Wenn Menschen nach einer OP verwirrt sind

Sie sind konfus, aggressiv, teilnahmslos. Menschen, die nach einer Operation ein Delir erleben, haben oft große Angst. Was Ärzte und Angehörige tun können
von Ute Essig, aktualisiert am 27.03.2017

Eingriff unter Betäubung: Für viele Operationen sind Vollnarkosen nötig

Stocksy United/Miquel Llonch

Benebelt, konfus, desorientiert. Manchmal passiert es, dass Menschen nach einem operativen Eingriff nicht bei sich sind und keinen klaren Gedanken fassen können. Zur Häufigkeit des sogenannten postoperativen Delirs – einer akuten Funktionsstörung des Gehirns – gibt es allerdings keine belastbaren Zahlen. Das hat unter anderem damit zu tun, dass es sich nur schwer diagnostizieren lässt. Die Dunkelziffer ist deshalb hoch.

Die meisten befällt große Angst

Die Leitlinie der European Society of Anaesthesiology (ESA) geht auf der Basis von Studienanalysen von bis 28 Prozent der Krankenhauspatienten bei geplanten Eingriffen aus. Bewusstsein und Aufmerksamkeit der Patienten sind bei dieser Störung nach der Narkose für mehrere Tage bis Wochen wie getrübt. In seltenen Fällen dauert ein Delir länger oder geht in eine Demenz über.

Schwer Betroffene erleben eine oft traumartige Welt, die für sie keinen Sinn macht. Sie begreifen nicht, wo sie sind. Sie halluzinieren, sehen Ge­­genstände oder Tiere, die es in der realen Welt nicht gibt. "Das beherrschende Gefühl der Betroffenen ist Angst", sagt Dr. Simone Gurlit, ärztliche Leiterin der Abteilung für perioperative Altersmedizin am St.-Franziskus-Hospital in Münster. Manche reagieren mit Aggression und Hyper­aktivität, weil sie etwa befürchten, von einer Pflegekraft mit Medikamenten vergiftet zu werden. Andere mit Teilnahmslosigkeit. Das Problem: Wird die Störung nicht erkannt, kann sie langfristig zu bleibenden kognitiven Schäden führen.

Risikofaktoren: Alter, Arzneien und Vorerkrankungen

Die konkreten Ursachen für ein Delir sind noch nicht vollständig geklärt. Ältere Menschen haben jedoch ein besonders hohes Risiko. Es steigt, wenn sie bestimmte Medikamente wie Antidepressiva oder Benzodiazepine einnehmen oder durch mehrere Grund­erkrankungen vorbelastet sind, etwa Diabetes, Depressionen oder Herz-Kreislauf-Leiden.

"Man geht heute davon aus, dass diese Erkrankungen entzündliche Prozesse im Gehirn begünstigen, die zu einem Untergang von Nervenzellen führen", sagt Professorin Claudia Spies von der Charité Universitätsmedizin in Berlin, die an der ESA-Leitlinie mitgearbeitet hat. Ein Ansatzpunkt zur Vorbeugung eines Delirs ist die Betäubung selbst. Sie drosselt die Hirnaktivität und kann die Zerstörung von Nervenzellen verstärken. "Deshalb sollten zu tiefe Narkosen verhindert werden", rät Spies. Fällt ein Patient nach der OP durch Verwirrtheit auf, ist schnelles Handeln gefragt. "Je kürzer dieser Zustand dauert und je weniger schwer er sich ausbildet, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass man sich danach wieder im normalen Leben zurechtfindet."

Vertraute Gesichter helfen

Auch Angehörige können den Patienten bei der Reorientierung helfen. Allein ihre Anwesenheit wirkt beruhigend und vermittelt Sicherheit. Es hilft, den Betroffenen zu erklären, was passiert ist und wo sie sich befinden. "Wer seine Angehörigen unterstützen will, hält nicht Händchen, während sie dösen, sondern liest ihnen aus der Zeitung vor, bis sie erschöpft einschlafen", sagt Gurlit. Denn ein geregelter Schlaf-wach-Rhythmus unterstützt neben der körperlichen Mobilisierung das Gehirn dabei, sich wieder zu sortieren.

Brille, Hörgerät und eine Uhr an der Wand fördern die Patienten darin, ihre Umgebung wahrzunehmen und sich in Raum und Zeit zurechtzufinden. Da­­neben kann eine medikamentöse Therapie mit niedrig dosierten Psychopharmaka die Symptome eines Delirs lindern.


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