Gefälschte Arzneimittel: Kann man sich schützen?

3,9 Millionen gefälschte Medikamente hat der Zoll 2015 sichergestellt. Wie Politik, Industrie und Apotheker dagegen vorgehen wollen, wie sich Verbraucher schützen können
von Christian Krumm, aktualisiert am 12.04.2016

Potenzmittel, Schlankheitspillen, Anabolika: Der Handel mit gefälschten Arzneimitteln nimmt zu. Laut der Zollstatistik 2015 wurden 3,9 Millionen Stück Tabletten sichergestellt. Das sind fast viermal mehr als im Jahr 2014.

Im Internet ist alles schnell, billig und unkompliziert zu bekommen. Sogar für verschreibungspflichtige Mittel wird manchmal kein Rezept verlangt. Nur wenige dieser Versandangebote sind seriös, oft sitzen die Firmen in fernen Ländern – unerreichbar für unsere Justiz. Wer dort bestellt, muss damit rechnen, ein gefälschtes Arzneimittel zu erhalten. Dennoch nutzen die Deutschen nach Erkenntnissen des Zolls solche Internet-Angebote besonders intensiv und sind ziemlich unvorsichtig. Nicht einmal das Impressum würde überprüft werden, sagen Zollbeamte.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble warnt: "Ich empfehle jedem, Medikamente online nur aus nachweislich seriösen Quellen zu kaufen." Denn: Was für die Fälscher ein ­­lukratives Geschäft ist, ist für den Verbraucher ein gefährliches Spiel: Sie bekommen zwar in der Regel ein Medikament geliefert, doch enthalten die Fälschungen bisweilen zu wenig, zu viel oder gar keinen Wirkstoff; manche sind gar mit anderen, giftigen Substanzen versetzt.

Den Kriminellen auf der Spur

Im Kampf gegen die betrügerischen Internet-Abzocker arbeiten internatio­­nale Strafverfolgungsbehörden eng zusammen. Interpol koordiniert mit dem Projekt Pangea eine Vielzahl von Aktio­nen gegen Arzneimittelfälschungen. Regelmäßig führen die Behörden intensive Kontrollen durch, bei denen stets große Mengen nachgemachter Packungen sichergestellt werden.

"Bei den Arzneimittelkriminellen handelt es sich meist nicht um Einzelpersonen. Vielmehr agieren hier häufig international organisierte Täter oder Tätergruppen", sagt Klaus Gronwald, Kriminalhauptkommissar beim Bundes­kriminalamt (BKA).

Diese Fälscherbanden versuchen in letzter Zeit zunehmend öfter, ihre Ware sogar in die reguläre Lieferkette einzuschleusen. "Je mehr Stationen es in dieser Kette gibt, vor allem irgendwelche Graumärkte, desto einfacher gelingt ihnen das", warnt Dr. Hans-Peter Hubmann, Apotheker und Vorsitzender des Bayerischen Apothekerverbandes.

Problematische Re-Importe

Seiner Auffassung nach sind daher vor allem auch Re-Importe problematisch, weil es dabei viele Zwischenstationen gibt. Da solche Arzneimittel zudem in anderen Sprachen beschriftet sind, wird es für Apotheker und Verbraucher schwerer, eine Fälschung zu erkennen.

Dennoch gilt der deutsche Arzneimittelmarkt als sicher – das bestätigt auch das BKA. Ein Grund dafür ist die akribische Überwachung durch Großhändler, Importeure und Apotheken. Ein neues System soll die Sicherheit in Zukunft noch weiter erhöhen.

Datamatrix-Code für mehr Sicherheit

Verschreibungspflichtige Arzneimittel wer­den dann mit einem maschinenlesbaren Datamatrix-Code bedruckt. Der Code enthält auch eine individuelle Seriennummer, die auf dem Server des zentralen Rechenzentrums gespeichert ist. Gibt der Apotheker das Medikament an den Patienten ab, scannt er es zunächst an seiner Kasse ein. Der Computer gleicht in ­Sekundenschnelle die Daten mit dem Rechenzentrum ab und prüft, ob diese Seriennummer existiert und ob eine Packung mit diesem Code vielleicht schon einmal abgegeben wurde. Gegebenenfalls erhält der Apotheker sofort eine Warnung auf dem Bildschirm.

Ähnliche Kodierungssysteme werden derzeit europaweit aufgebaut. Grundlage ist ein Beschluss der EU-Kommission, der Maßnahmen zur Abwehr von Arzneimittelfälschungen vorsieht. Industrie, Großhandel und Apothekerverbände haben in Deutschland frühzeitig gehandelt und auf freiwilliger und selbst kon­trollierter Basis eine Initiative namens Securpharm ins Leben gerufen, um einem extrem aufwendigen und sehr bürokratischen System seitens der EU zuvorzukommen. "Viele Länder beobachten unser Modell, weil es schon sehr fortgeschritten ist", sagt Hubmann.

Mittel gegen Krebs und Lifestyle-Präparate oft gefälscht

Frei verkäufliche Arzneimittel wie Kopfschmerztabletten oder Erkältungsmittel werden vorerst nicht durchgehend mit einem Code versehen, weil sie aufgrund ihrer niedrigen Preise für Fälscher kaum interessant sind. Für sie sind vor allem hochpreisige, innovative Arzneimittel gegen Krebs, HIV-Infektion oder Malaria lukrativ sowie Lifestyle-Medikamente zur Potenzsteigerung oder Gewichtsreduktion.

Wer Medikamente bei einer Versandapotheke kaufen möchte, sollte einiges beachten. Das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) stellt auf seiner Website die wichtigsten Fakten zur Verfügung: www.dimdi.de


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