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Migräne: Wie Sie Attacken vermeiden

Die vorbeugende Einnahme von Medikamenten und andere Verfahren machen mehr schmerzfreie Tage bei chronischer Migräne möglich. Unsere Experten geben Tipps, was Betroffene tun können

von Dr. Reinhard Door, aktualisiert am 22.08.2019

Ein regelmäßiger Tagesrhythmus, Entspannungstechniken und genug Schlaf können vorbeugend gegen Migräne-Attacken wirken


Hämmern im Kopf, Qualen bei jedem Geräusch, Übelkeit. Menschen mit chronischer Migräne kämpfen damit mindestens 15 Tage im Monat. Die Attacken bestimmen ihren Alltag, eine Chance auf Heilung besteht nicht. Doch es gibt Möglichkeiten, den Attacken vorzubeugen.

"Wenn sie alle ausgenutzt werden, ist die Halbierung der Migränetage ein realistisches Ziel", sagt Dr. Peter Storch, Leiter des Kopfschmerzzentrums an der Uniklinik Jena. Im Folgenden die Bausteine einer wirksamen Vorbeugung.

Auslöser nicht überbewerten

Wer an Migräne leidet, kann nichts ­dafür. Die überbesorgte, überkorrekte Migräne-Persönlichkeit existiert nicht, auch wenn das immer wieder behauptet wird. "Ich sehe alle Persönlichkeitstypen und Altersgruppen, es findet sich da kein Muster", sagt Professorin Dagny Holle-Lee, die Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerzzentrums an der Uniklinik ­Essen. Was es aber gibt, ist eine gene­tische Veranlagung.

Die Anlässe, die einer Migräne-Attacke vorausgehen, sind bei jedem Patienten unterschiedlich. Experten sind deswegen davon abgekommen, diesen sogenannten Triggern zu großes Gewicht beizumessen. Doch es gibt sie: Stress zum Beispiel oder bei Frauen bestimmte Zyklusphasen.

"Manche Patienten haben sich aber viel zu sehr darauf konzentriert und verzichten zum Beispiel unnötigerweise auf viele Nahrungsmittel", berichtet Holle-Lee. Dabei gibt es gar keine spezielle Migräne-Diät. Ein typisches Missverständnis: Wenn nach dem Essen von Schokolade Migräne auftritt, ist nicht die Schokolade schuld. Vielmehr war der Heißhunger darauf bereits ein Symp­tom der bevorstehenden Attacke.

Außerdem führten Trigger nicht zwingend zu Attacken, sagt Dr. Charly Gaul, Chef­arzt der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein. "Es kommt auch immer darauf an, in welchem Zustand sich das Gehirn gerade befindet." Es ist also nicht hilfreich, sich ständig zu kasteien und unnötigerweise ein Stück Lebensqualität aufzugeben. So löst zum Beispiel auch das Glas Rotwein nicht jedes Mal Kopfschmerz aus.

Neue Antikörper-Arzneien

Neue Medikamente, die direkt in den Krankheitsmechanismus eingreifen, sollen die Vorbeugung revolutionieren. Das hört sich zunächst einmal vielversprechend an. Drei derartige Antikörper sind mittlerweile zugelassen. Zwischen 40 und 50 Prozent der Patienten können damit die Zahl ihrer Schmerztage halbieren, sagen Studien. Sogar das kritische Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen sieht einen Hinweis auf einen beträchtlichen Zusatznutzen.

Infografik Migräne

Allerdings beruht ein Großteil dieses Erfolgs auf der Erwartungshaltung. Und wie bei allen Mitteln gilt auch für die Antikörper: "Einem Teil der Patienten helfen sie dramatisch, manchen ein bisschen und anderen gar nicht", sagt Experte Storch. Größter Vorteil der Mittel: Sie sind verträglicher als die meisten Arzneialternativen. Allerdings auch deutlich teurer: Mehr als 8000 Euro jährlich kosten die Antikörper nach derzeitigem Stand.

Aus all diesen Gründen kommen sie meist nur in Betracht, wenn vorher andere Medikamente erfolglos waren oder nicht vertragen wurden. Da die Mittel neu sind, fehlen Daten dazu, ob die langfristige Einnahme Risiken birgt. Vorsichtshalber verzichten sollte man unter anderem bei einem erhöhten Risiko für Herz­infarkt und Schlaganfall.

Andere Arzneien zur Vorbeugung

Auch eine Reihe anderer Arzneimittel kann Migräneanfällen vorbeugen – allerdings individuell sehr unterschiedlich. Dazu gehören unter anderem bestimmte Bluthochdruck- und Herzmedikamente, zwei Antiepileptika sowie Antidepressiva.
Meist beginnen Ärzte die Migräne- Vorbeugung mit den am besten verträglichen Beta­blockern.

Mögliche Nebenwirkungen fallen bei den anderen Arzneien oft stärker aus – je nach Wirkstoff etwa Kribbeln in Händen und Fü­ßen, depressive Verstimmungen, Müdigkeit, Mundtrockenheit, Gewichtszunahme. Aus diesen Gründen setzen Patienten die Medikamente häufig ab. "Das liegt aber auch an mangelnder Aufklärung", sagt Dagny Holle-Lee, "denn die Nebenwirkungen setzen viel rascher ein als die Wirkung." Geduld ist nötig.

Hilfe im Akutfall

Bei einem akuten Migräneanfall kommen als Medikamente zunächst die üblichen Schmerzmittel in ­Betracht. Die Apotheke hilft bei der Dosierung. Wenn dies nicht ausreichend wirkt, stehen Substanzen aus der Gruppe der Triptane zur Wahl, die zum Teil rezeptfrei erhältlich sind.

Manche Patienten benötigen sogar eine Kombination von Triptanen und anderen Schmerzmitteln. Triptane kommen allerdings für Patienten mit schweren Herz- und Gefäßkrank­heiten oder nach einem Schlaganfall nicht infrage.

Ausschließlich zur Behandlung der chronischen Mi­gräne mit mindestens 15 Schmerztagen im Monat wurde Botulinumtoxin zugelassen. Die Ärzte spritzen es, zunächst dreimal in vierteljährlichem Abstand, an mindestens 31 unter­schied­lichen Stellen von der Stirn bis zu den Schultern. Der Wirkmechanismus ist noch nicht ganz klar. Nebenwirkungen sind bei korrekter Durchführung selten.

Alternative Medizin

Bei Patienten beliebt sind Akupunktur oder pflanzliche Mittel. Gut belegt ist etwa die vorbeugende Wirkung eines Pestwurz-­Extrakts; dabei müssen aber die Leberwerte überprüft werden.

Stress reduzieren

Am effektivsten lässt sich der Migräne vorbeugen, wenn Medikamente mit psychologischen Verfahren kombiniert werden. Dazu gehört vor allem ein langfristig günstiger Umgang mit Stress.

Eine zentrale Rolle spielen dabei Entspannungsverfahren wie autogenes und Achtsamkeitstraining, Atemtechniken oder Yoga. Am einfachsten zu ­erlernen ist die progressive Muskel­relaxation (PMR), das regelmäßige An- und Entspannen von Muskeln.

"Was sich am besten eignet, muss ­jeder für sich selbst herausfinden", ­sagt Katja Müller, Psychotherapeutin am Kopfschmerzzentrum der Uniklinik Jena. "Es geht auch darum, welche Übungen zum Lebensrhythmus passen und wie man sich Pausen dafür schafft."

 Dr. med. Peter Storch und Katja Müller

Sie empfiehlt, die Verfahren unter Anleitung zu lernen. Viele Krankenkassen bieten entsprechende Kurse an oder übernehmen einen Teil der Kosten.

Zumindest in den ersten Therapiewochen, möglichst aber auch danach, sollte man Entspannungsverfahren täglich anwenden, um einen Effekt zu ­­erzielen. "Es ist besser, den Stresslevel bereits unter der Woche herunterzukochen", erklärt Mediziner Storch. Sonst passiere es leicht, dass die Migräne ausgerechnet in der arbeitsfreien Zeit am Wochenende oder im Urlaub auftrete.

Doch was, wenn schon der Gedanke an die täglich verpflichtende Entspannungsübung Stress bereitet? "Dann arbeite ich mit den Patienten daran, den Energiehaushalt insgesamt ins Gleichgewicht zu bringen", so Müller. Sie sollen lernen, Stressereignisse oder latenten Stress zu erkennen und Denkmuster zu ändern. Viele wollen etwa trotz Migräne alle Verpflichtungen erfüllen – und sei es mithilfe von Medikamenten.

Sport treiben

Regelmäßiger Ausdauersport trägt ebenfalls zur Stressreduktion bei. Empfohlen werden etwa drei wöchentliche Einheiten von wenigstens 45 Minuten. "Das wirkt entspannend und verbessert auch den Schlaf", erklärt Charly Gaul.

Und Bewegung hilft, Übergewicht zu reduzieren oder diesem vorzubeugen. Mit den Pfunden steigt nämlich das Migränerisiko. Überlasten sollte man sich beim Training jedoch nicht – auch das kann Kopfschmerzen auslösen.

Regelmäßig essen und schlafen

Patienten sollten außerdem immer zur etwa gleichen Zeit essen und auf regel­mäßige Schlafzeiten achten, also an den Wochenenden nicht bis elf Uhr schlafen. Allerdings muss man auch nicht unbedingt sonntags um sechs Uhr aufstehen. Patienten probieren am besten aus, was für Sie möglich ist.

Biofeedback-Training

Es hört sich vielleicht esoterisch an, ist aber wissenschaftlich gut belegt: Manche Patienten können bestimmte Körperfunktionen selbst steuern und sich dadurch bei Migräneattacken helfen. Einfach zu erlernen ist dies allerdings nicht. Unterstützen kann das sogenannte Biofeedback.

Dabei wird auf einem Bildschirm zum Beispiel ein Kreis gezeigt, der ein Blutgefäß symbolisiert. Schaffen es die verkabelten Patienten, das Gefäß durch Konzentration zu verengen, verkleinert sich der gezeigte Kreis. Ähnlich lassen sich andere Körperfunktionen wie Hauttemperatur oder das Atmen steuern. Ziel: das am Bildschirm gelernte Verhalten bei akuten Schmerzattacken auch ­ohne technische Hilfe einzusetzen.

Biofeedback hilft vor allem jenen Patienten, die sich mit ihrer Körperwahrnehmung schwertun. "Das gibt manchmal einen richtigen Aha-Effekt, wenn Patienten sehen, dass sie körperliche Vorgänge selbst beeinflussen können", erklärt Müller. Wichtig: die Kosten­erstattung vorab mit der Krankenkasse klären.

In Erprobung: Neuromodulation

Die Nervenzellen im Gehirn arbeiten mit Strom. Daher die Idee: Könnte man die Schmerzen nicht mit von ­außen zugeführtem Strom lindern?

Er soll die Überaktivität des Gehirns herunterfahren – und das möglichst langfristig, um Attacken von vorn­­herein zu verhindern. Zunehmend seltener werden dafür Elektroden unter die Haut implantiert. Diese Methode kommt vor allem beim sogenannten Cluster-Kopfschmerz zum Einsatz, der extrem starke Pein bereitet. "Bei Migräne stehen die Risiken in keinem Verhältnis zum möglichen Nutzen", findet Peter Storch.

Der Trend geht stattdessen hin zu Verfahren, bei denen direkt über der Haut angebrachte Elektroden bestimmte Nerven stimulieren: entweder den Vagusnerv oder Endäste des Gesichtsnervs. Beide Möglichkeiten erwiesen sich in kleinen Studien als wirksam. So sank zum Beispiel bei der Gesichtsnerv-Stimulation die Zahl der Migränetage von sieben auf fünf monatlich. Insgesamt ist die wissenschaftliche Datenlage aber dünn.

Dazu kommt: Die Krankenkassen übernehmen in der Regel nicht die Kosten. Und diese liegen teils im vierstelligen Bereich jährlich. Die Elektrotherapie kommt deshalb vor allem für Patienten in Betracht, die mit anderen Verfahren keine Besserung erreichen oder nicht längerfristig Arzneimittel einnehmen wollen.

Das Glück des Alterns

Hoffnung dürfen sich auch Menschen machen, denen alle diese Tipps nicht geholfen haben: Ab etwa dem fünfzigsten Lebensjahr werden die Migränetage seltener – bei Männern wie bei Frauen. Zumindest bei den meisten.