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Künstliches Koma: Was ist das?

Eine Narkose über längere Zeit heißt auch künstliches Koma. Die Maßnahme soll das Gehirn entlasten und die Heilung fördern

von Maria Haas, aktualisiert am 12.07.2019

Seit Michael Schumachers verhängnisvollem Skiunfall haben wohl alle schon einmal etwas von künstlichem Koma gehört. "Eigentlich ist der Begriff unglücklich gewählt", sagt der Anästhesist und Intensivmediziner Professor Paul Kessler von der Orthopädischen Universitätsklinik Friedrichsheim in Frankfurt. Ein Koma sei ein Zustand einer krankheitsbedingten schweren Bewusstseinsstörung des Großhirns. "Dagegen handelt es sich beim künstlichen Koma um eine Langzeitnarkose."

Narkose soll Hirnzellen entlasten

Dafür bekommt der Betroffene die gleichen Medikamente wie für die Narkose während einer Operation – in der Regel starke Schmerz- und Schlafmittel. Nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma soll die Narkose die Hirnzellen entlasten. Der Stoffwechsel und der Sauerstoffbedarf des Gehirns werden reduziert.

Dies soll verhindern, dass Nervenzellen zugrunde gehen, Schwellung und Hirndruck weiter steigen und die Schädigung fortschreitet. Zudem soll die Narkose Angst und Schmerz nehmen und vor Verletzungen schützen, die sich der Patient durch unwillkürliche Bewegungen zufügen könnte.

Künstliches Koma meist nur einige Tage lang

Nicht nur nach einer Hirnverletzung, auch nach anderen schweren Erkrankungen kann es nötig sein, den Sauerstoffbedarf des Gehirns medikamentös zu senken. Nach großen Operationen, schweren Unfällen oder einem Herzinfarkt werden Menschen oft ebenfalls in Narkose versetzt.

Meist wird die Langzeitnarkose über einige Tage aufrechterhalten. Nach einer schweren Hirnverletzung kann sie aber auch länger nötig sein. "In der Regel hat sich jedoch spätestens nach mehreren Wochen der Hirndruck reduziert", erklärt Professorin Claudia Spies, Leiterin der Klinik für Anästhesiologie mit dem Schwerpunkt operative Intensivmedizin der Charité. "Dann kann man auch die neurologischen Schäden abschätzen, die die Betroffenen erlitten haben."

Die meisten Organe arbeiten während der Langzeitnarkose selbstständig weiter. Das Herz schlägt, die Leber und die Niere funktionieren. Die Betroffenen werden jedoch künstlich beatmet und über eine Magensonde ernährt.

Mit der Dauer steigt das Risiko für Komplikationen an

Mit der Dauer der Sedierung steigt die Gefahr von Komplikationen. Als Folge der Beatmung kann eine Lungenentzündung auftreten, und das lange Liegen erhöht das Thrombose-Risiko. Grundsätzlich wird die Narkose so kurz wie möglich und so lange wie nötig aufrechterhalten.

Eine Studie, die das New England Journal of Medicine im Jahr 2000 veröffentlichte, belegt zudem, dass eine möglichst flache Narkose das Komplikationsrisiko verringert. Je länger die Narkose anhält, desto länger dauert auch die Aufwachphase.

Das Ärzteteam schleicht die Medikamente langsam aus, um eine überschießende Reaktion zu verhindern, erläutert Kessler. "Der Blutdruck kann sonst gravierend ansteigen, und starke Schmerzen können auftreten." Diese zusätzliche Belastung könnte das Gehirn erneut schädigen.

Nach dem Aufwachen reagieren viele Patienten verwirrt

Möglichen Entzugserscheinungen durch die Medikamente lässt sich vorbeugen. Trotzdem reagieren viele Patienten verwirrt, sind aggressiv oder halluzinieren.

Umso wichtiger ist es, dass in dieser Phase Angehörige anwesend sind. "Das hilft den Betroffenen bei der Orientierung", erklärt Spies. "Sie wissen schließlich nicht, was passiert ist." Die Intensivmedizinerin ermuntert Angehörige, mit dem oder der Aufgewachten zu sprechen oder die Person zu streicheln.

Zuwendung der Angehörigen ist wichtig

"Wir haben auf der Intensivstation das Gefühl, dass die Zuwendung der Angehörigen bemerkt wird, auch wenn die Reaktion fehlt", erklärt sie. Das Vorspielen von Musik und Vorlesen helfen in dieser Zeit ebenfalls. Nicht zuletzt verringert dies aber auch bei den besorgten Angehörigen das Gefühl der Hilflosigkeit.

Neurologischer Untersuchungen zeigen, ob und in welchen Bereichen die schwere Hirnverletzung Schäden hinterlassen hat. Doch bis sich genau sagen lässt, welche Folgen wohl dauerhaft zurückbleiben werden, vergehen manchmal Monate.   

Sonderfall Wachkoma

Nicht immer erreichen Betroffene nach dem Absetzen der Medikamente wieder das volle Bewusstsein. Das Wachkoma kann ein Übergangsstadium aus der Langzeitnarkose zum Aufwachen sein, aber auch Monate dauern. Manche Patienten bleiben in diesem Zustand. Im Wachkoma funktioniert das Großhirn nicht mehr.

Nur die tiefen Hirnregionen, die unter anderem die Atmung steuern, arbeiten noch. Die Patienten haben die Augen geöffnet, können aber nicht mit ihrer Umwelt kommunizieren. Doch es ist schwer festzustellen, ob der Betroffene tatsächlich ohne jedes Bewusstsein ist.