"Interesse der Patienten nicht unterschätzen"

Patienten haben heute leichten Zugriff auf medizinisches Fachwissen. Das verändert das Verhältnis zum Arzt und fordert ein hohes Maß an Eigenverantwortung. Ein Gespräch mit der Gesundheitsexpertin Marie-Luise Dierks

von Christian Andrae, 23.03.2018

Auf Augenhöhe: Arzt und Patientin entscheiden gemeinsam


Medizinisches Fachwissen ist heute nicht mehr nur Ärzten vorbehalten. Auch Laien haben per Internet leichten Zugriff darauf. Das verändert zwangsläufig die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Darüber sprachen wir mit Professorin Marie-­Luise Dierks. Die Pädagogin leitet die Patientenuni­versität an der Medizinischen Hochschule Hannover. 

Frau Dierks, was macht einen mündigen Patienten aus? 

Ein mündiger Patient weiß, welche Rechte er hat, was Ärzte und Krankenkassen dürfen und was nicht. Er kann sich im Gesundheitssystem bewegen und kann für sich und seine Interessen eintreten. Das ist Mündigkeit. Sie ist eine bestimmte Haltung: Ich bin für mich selbst verantwortlich.

Wollen Ärzte so einen Patienten überhaupt?

Da gibt es wie überall verschiedene Einstel­lungen. Erst kürzlich wurden für eine Studie Ärzte gefragt, wie sie es eigentlich finden, wenn sich ihre Patienten zum Beispiel vorher im ­Internet informieren. Die Ergebnisse waren durchaus ambivalent. Auf der einen Seite finden Ärzte das gut, weil die Patienten dann schon einiges wissen. Auf der anderen Seite ­befürchten sie, dass es Zeit kostet, wenn man Pa­tienten etwas noch mal erklären muss, weil sie es vielleicht falsch verstanden haben. Aber grund­sätzlich kommen Ärzte heute nicht mehr an solchen ­Situationen vorbei und müssen Strategien finden, um mit mündigen Patienten umzugehen.

Weil Sie gerade den Zeitfaktor genannt haben: Könnte es auch sein, dass mündige Patienten zu einer besseren Behandlung beitragen und so unterm Strich Zeit einsparen?

Ja. Das Gespräch kann etwa auch kürzer aus­fallen, weil der Patient sich schon selbst informiert hat. Oder: Ärzte können ihren Patienten Informationsmaterial empfehlen, zum Beispiel gute Internetseiten. Das könnte Zeit sparen. Und eine ganze Reihe von Studien belegen, dass das gesundheitliche Ergebnis am Ende zufriedenstellender ist, wenn die Kommunikation zwischen Arzt und Patient gut funktioniert. Denn dann halten sich Patienten besser an die Medikamentenempfehlung oder informieren ihren Arzt detaillierter über Probleme – je besser die Beziehung ist, desto mehr traut sich ja auch jemand zu sagen, wenn etwas gar nicht geklappt hat.

Doch die Kommunikation ist beiderseits sicher ausbaufähig. Woran könnten die Ärzte noch arbeiten?

Das Interesse der Patienten nicht unterschätzen, sich in verständlichen Worten ausdrücken und ihnen das Gefühl geben, sich Zeit für sie zu nehmen. Denn für die Patienten ist es wohl das größte Problem, wenn sie glauben, durch das Gespräch hetzen zu müssen.

Können sich Ärzte diese Zeit überhaupt nehmen?

Das hört sich vielleicht paradox an, aber wenn sich Ärzte Zeit für ihre Pattienten nehmen, sparen sie am Ende sogar Zeit ein.

Das klingt wirklich paradox.

Ist es aber nicht. In der Studie eines Kollegen hat man verschiedene Konsultationen untersucht. Dabei fiel auf, dass Ärzte am Ende der Behandlung mehr Zeit einsparten, wenn sie ihre ­Patienten wirklich erst einmal ausreden ließen und diese ihre Sorgen ausführlich schildern konnten.

Ärzte sollten sich also mehr Zeit nehmen. Was können Patienten besser machen? 

Sie könnten sich vielleicht besser auf ihren Arztbesuch vorbereiten, indem sie sich etwa wichtige Fragen oder den Zeitpunkt und die Dauer der Beschwer­den vorab notieren. Denn oft wissen sie nicht genau, was sie eigentlich vom Arzt wollen. Auch die ganze Medikation und Selbstmedikation gerade bei chronisch kranken Patienten muss dem Arzt besser kommuniziert werden. Zum Beispiel welche Arzneimittel sie gerade einnehmen oder ob und warum sie ein bestimmtes Medikament wieder abgesetzt oder nur unregelmäßig genommen haben. Damit will ich gar nicht sagen, dass es grundsätzlich verkehrt ist, wenn sich Pa­tienten anders entscheiden. Aber sie müssten es ihrem Arzt zumindest mitteilen. Denn der wundert sich sonst womöglich, warum eine Behandlung nicht anschlägt.

Idealerweise sollten Arzt und Patient partnerschaftlich Entscheidungen treffen. Klappt das in der Praxis?

Nein, das funktioniert nicht immer – auch wenn oft gesagt wird, dass etwas  partnerschaftlich entschieden wurde. Denn wenn man sich Aufzeichungen dazu aus Studien anschaut, dann trägt der Arzt natürlich mit seiner Erfahrung und dem, was er an Expertenwissen hat, einen wesentlich größeren Anteil zur Entscheidungsfindung bei – was nicht verwunderlich ist. Aber Partnerschaft heißt ja, dass beide etwas in ­diese Kommunikation einbringen und die Bereitschaft da ist, sich gegenseitig zuzuhören. Das vermissen wir bei den Ärzten noch etwas.

Was, wenn sich ein gut informierter Patient trotz partnerschaftlichem Dialog gegen eine bestimmte Therapie entscheidet?

In meiner Patientenuniversität war kürzlich ein Mann mit einem zu hohen Cholesterinspiegel. Er wollte ganz bewusst auf Medikamente verzichten und lieber seine Ernährung umstellen – was, wie wir heute wissen, keine Bes­­serung bringt und sein Arzt ihm auch so mitteilte. Dennoch wollte der Patient keine Cholesterinsenker einnehmen.

Ist das eine mündige Entscheidung?

Ja. Wenn sich ein Patient gegen etwas entscheidet, dann ist das eben so. Das muss man hinnehmen – auch wenn es medizinisch falsch ist. Wir sind freie Menschen. Wichtig ist nur, dass der ­Patient dem Arzt seine Entscheidung mitteilt.

Und wenn es nicht um Cholesterinsenker, sondern etwa um eine Krebstherapie geht und eine Entscheidung relativ schnell fatale Folgen haben kann?

Wenn ein Patient sich gegen eine bestimmte Therapie entscheidet, muss er eben auch mit den entsprechenden Konsequenzen leben, die sich daraus ergeben. Das Problem hat dann nicht der Arzt. Denn er kann und würde seinen Patienten schließlich nicht gegen dessen Willen behandeln. Das wäre ethisch nicht korrekt. Das Problem hat dann der Patient. Auch das ist Mündigkeit. Das setzt aber voraus, dass er wirklich über die Konsequenzen und die Tragweite einer Entscheidung informiert ist – das ist wiederum die Verantwortung des Systems.