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Pilzinfekte: Problematische Mykosen

Forscher wollen die Therapie schwerer Pilzinfektionen verbessern. Doch neue Pilzarten und die nachlassende Arzneiwirkung bereiten ihnen Sorgen

von Julia Rudorf, 27.06.2019
Candida albicans

Gefahr bei schwacher Immunabwehr: Hefepilz (rot eingefärbt)


Geht es um Pilzerkrankungen, denken die meisten an Fuß- oder Nagelpilz, wenn überhaupt. "Viele Menschen haben Pilze als Krankheitserreger nicht auf dem Schirm",  sagt Professor Oliver Cornely, Infektiologe am Uniklinikum Köln. Doch während Fuß- und Nagelpilz zwar lästig, aber meist ungefährlich sind, können Infektionen der inneren Organe lebensbedrohliche Folgen haben.

Pilzbefall über die Lunge

Ärzte nennen Pilzinfektionen auch Mykosen. Ein gesunder Körper ist meist gut dagegen gewappnet, erklärt Cornely: "Der Mensch hat ein mehrstufiges Abwehrsystem, das auch Pilzinfek­tionen verhindert." Etwa durch den Schimmelpilz Aspergillus fumigatus.
Er kommt fast überall auf der Welt vor, sprießt im Bad oder auf dem Kompost. Seine Sporen, klein wie Blutkörperchen, können mit dem Atem in die Lunge gelangen.

Normalerweise werden sie von Abwehrzellen in Schach ­­gehalten. Hat die Abwehr jedoch eine Lücke, kann sich der Pilz festsetzen. Sogar Gehirn, Leber, Nieren oder Darm können betroffen sein. "Das sind wenige, aber eben oft lebens­bedrohliche Fälle", sagt Cornely. Besonders anfällig sind Menschen mit schwacher Immunabwehr,  Frühgeborene oder sehr alte Menschen. Auch Krebspatienten oder Transplantierte, die Medikamente zur Unterdrückung des Immunsystems einnehmen müssen.

Die Behandlung solcher sogenannten invasiven Mykosen ist anspruchsvoll. Ärzte aus unterschiedlichen Disziplinen müssen zusammenarbeiten – vom Radiologen, der hilft, einen Befall der Lungen zu erkennen, bis zum Chirurgen, der in manchen Fällen den Pilz operativ entfernt. Etwa 13 000 Fälle gibt es jährlich, schätzen Experten.

Medikamente gegen die Zellen der Pilze

Weil nicht jedes Krankenhaus über ausreichend Erfahrung in der Therapie verfügt, wurde an der Kölner Univer­sitätsklinik ein Exzellenzzentrum für Pilz­­erkrankungen eingerichtet. Es berät Ärzte in ganz Deutschland, zum Beispiel zu den Arzneimitteln. "Pilzmedikamente greifen gezielt Pilzzellen an, können aber auch die sehr ähnlichen menschlichen Zellen schädigen. Deshalb haben diese Medikamente häufig ­Nebenwirkungen", erläutert Cornely.

Dass Mykosen oft Patienten treffen, die ohnehin geschwächt sind, macht die Medikation nicht einfacher. Cornely hat Arzneien mitentwickelt, die bei gefährdeten Krebspatienten verhindern sollen, dass diese zusätzlich auch noch eine Pilzinfektion bekommen.

Doch zu den bekannten Pilzarten kommen auch neue, die dem Menschen gefährlich werden können. Candida auris zum Beispiel. Vor acht Jahren wurde er in Japan entdeckt – als scheinbar harmloser Erreger von Ohrenentzündungen. Später tauchte der Hefepilz jedoch in mehreren Ländern fast gleichzeitig auf – als Auslöser von Blutvergiftungen und Wundinfektionen.

Pilze entwickeln Resistenzen

"Dieser Pilz ist der erste, der offenbar von Mensch zu Mensch übertragen werden kann", sagt Professor Oliver Kurzai, Leiter des Nationalen Referenzzentrums für invasive Pilzinfektionen. Dazu kommt, dass diese Art selbst dort überlebt, wo Pilze sonst wenig Chancen hätten: auf kühlen Oberflächen. Ähnlich wie ein Bakterium kann Candida auris offenbar über eine Schmier­infektion weitergegeben werden.

Für Hygiene­vorschriften im Krankenhaus hat das Konsequenzen: "Dass man bei ansteckenden Erregern Hände oder Oberflächen verstärkt desinfiziert, weiß man lange. Dass das auch wegen Pilzen notwendig ist, ist dagegen etwas Neues", sagt Kurzai, der an der Universität Würzburg zu Medizinischer Mikro­biologie und Mykologie forscht.

Oliver Kurzai

Langfristig könnte eine weitere Entwicklung zum Problem werden, die man bisher ebenfalls eher von Bakte­rien kennt: Pilze werden gegen gängige Wirkstoffe resistent. Die Folge: Medikamente helfen nicht mehr. Betroffen sind derzeit vor allem sogenannte Azole, bisher das wichtigste Mittel gegen Pilze. Seit den 70er-Jahren werden diese in großen Mengen in der Landwirtschaft eingesetzt, um Pilze aus Weinreben, Apfelbäumen oder Weizen zu eliminieren.

Konsequenzen für die Landwirtschaft

In der Medizin sind die Azole eine von nur drei Klassen von Pilzmitteln, den sogenannten Antimykotika. "Wenn davon eine wegfällt, dann hat man ein ernstes Problem", sagt auch der Kölner Experte Cornely.

Die Vermutung liegt nahe, dass die industrielle Landwirtschaft diese Entwicklung fördern könnte. Doch die eingesetzten Azole schützen eben auch einen Großteil der Ackerfrüchte – und damit die Bauern vor Ernteausfällen. "Ein Verzicht wie bei den Antibiotika in der Tierzucht ist deshalb nicht ohne Weiteres möglich", sagt Kurzai.

Pflanzenforscher, Tiermediziner und Mykologen aus Halle, Leipzig und Jena wollen nun untersuchen, ob in der ökologischen Landwirtschaft weniger resistente Pilze vorkommen. InfectControll heißt das  Projekt, das vom Bundesforschungsministerium gefördert wird.

Bislang sind resistente Pilze in Deutschland die Ausnahme. Experten gehen von etwa drei Prozent resistenter Erreger aus. Doch das Thema wird ernst genommen, sagt Kurzai, der ebenfalls an der Studie mitarbeitet: "Die Hoffnung ist, dass wir bald noch genauer wissen, was man tun muss, damit der Anteil auch so gering bleibt." Aus den Niederlanden gibt es bereits Hinweise, dass dort mittlerweile ein Drittel aller schädlichen Pilze Resistenzen
gebildet hat.


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