub zersetzt wird", sagt Umweltschützerin Mußbach. Achten muss man Experten zufolge eher auf Enten. Stellen mit viel Vogelkot sollte man genauso meiden wie das Schwimmen nach Hochwasser oder starken Niederschlägen. Dann können besonders viele Schadstoffe ins Wasser gespült werden.

Letztlich geht es beim Badespaß in der Natur immer auch um gesunden Menschenverstand, findet Schwimmwanderer Martin Tschepe: "Dass ich im Neckar weniger Wasser schlucken sollte als im Chiemsee, ist ja klar." Mit dieser Einstellung sei er bisher gut gefahren. Oder geschwommen. "Das Gefährlichste, was mir bisher passiert ist, war ein Schwan, der mich im Neckar verfolgt hat."