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Leisure Sickness: Krank im Urlaub

Wer sich ständig übernimmt, riskiert, dass er die Ferien krank im Bett verbringt. Wie man Leisure Sickness vermeidet

von Sonja Gibis, 14.10.2019
Hängematte am Strand

Statt entspannt in der Hängematte krank daheim: Manchmal kommt ein Infekt im ungünstigsten Moment


Der Papierberg muss noch verschwinden. Das unfertige Projekt soll nicht auf der Kollegin lasten. Und wer will schon nach dem Urlaub wochenalte Mails beantworten? Unbeschwert von unerledigten Aufgaben wollen wir in die freie Zeit starten. Dass die Woche davor zum Stresstest wird – was soll’s? Danach wartet ja Entspannung pur. Doch was ist der Lohn? Am ersten freien Morgen kratzt es im Hals. Und abends sehnt man sich fiebernd nach einem warmem Bett statt nach südlicher Sonne.

Laut Umfragen war mehr als jeder Fünfte schon einmal ein Opfer der "Leisure Sickness": der Freizeitkrankheit. Endlich sind die freien Tage da, dann streckt einen ein Infekt nieder. Kann Entspannung wirklich krank machen?

Freizeitmangel macht krank

Laut Professor Michael Stark, Leiter des Instituts für Verhaltenstherapie, Stress- und Fatigueforschung in Hamburg, ist das Gegenteil der Fall. Was krank macht, ist nicht die freie Zeit, sondern der Freizeitmangel davor. "Es ist einer der größten Fehler, um jeden Preis alles noch fertig machen zu wollen", sagt Stark. Das erhöht den Druck, der in der heutigen Arbeitswelt auf vielen lastet, noch zusätzlich. Vor dem Urlaub rutscht man in eine akute Stressphase – mit Folgen für den gesamten Organismus.

Wenn Forscher die akute Stressreaktion erklären, lassen sie gern ein Raubtier aus der Urzeit auferstehen: den Säbelzahntiger. Denn aus Zeiten, als die Menschen noch vor den Monsterkatzen zitterten, stammt das uralte Programm, das bei Belastung anspringt. Das Herz pumpt schneller, um die Muskeln mit Blut zu versorgen. Hektische Atmung liefert mehr Sauerstoff. Insulin schleust Zucker in die Zellen und stellt Energie bereit. Alles macht uns fit für die zwei Wege, Leib und Leben zu retten: Kampf oder Flucht. Körperfunktionen wie die Verdauung laufen derweil auf Sparflamme. "Wer kämpft, darf nicht aufs Klo müssen", sagt Stark.

Heute geht es längst nicht mehr um Leben und Tod. Das alte Programm springt aber noch immer an – selbst dann, wenn wir nur vor dem schlecht gelaunten Chef fliehen oder wenn ein Kampf nur im Kopf stattfindet. Und auch die Auswirkungen sind dieselben wie einst. Sie interessieren Immunologen wie Professor Carsten Watzl vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der Technischen Universität Dortmund. Für eine ­Studie rekrutierte sein Team Studenten, die vor einer harten Prüfungsphase standen. Anhand von Bluttests und Speichelproben verfolgten die Forscher deren Stresslevel – und wie es ihr Immunsystem veränderte. Im Blick hatten die Wissenschaftler unter anderem die natürlichen Killerzellen. Sie gehören zum angeborenen Abwehrtrupps unsres Immunsystems, der eindringende Erreger an vorderster Front bekämpft.

Stress wirkt auf die Abwehr

Während der Prüfungszeit beobachteten die Forscher, dass die Zahl der reifen Killerzellen im Blut abnahm. "Wir gehen davon aus, dass sie ins Gewebe gewandert sind", sagt Watzl. Man erinnere sich an den Säbelzahntiger: Akuter Stress bedeutete in Urzeiten ein hohes Risiko für Verletzungen. Der Abwehrtrupp im Gewebe wird daher aufgerüstet. Die unreifen Killerzellen im Blut nehmen zu, es wird also vermehrt Nachschub gebildet.

"Akuter Stress boostet das Immunsystem, um einen gesund zu erhalten", erklärt Watzl. Fällt der Stress weg, ist die Luft raus. Die Abwehr erholt sich, wird kurzzeitig etwas löchrig und lässt schon mal einen kleinen Infekt hochkommen. Krank macht uns also nicht die Entspannung, sondern der Stress davor.

Gefährliche Dauerbelastung

Viel gefährlicher als eine harte Woche vor dem Urlaub aber ist Dauerbelastung. "Chronischer Stress schwächt unsere Abwehr", sagt Watzl. So hemmt der dauerhaft erhöhte Kortisolspiegel die Schlagkraft unserer Abwehr. Läuft der Körper ständig auf Hochtouren, als laure ein Säbelzahntiger im Gebüsch, bricht er irgendwann zusammen. Um gesund in den Urlaub zu starten, sollte man also am besten beides vermeiden: die ungesunde Dauerbelastung und den Stressgipfel davor. 

Dazu gehört nicht nur, sich zwischendurch Freiräume für Erholung zu schaffen. Man sollte diese auch bewusst gestalten, wie eine Studie der Internationalen Hochschule nahe legt. Die Forscher wollten wissen, ob es Persönlichkeitstypen gibt, die besonders anfällig für die Freizeitkrankheit sind. Wenig überraschend: Vor allem Arbeitstiere, die selbst im Urlaub ständig ihre Mails checken, neigen dazu.

Ausgleich wirkt schützend

Doch auch Menschen, die zwar viel freie Zeit haben, aber wenige Hobbys, soziale Kontakte oder sonstige Verpflichtungen wie ein Ehrenamt, sind anfällig. Schützend wirkt vor allem, sich einen echten Ausgleich zur Arbeit zu schaffen. Statt sich mit dem Lieblingsbuch in der Hängematte zu fläzen, rät Stark zu moderatem Ausdauersport: Wandern, Radfahren, Spaziergänge – das hilft, um Entspannung zu finden.

Zudem sollte man ehrlich eine Frage beantworten: Wie erschöpft bin ich? Ist der innere Energietank schon längst auf Rot, sollte der Urlaub ihn nicht weiter leeren. Doch laut Stark ist es heute fast eine Statusfrage, in die freien Tage möglichst viele neue Eindrücke und Abenteuer zu packen. Erschöpfte fahren am besten an einen Ort, den sie kennen. "Damit man vom ersten Tag an das Zuhause-Gefühl hat, weiß, wo der Bäcker ist und wo das Lieblingsrestaurant."

Entscheidend ist der Abstand

Wichtig ist überdies die Zäsur zum Alltag. Wer im Urlaub zu Hause bleibt, sollte trotzdem einen Schnitt machen – und zum Beispiel den Briefkasten zwei Wochen in Ruhe lassen. "Ich habe mal den Fehler  gemacht und Briefe geöffnet", erzählt Stark. In der Post war die Aufforderung zur Steuererklärung, die Entspannung war dahin. Wer wenig Geld hat, muss kreativ sein: Auch mit den Kindern im Garten zu zelten versetzt einen in eine andere Welt.

Zurück am Arbeitsplatz muss man dann allerdings mit einer Nebenwirkung rechnen: dem Urlaubsjetlag. "Es ist normal, dass man erst mal nicht funktioniert wie zuvor", beruhigt der Stressforscher. Sich vor dem Urlaub eine Liste mit den eiligen Erledigungen zu machen erleichtert den Übergang in den alten Rhythmus. Wer dennoch am ersten Arbeitstag vor dem Bürocomputer sitzt und selbst sein Passwort vergessen hat, kann sich trösten: Er hatte offenbar einen tiefenentspannten Urlaub.