Wie Sie einer Nierenschwäche vorbeugen

Die Funktion der Nieren lässt oft unbemerkt und schleichend nach. Bestimmte Warnzeichen und Labortests helfen, eine Nierenschwäche frühzeitig zu entdecken

von Maria Haas, aktualisiert am 27.04.2016

Filterorgan: Die Nieren reinigen unser Blut und befreien es von Giftstoffen


Tief im Inneren des Körpers liegen die beiden bohnenförmigen, faustgroßen Nieren. Pausenlos waschen sie das Blut, jeden Tropfen rund 300-mal am Tag. So durchströmen täglich etwa 1800 Liter die Filter­organe. Ein Geflecht aus feinsten Kanälen trennt unter anderem Giftstoffe, Harnstoff, Salze und etwas Flüssigkeit ab. Das Konzentrat wird als Urin ausgeschieden. 99 Prozent der Flüssigkeit geben die Nieren gereinigt in den Blutkreislauf zurück, zusammen mit Mineralstoffen, Eiweiß und Zucker. Egal, ob wir an einem Tag mehrere Liter trinken und am nächsten nur sehr wenig, ob wir heute kaum und morgen üppig salzen – gesunde Nieren halten den Wasser- und Salzhaushalt weit­gehend konstant. Zudem bilden sie Hormone, die den Blutdruck regulieren und die Blutbildung fördern.

Nierenschwäche bleibt oft lange unerkannt

Doch im Lauf des Lebens lässt die Funktion des Doppelorgans nach. Experten schätzen, dass in Deutschland jeder zehnte Erwachsene eine eingeschränkte Nierenfunktion aufweist. Mit zunehmendem Alter steigt das ­­Risiko. "Nierenerkrankungen sind viel häufiger, als man denkt", sagt Professor Hermann Haller von der Medizini­schen Hochschule Hannover. "Das liegt vor allem daran, dass die Nieren versteckte Organe sind, die erst relativ spät Beschwerden bereiten."

Oft machen sich Krankheitszeichen erst bemerkbar, wenn das Gewebe bereits so stark geschädigt ist, dass die Nierenfunktion weniger als 60 Prozent beträgt. So vielfältig die Aufgaben des Organs sind, so vielfältig können die Probleme sein. Im Körper kann sich Wasser ansammeln und zu Ödemen führen, etwa in den Beinen. Der Säure-Basen- und der Mineralstoffhaushalt können aus dem Lot geraten. Blut­armut kann mit Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und abnehmen­der Belastbarkeit einhergehen. Im schlimms­ten Fall drohen die Nieren endgültig zu versagen. Die Patienten sind dann lebenslang auf die Blutwäsche (Dialyse) oder ein Spenderorgan angewiesen.

Urintest zur Früherkennung

Dabei wäre ein Nachlassen der Nierenfunktion oft frühzeitig erkennbar. Lange bevor Beschwerden auftreten, kann ein einfacher Urintest Hinweise auf Störungen geben. Eiweiß im Urin kann ein frühes Zeichen sein, dass die Funktion der Nieren beeinträchtigt ist. Der Urintest ist zwar Teil der regelmäßigen Gesundheitsuntersuchung "Check-up 35", wird aber gelegentlich versäumt. "Die Patienten sollten nachfragen", rät Haller. Die Nierenwerte im Blut – Kreatinin und Harnstoff – steigen erst an, wenn das Organ schon deutlich geschädigt ist.

Bluthochdruck und Diabetes größte Risikofaktoren

Zudem hilft der Check-up, die beiden häufigsten Risikofaktoren für eine Nierenschwäche aufzudecken: Bluthochdruck und Diabetes. Bluthochdruck gilt in zweierlei Hinsicht als Alarmzeichen. Zum einen schädigt er die feinen Nierenkörperchen direkt, ­sodass sie allmählich ausfallen. Die Nieren können den Blutdruck aber auch – hormonell gesteuert – selbst so regulieren, dass sie immer gut durchblutet werden. Wenn die Nierenarterien bereits krankhaft verengt sind, treibt das Organ den Blutdruck möglicherweise weiter in die Höhe und löst so eine fatale Eigendynamik aus. "Ein erhöhter Blutdruck ist immer ein Grund, die Nierenfunk­tion zu überprüfen", bekräftigt Haller.

Auch dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte schädigen die kleinen Gefäße in den Nieren. Manche Menschen leiden unter Diabetes, ohne es zu ahnen. Andere wissen von ihrer Erkrankung, doch ihre Werte sind nicht optimal. Das müsste nicht sein. "Wenn Diabetes frühzeitig erkannt und der Blutzuckerwert gut eingestellt wird, ist die Gefahr einer dia­­betischen Nierenschwäche deutlich reduziert", sagt Dr. Erhard ­Siegel, Chefarzt des St.-Josefs-Krankenhauses in Heidelberg. Der Internist und Diabetologe ermutigt Betroffene, sich einen Diabetespass zuzulegen, regelmäßig zur Kontrolle zu gehen und an einer Schulung teilzunehmen. "Sie sollte so früh wie möglich stattfinden", sagt Siegel. Eine Wiederholung alle drei Jahre sei sinnvoll. Fragen Sie bei Ihrer Krankenkasse, ob sie die Kosten trägt.

Gesunder Lebensstil beugt vor

Die Überprüfung der Risikofaktoren ist deshalb so wichtig, weil sich bestehende Schäden nicht immer rückgängig machen lassen. Neben der medikamentösen Therapie von Bluthochdruck und Diabetes beugt ein gesunder Lebensstil vor. Denn hohe Cholesterinwerte und Nikotin belasten die Gefäßwände. Wer sonst gesund ist, sollte täglich mindestens 1,5 Liter Wasser, Saftschorlen oder Ähnliches trinken. Die langfristige Einnahme von Schmerz­­mitteln kann die Nieren ebenfalls schwer schädigen. Diese Krank­heits­­ursache ist heute seltener, da Ärzte und Patienten die Risiken kennen und die Medikamente zurückhaltender einsetzen. Auch angeborene und erbliche Störun­gen sowie entzündliche Prozesse führen mitunter zu Funktionsverlusten.

Ist die Niere bereits geschädigt, gehört der Patient in die Behandlung eines Nephrologen. Der Nierenspezialist wird mit weiterführenden Untersuchungen zum einen die Diagnose abklären. Zum anderen gilt es, Risiken zu vermeiden, die das geschwächte Organ zusätzlich schädigen könnten. Oft lässt sich dann ein weiterer Funktionsverlust abbremsen.

Nierenschwäche: Wenn die Filterfunktion nachlässt

Grafik von links nach rechts:

Nierenkörperchen: Winzigke Gefäßknäuel in der Nierenrinde reinigen das Blut. Jede Niere besitzt etwa eine Million der Mini-Klärwerke.

Intakte Membran: Durch die Filtermembran ­gelangen Giftstoffe aus dem Blut in den Urin. Darin findet sich nur wenig Eiweiß.

Geschädigte Membran: Die Filtermembran lässt auch große Eiweißmoleküle passieren. Das weist auf eine Nierenschwäche hin.