Künstliches Koma: Was ist das?

Eine Narkose über längere Zeit heißt auch künstliches Koma. Die Maßnahme soll das Gehirn entlasten und die Heilung fördern

von Maria Haas, aktualisiert am 01.07.2016

Angehörige sollen ruhig mit Patienten im künstlichen Koma sprechen


Seit Michael Schumachers verhängnisvollem Skiunfall hat wohl jeder schon einmal etwas von künstlichem Koma gehört. "Eigentlich ist der Begriff unglücklich gewählt", sagt der Anästhesist und Intensivmediziner Professor Paul Kessler von der Orthopädischen Universitätsklinik Friedrichsheim in Frankfurt. Ein Koma sei ein Zustand einer krankheitsbedingten schweren Bewusstseinsstörung des Großhirns. "Dagegen handelt es sich beim künstlichen Koma um eine Langzeitnarkose."

Narkose soll Hirnzellen entlasten

Dafür verwenden Ärzte die gleichen Medikamente wie für die Narkose während einer Operation – in der Regel starke Schmerz- und Schlafmittel. Nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma soll die Narkose die Hirnzellen entlasten. Der Stoffwechsel und der Sauerstoffbedarf des Gehirns werden reduziert.

Dies soll verhindern, dass Nervenzellen zugrunde gehen, Schwellung und Hirndruck weiter steigen und die Schädigung fortschreitet. Zudem soll die Narkose Angst und Schmerz nehmen und vor Verletzungen schützen, die sich der Patient durch unwillkürliche Bewegungen zufügen könnte.

Künstliches Koma meist nur einige Tage lang

Nicht nur nach einer Hirnverletzung, auch nach anderen schweren Erkrankungen kann es nötig sein, den Sauerstoffbedarf des Gehirns medikamentös zu senken. Nach großen Operationen, schweren Unfällen oder einem Herzinfarkt werden Menschen oft ebenfalls in Narkose versetzt.

Meist wird die Langzeitnarkose über einige Tage aufrechterhalten. Nach einer schweren Hirnverletzung kann sie aber auch länger nötig sein. "In der Regel hat sich jedoch spätestens nach mehreren Wochen der Hirndruck reduziert", erklärt Professorin Claudia Spies, Leiterin der Klinik für Anästhesiologie mit dem Schwerpunkt operative Intensivmedizin der Charité. "Dann kann man auch die neurologischen Schäden abschätzen, die der Patient erlitten hat."

Die meisten Organe arbeiten während der Langzeitnarkose selbstständig weiter. Das Herz schlägt, die Leber und die Niere funktionieren. Der Patient wird jedoch über eine Magensonde ernährt und er wird beatmet.

Mit der Dauer steigt das Risiko für Komplikationen an

Mit der Dauer der Sedierung steigt die Gefahr von Komplikationen. Als Folge der Beatmung kann eine Lungenentzündung auftreten, und das lange Liegen erhöht das Thrombose-Risiko. Grundsätzlich wird die Narkose so kurz wie möglich und so lange wie nötig aufrechterhalten.

Eine Studie, die das New England Journal of Medicine im Jahr 2000 veröffentlichte, belegt zudem, dass eine möglichst flache Narkose das Komplikationsrisiko verringert. Je länger die Narkose anhält, desto länger dauert auch die Aufwachphase.

Die Ärzte schleichen die Medikamente langsam aus, um eine überschießende Reaktion zu verhindern, erläutert Kessler. "Der Blutdruck kann sonst gravierend ansteigen, und starke Schmerzen können auftreten." Diese zusätzliche Belastung könnte das Gehirn erneut schädigen.

Nach dem Aufwachen reagieren viele Patienten verwirrt

Möglichen Entzugserscheinungen durch die Medikamente lässt sich vorbeugen. Trotzdem reagieren viele Patienten verwirrt, sind aggressiv oder halluzinieren.

Umso wichtiger ist es, dass in dieser Phase Angehörige anwesend sind. "Das hilft dem Patienten bei der Orientierung", erklärt Spies. "Er weiß schließlich nicht, was passiert ist." Die Intensivmedizinerin ermuntert Angehörige, mit dem Patienten zu sprechen oder ihn zu streicheln.

Spürt der Patient die Zuwendung der Angehörigen?

"Wir haben auf der Intensivstation das Gefühl, dass er die Zuwendung der Angehörigen spürt, auch wenn er nicht reagieren kann", erklärt sie. Das Vorspielen von Musik und Vorlesen helfen in dieser Zeit ebenfalls. Nicht zuletzt verringert dies aber auch bei den besorgten Angehörigen das Gefühl der Hilflosigkeit.

Aufgrund neurologischer Untersuchungen können die Ärzte beurteilen, ob und in welchen Bereichen die schwere Hirnverletzung Schäden hinterlassen hat. Doch bis sich genau sagen lässt, welche Folgen wohl dauerhaft zurückbleiben werden, vergehen manchmal Monate.   

Sonderfall Wachkoma

Nicht immer erreicht ein Patient nach dem Absetzen der Medikamente wieder das volle Bewusstsein. Das Wachkoma kann ein Übergangsstadium aus der Langzeitnarkose zum Aufwachen sein, aber auch Monate dauern. Manche Patienten bleiben in diesem Zustand. Im Wachkoma funktioniert das Großhirn nicht mehr.

Nur die tiefen Hirnregionen, die unter anderem die Atmung steuern, arbeiten noch. Die Patienten haben die Augen geöffnet, können aber nicht mit ihrer Umwelt kommunizieren. Doch es ist schwer festzustellen, ob der Betroffene tatsächlich ohne jedes Bewusstsein ist.