Schlafprobleme ohne Medikamente behandeln

Der Psychologe Dieter Riemann erklärt, weshalb eine Verhaltenstherapie gegen wache Nächte besser hilft als Schlafmittel. Ein Interview über die bestmögliche Therapie
von Barbara Kandler-Schmitt, 20.12.2017

Schlaflos? Eine Verhaltenstherapie hilft Betroffenen, besser damit umzugehen

plainpicture / Kniel Synnatzschke

Herr Professor Riemann, die aktualisierten Behandlungsleitlinien empfehlen bei Schlafstörungen statt Schlafmitteln eine Verhaltenstherapie. Warum diese Wende?

Beim Überarbeiten der alten Leitlinien haben wir die aktuelle Studienlage berücksichtigt. Inzwischen wird die Verhaltenstherapie viel stärker beforscht – und die Datenlage ist besser als für Schlafmittel. Vor allem zu den klassischen Benzodiazepinen gibt es kaum vernünftige Studien. Hier lässt sich ein internationaler Trend erkennen: Bereits im vergangenen Jahr haben Experten des American College of Physicians die kognitive Verhaltenstherapie als Behandlung der Wahl empfohlen.

Professor Dieter Riemann, Psychologe an der Uniklinik Freiburg und federführender Autor der neuen Behandlungsleitlinie

W&B/Bernhard Kahrmann

Laut "DAK-Gesundheitsreport 2017" schlucken aber heute fast doppelt so viele Erwerbstätige Schlafmittel wie 2010. Wie passt das zusammen?

Der Report stellt zwar einen zunehmenden Konsum von Schlaf- und Beruhigungsmitteln fest, trifft aber keine Aussage zu Einnahmedauer und -ursache. Benzodiazepine werden ja nicht nur gegen Schlafstörungen verordnet, sondern auch bei Angst und innerer Unruhe. Wir wollten diese Medikamente nicht verteufeln, sondern die aktuelle wissenschaftliche Datenlage abwägen. Und da sehe ich die Verhaltenstherapie im Moment klar vorne.

Ist man mit Schlafmitteln auch wegen der Suchtgefahr zurückhaltender
geworden? Schließlich sollen laut dem "Jahrbuch Sucht" 1,5 Millionen
Menschen davon abhängig sein.

Um das Risiko einer Abhängigkeit gering zu halten, empfehlen wir, Schlafmittel nur kurzfristig einzunehmen. Für länger als vier Wochen sollten sie nicht verordnet werden. Die Wirkstoffe Zopiclon und Zolpidem galten lange als unproblematisch. Doch auch hier haben wir dazugelernt, weil es inzwischen viele Daueranwender gibt. Die Langzeittherapie mit Schlafmitteln ist aber noch nie wissenschaftlich begleitet worden, weshalb sie generell nicht empfohlen werden kann. Außerdem haben Patienten mit chronischen Schlafstörungen nach dem Absetzen die gleichen Probleme wie vorher.

Wie kann man diesen Leuten helfen?

Das Ziel muss sein, den Schlaf ohne Medikamente zu verbessern. Deshalb wäre es sinnvoll, jedem stärker Betroffenen eine umfassende Verhaltenstherapie anzubieten – mit Entspannungsmethoden, einer Strukturierung des Tagesrhythmus und Techniken, die das nächtliche Grübeln reduzieren. Im Moment ist das aber nicht realisierbar.

Vermutlich, weil es nicht genug Therapeuten gibt.

Genau. Die Leitlinie ist als Anstoß gedacht, die Versorgungssituation hier möglichst schnell zu verbessern. Allerdings braucht nicht jeder Patient gleich das volle Paket bei einem ausgebildeten Verhaltenstherapeuten. Das sollte schweren chronischen Fällen vorbehalten bleiben. Und nicht jeder Betroffene ist bereit, eine Therapie zu machen. Alternativ dazu könnte eine einfache Schlafberatung beim Hausarzt oder Apotheker hilfreich sein. Diese könnten ohne großen Aufwand die Weichen stellen, indem sie ungünstige Gewohnheiten beleuchten und individuelle Tipps geben.

Wie hilft die Verhaltenstherapie ­gegen das nächtliche Grübeln?

Im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie lernen die Betroffenen, ihre negativen Erwartungen infrage zu stellen. Bringe ich nach einer schlechten Nacht tatsächlich katastrophale Leistungen? Und bin ich nachts wirklich so viel wach, wie ich glaube? Wenn die Betroffenen erkennen, dass sie trotz ihrer Schlafstörungen "funktionieren", verlieren sie die Angst und bekommen eine entspanntere Beziehung dazu. Es bringt nichts, nach einer schlechten Nacht in Panik zu verfallen. Trotzdem müssen sich die Patienten ernst genommen fühlen.

Manche Leute steigern sich also in ihre Schlafprobleme hinein?

Das ist tatsächlich oft der Fall. Objektiv gemessen, haben schlafgestörte Patienten etwa eine halbe Stunde weniger Schlaf als normale Schläfer, empfinden subjektiv aber zwei Stunden weniger. Wegen ihrer veränderten Hirnströme haben sie mehr kurze Wachphasen im Sekundenbereich, sind also in einer Art Daueranspannung. Auch in der Tiefschlafphase sind Teile des Gehirns aktiv, sodass die Betroffenen ihren Schlaf als kürzer und oberflächlicher erleben. Doch auch in diesem Fall funktioniert das Schlafsystem, und der Körper holt sich den lebensnotwendigen Schlaf, wenn er ihn braucht.

Wer ist bei Schlafstörungen der erste Ansprechpartner?

Da es in Deutschland nicht genug schlafmedizinische Zentren gibt, sollte der Hausarzt die Therapie steuern. Mit der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin haben wir eine Leitlinie für Hausärzte erstellt. Diese schließen zunächst körperliche Erkrankungen aus und beurteilen, ob eine schlafhygienische Beratung genügt oder ob der Patient einen Termin im Schlaflabor, eine kognitive Verhaltenstherapie oder ­eine längerfristige Psychotherapie braucht – etwa wenn die Schlafstörungen mit Depressionen und Angststörungen einhergehen. Manche Patienten profitieren auch von einer internet­basierten Behandlung.

Gibt es denn schon geeignete Online-Therapien?

Im englischen Sprachraum existieren mittlerweile verschiedene interaktive Angebote, in Deutschland gibt es bislang nur ein Projekt an der Univer­sität Lüneburg. Wir planen derzeit, selbst eine internetbasierte Therapie mit persönlicher Beratungs-Hotline zu entwickeln.

Was bringen sogenannte Schlaftracker, mit denen man seine Schlafqualität selbst analysiert?

Diese Lifestyle-Produkte sind im Moment sehr angesagt, bergen aber die Gefahr, sich zu sehr auf den Schlaf zu fixieren und dadurch eine Schlafstörung anzuerziehen. Weit sinnvoller finde ich ein Schlaftagebuch, weil es den Leuten dabei hilft, ihre Schlafqualität besser einzuschätzen. Eine objektive Messung ist aber nur im Schlaflabor möglich.


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