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Mobbing: Und du bist raus!

Im Netz, in der Schule, am Arbeitsplatz: Mobbing und Cybermobbing kommen überall vor. Ein Psychologe erklärt die typischen Merkmale, was man dagegen tun kann und welche Anlaufstellen es gibt

von Nina Himmer, 12.02.2020
Mobbing

Beim Mobbing wird ein Mensch wiederholt zur Zielscheibe für die Attacken seiner Mitmenschen


Fast jeder fühlt sich mal vom Chef oder von Kollegen schlecht behandelt. Wenn aber ein Mensch zur Zielscheibe systematischer Schikane wird, ist das ein Albtraum. Warum ist Mobbing so häufig? Wie kann man es beenden? Ein Gespräch mit Mobbing-Experte Lorenz Grolig. Der Diplom-Psychologe ist Vorstandsmitglied des Landesverbands Schulpsychologie Berlin und arbeitet als Klinischer Psychologe und Schulpsychologe. Das Thema Mobbing gehört zu den Schwerpunkten seiner Arbeit.

Herr Grolig, wenn in der Kaffeeküche über einen nicht anwesenden Kollegen gelästert wird, ist das schon Mobbing?

Das kommt auf den Kontext an: Ist es schon mal passiert? Wäre auch gefrotzelt worden, wenn der Kollege da gewesen wäre? Hätte er gelacht oder sich bloßgestellt gefühlt? Ist die sonstige Zusammenarbeit und soziale Integration gut? Nicht jeder Konflikt ist Mobbing, dafür müssen schon einige Kriterien erfüllt sein.

Experte

Welche Kriterien sind das?

Es gibt keine genaue Definition für Mobbing, aber eine Reihe von Merkmalen. Vier davon sind besonders wichtig: Wiederholung, Systematik, sozialer Kontext und Hilflosigkeit.

Können Sie das erklären?

Bei Mobbing treten Konflikte immer wieder und über einen längeren Zeitraum auf. Die Attacken folgen dabei einem bestimmten Muster: Jemand nutzt zum Beispiel eine Machtposition aus, um eine andere Person systematisch lächerlich zu machen. Meist geschieht das vor anderen, denn Publikum maximiert die Demütigung. Und Gemobbte können den Konflikt in der Regel nicht alleine beenden, sie sind der Situation häufig hilflos ausgesetzt.

Was tun, wenn man gemobbt wird?

Sehr wichtig ist es, sich jemandem anzuvertrauen. Zum einen entlastet es emotional, zum anderen hilft es, die eigene Wahrnehmung zu überprüfen: Sehen andere auch eine Grenzüberschreitung? Oder verrenne ich mich da in irgendwas?

  • Man sollte sich selbst beobachten: Artikuliere ich klar, wenn mir etwas nicht passt? Klare Ansagen können viel bewirken: "Was soll der Quatsch?", oder "Hör auf damit. Ich muss mich von dir nicht so behandeln lassen!"
  • Je nach Art und Intensität des Konflikts kann das Gespräch mit dem Mobber unter vier Augen hilfreich sein.
  • Hilft das nicht, sollte man um ein Einzelgespräch mit einem Vorgesetzten bitten. In dem Termin kann man klarmachen, dass man unter Stress leidet, der nicht von der Arbeit selbst, sondern vom Arbeitsumfeld herrührt.
  • Ist der Chef selbst das Problem, sollte man sich zunächst an den Betriebs- oder Personalrat wenden. Es hilft auch, sich bei Hotlines beraten zu lassen, um sich für ein klärendes Gespräch mit dem Chef zu wappnen.
  • Auf jeden Fall sollte man das Mobbing dokumentieren: Vorfälle und alle Beteiligten in einem Tagebuch festhalten, Screenshots von Cybermobbing und E-Mails abspeichern – sowohl für eine Beratung oder Therapie als auch für rechtliche Schritte sind entsprechende Aufzeichnungen hilfreich.

Schätzungen zufolge hat jeder zehnte Arbeitnehmer schon einmal Mobbing erlebt. Über die Hälfte aller Vorfälle finden im Job statt. Wird das Problem unterschätzt?

In der Tat. Mobbing ist ein komplexes soziales Phänomen, das überall auftritt, wo unterschiedliche Charaktere sich in einer Gemeinschaft arrangieren müssen, viel Zeit miteinander verbringen und ein erheblicher Leistungs- oder Konkurrenzdruck herrscht – also im Klassenzimmer genauso wie am Arbeitsplatz.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Internet?

Überall wo Kommunikation stattfindet, kann auch Mobbing stattfinden. Und in vielen Branchen ist ein erheblicher Teil der Kommunikation am Arbeitsplatzja bereits digital. Bei Cybermobbing kommt verschärfend hinzu, dass die Gemobbten anonym und rund um die Uhr attackiert werden können und die Nachrichtensehr schnell sehr viele Menschen erreichen können. Bei Erwachsenen läuft Cybermobbing in der Regel allerdings etwas subtiler ab als bei Jugendlichen. Da werden Kollegen zum Beispiel in Bürochats ignoriert oder ständig auf E-Mail-Verteilern "vergessen".

Gibt es denn typische Opfer? Also Personen, die tendenziell eher betroffen sind?

Ja und nein. Zwar berichten Menschen mit bestimmten Persönlichkeitseigenschaften tendenziell häufiger als andere, dass siegemobbt wurden – etwa solche, die emotional eher instabil sind, aber auch sehr schüchterne oder introvertierte Menschen. Viele von ihnen haben zudem Schwierigkeiten, eigene Bedürfnisse zu artikulieren und ihre Interessen in einer sozial angemessenen Weise durchzusetzen. Das bedeutet aber keinesfalls, dass alle anderen vorMobbing gefeit sind. Grundsätzlich kann Mobbing jeden treffen, manchmal istder Auslöser nur ein unglücklicher Zufall.

Allerdings wird nicht in jeder Firma schikaniert. Welche Arbeitsumfelder fördern Mobbing?

Es gibt die Tendenz, dass in großen Unternehmen mehr gemobbt wird. Dort wird oft sehr leistungsorientiert gearbeitet, während das soziale Miteinander eher nach-rangig ist. Auch wenn Vorgesetzte eher aggressiv führen, Mitarbeiter gegeneinander ausspielen und es normal ist, dass Kollegen vor versammelter Mannschaft runtergemacht werden, gedeiht Mobbing besser als in einer wertschätzenden Atmosphäre.

Dabei müsste Unternehmen doch daran gelegen sein, Mobbing zu verhindern. Es kostet die Volkswirtschaft Schätzungen zufolge rund 20 Milliarden Euro pro Jahr. 

Es würde sich definitiv lohnen, mehr in Prävention zu investieren. Aus arbeits- und organisationspsychologischer Sicht ist Mobbing eine Katastrophe, denn wogemobbt wird, geht die Zahl der Krankentage, Arbeitsausfälle und Frühverrentungen in die Höhe. Leider steckt Deutschland diesbezüglich noch in den Kinderschuhen. In den USA oder Skandinavien hat man längst erkannt, dass Mobbing die Produktivität und den Gewinn eines Unternehmens schmälert.

Vor allem aber geht Mobbing auf Kosten der Gesundheit.

Stress, Demütigung und Hilflosigkeitserfahrungen können das Selbstbewusstsein und die Selbstwirksamkeit schwächen. Viele Menschen, die Mobbing erleben, entwickeln soziale Ängste, Depressionen oder sogar eine posttraumatische Belastungsstörung. Studien zeigen zudem, dass es einen  Zusammenhang zwischen Mobbing und Schlafstörungen, Schmerzerkrankungen, aber auch Typ-2-Diabetes und Herzinfarkten gibt.

Was sollte man tun, wenn man das Gefühl hat, ein Kollege wird gemobbt?

Man könnte den Kollegen in einer ruhigen Minute ansprechen. Statt den Mobbingverdacht direkt zu äußern, sollte man Fragen stellen: "Wie geht es dir?" oder "Ich habe das Gefühl, dass du dich in letzterZeit zurückziehst. Ist alles in Ordnung?" Es geht darum, dem anderen eine Gesprächsgelegenheit zu bieten. Wird man Zeuge von Situationen, in denen ein Kollege herabgewürdigt oder gedemütigt wird, sollte man ebenfalls etwas sagen. Jedem muss klar sein, dass das eigene Verhalten zum Betriebsklima beiträgt. Wer Mobbing duldet, erhöht damit die Gefahr, auf lange Sicht selbst einmal gemobbt zu werden. Mobbing zu unterbinden ist aber auch ganz klar eine Führungsaufgabe.

Anlaufstellen bei Mobbing

  • Das Institut zur Fortbildung von Betriebsräten (ifb) hat eine Landkarte von Unterstützungsangeboten erstellt: Welche Angebote gibt es in meiner Nähe?  www.betriebsrat.de/mobbing-konflikt/mobbinglandkarte.html
  • Eine wichtige Anlaufstelle ist die Telefonseelsorge (0800 111 0 111). Viele Bundesländer und Städte bieten darüber hinaus eigene Mobbing-Hotlines und Anlaufstellen an.
  • Im Internet findet man auf den Seiten von Ver.di und www.buendnis-gegen-cybermobbing.de hilfreiche Informationen.
  • In akuten psychischen Notlagen können die regionalen Krisendienste helfen.

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