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Coronavirus: Ausbruch in Italien

Aus rund 30 Ländern und Regionen außerhalb Festlandchinas sind mehr als 2200 Infektionen und 27 Todesfälle berichtet worden. In Europa ist Norditalien mit bisher 165 Infizierten und 4 Todesfällen stark betroffen

von dpa, 24.02.2020
Italien, Codogno: Zwei Frauen gehen mit Mundschutz durch eine Gasse der Stadt.

Italien, Codogno: Zwei Frauen gehen mit Mundschutz durch eine Gasse der Stadt


Im schwer vom Coronavirus betroffenen Norden Italiens ist inzwischen der vierte infizierte Mensch gestorben. Der 84 Jahre alte Mann sei in einem Krankenhaus in Bergamo ums Leben gekommen, berichteten Verantwortliche der Region Lombardei am Montag. Italien ist aktuell das Land mit den meisten erfassten Fällen in Europa. Die Zahl der Infizierten sei alleine in der Lombardei auf 165 gestiegen, sagte Regionalpräsident Attilio Fontana in einem Radiointerview. Am Vorabend waren es in ganz Italien nach Angaben des Zivilschutzes noch rund 150.

Öffentliches Leben steht praktisch still

In vielen Gegenden in Norditalien steht das öffentliche Leben praktisch still. In der Lombardei wurden zehn Gemeinden in der Provinz Lodi zu Sperrzonen erklärt. Dort kontrollieren Sicherheitskräfte, wer rein und raus darf. Sie liegen in der Nähe des Finanzzentrums Mailand, der zweitgrößten Stadt Italiens. In Venetien wurde die Gemeinde Vo abgeriegelt. Schulen, Universitäten und Museen bleiben geschlossen. Auch der Karneval von Venedig, der bis Dienstag gehen sollte, wurde vorzeitig beendet. Vier Infizierte sind in Italien bisher an der Krankheit gestorben.

Regionalpräsident Attilio Fontana Fontana sprach sich gegen Hamsterkäufe aus. «Der Wettlauf um Lebensmittel hat keinen Sinn. Die Lieferungen sind gesichert», sagte er. Auf Fotos und Videos waren leer geräumte Regale in Supermärkten in Mailand zu sehen - und lange Schlangen an Kassen.

Fehlalarm im Zug nach München

Ein Fehlalarm hatte am Sonntagabend den Zugverkehr zwischen Italien und Österreich über Stunden lahmgelegt. Zwei Eurocitys auf dem Weg von Venedig nach München wurden von Österreichs Behörden am Brenner gestoppt. Einer der Züge hatte zwei deutsche Frauen an Bord, die Fieber und starken Husten hatten. Sie wurden aber in Verona nach Angaben des österreichischen Innenministeriums negativ getestet. Danach konnten die 500 Passagiere nach München weiterfahren. Am Montagmorgen gab es beim Zugverkehr über den Brenner laut den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) keine Einschränkungen mehr.

Bundesregierung plant keine Grenzschließungen

Auch nach der Ausbreitung des Coronavirus im Norden Italiens plant die Bundesregierung derzeit keine Grenzschließungen. Entsprechende Überlegungen gebe es im Bundesinnenministerium nicht, sagte ein Ressortsprecher am Montag in Berlin. Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums sagte, in Deutschland sei es bisher gelungen, Menschen, die mit dem Covid-19-Virus infiziert seien, zu isolieren und zu behandeln. Für eine anhaltende Viruszirkulation in Deutschland gebe es derzeit keine Anhaltspunkte, sagte der Sprecher unter Berufung auf das Robert Koch-Institut. Die Lageeinschätzung könne sich aber ändern.

Die Sprecher versicherten, die Lage werde sehr genau beobachtet. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts verwies auf geänderte Reisehinweise für Italien, nach denen man sich vor einem Reiseantritt gegebenenfalls beim italienischen Gesundheitsministerium unter der Telefonnummer + 39 1500 oder bei der betroffenen Region Lombardei unter 800 894545 informieren solle.

Athen trifft erste Maßnahmen

Nach der rasanten Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 in Italien hat Griechenland erste Maßnahmen getroffen. Unter anderem werden seit Montagmorgen die Besatzungen von Fähren, die zwischen Italien und Griechenland pendeln, informiert, welche vorbeugenden Maßnahmen getroffen werden müssen, damit mögliche Verdachtsfälle rasch isoliert werden. Dies berichtete am Montag der griechische Staatsrundfunk.

Bereits am Vorabend hatte Athen alle künftigen Klassenfahrten nach Italien verboten. Die Schüler von zehn Schulen, die sich zurzeit inItalien befinden, sollten zurück nach Griechenland kommen, teilte das Ministerium mit. «Wir treffen alle diese Maßnahmen vorbeugend. Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung», erklärte die griechische Bildungsministerin Niki Kerameos im griechischen Fernsehen Open am Montagmorgen. In Griechenland sind bislang keine Coronavirusfälle erfasst.

Österreichs Regierung warnt vor Hysterie

Die österreichische Regierung hat vor Panik und Hysterie angesichts des Ausbruchs der neuen Lungenkrankheit Covid-19 im benachbarten Italien gewarnt. «Wir sind nach wie vor in einer sicheren, stabilen Situation», sagte Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) am Montag vor der Tagung von Fachgruppen und dem Einsatzstab. Es bestehe kein Grund zur Panik, bekräftigte auch Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne). Alle 189 Tests auf das Coronavirus, die bisher in Österreich erfolgt seien, seien negativ. Die Behörden seien international in engem Kontakt.

Für die Beobachtung der neuen Lungenkrankheit ist es laut Anschober günstig, dass die klassische Grippewelle ihren Höhepunkt überschritten habe. Als Vorsichtsmaßnahme hatte der Landeschef von Kärnten, Peter Kaiser (SPÖ), am Sonntag vor Reisen ins nahe Norditalien abgeraten. Zwei Züge aus Italien waren in der Nacht am Brenner vorübergehend angehalten worden, weil bei zwei Reisenden der Verdacht auf das Coronavirus bestand, die sich aber nicht bestätigte.

Italienisches Flugzeug auf Mauritius blockiert

Auf Mauritius wurde ein italienisches Flugzeug blockiert. Die Fluggesellschaft Alitalia erklärte am Montag, 40 Passagiere aus der Lombardei und aus Venetien seien aufgefordert worden, nach dem Aussteigen in lokale Quarantäne in dem Inselstaat zu gehen. Da sie dies abgelehnt hätten, würden sie nun wieder nach Italien gebracht. An Bord der Maschine von Rom nach Mauritius seien 212 Reisende gewesen. Keiner an Bord hätte Symptome, die auf das Virus deuten würden, gezeigt.

EU-Kommission kündigt Hilfszahlungen an

Im Kampf gegen die Verbreitung des neuartigen Coronavirus hat die EU-Kommission Hilfszahlungen in Höhe von 232 Millionen Euro angekündigt. «Mit mehr als 2600 Toten gibt es keine andere Option, als sich auf allen Ebenen vorzubereiten», sagte der EU-Kommissar für Krisenmanagement, Janez Lenarcic, am Montag in Brüssel. Das neue Hilfspaket solle die Weltgesundheitsorganisation WHO unterstützen und Ländern mit schwächerem Gesundheitssystem zur Verfügung stehen. Allein 90 Millionen Euro sollen in die Suche nach einem Impfstoff investiert werden. «Es sollte keinen Zweifel daran geben, dass es sich um eine globale Herausforderung handelt.»

Lenarcic betonte, dass alle Reaktionen auf die durch das Coronavirus ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse getroffen werden sollten. Zudem sollten alle Maßnahmen angemessen und in Absprache mit den anderen EU-Staaten getroffen werden. Zugleich machte er klar, dass etwaige Reiseeinschränkungen im eigentlich kontrollfreien Schengenraum Sache der einzelnen EU-Länder seien.

EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides sagte, die Situation in Italien sei besorgniserregend und zeige, wie wichtig es sei, dass die EU-Staaten vorbereitet sind. Am Dienstag werde eine gemeinsame Mission der Weltgesundheitsorganisation und der europäischen Präventionsbehörde ECDC nach Italien reisen.