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Neue Gebärmutterhalskrebs-Früherkennung

Das Programm zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs gilt als sehr erfolgreich. Seit Anfang Januar 2020 gibt es jedoch Änderungen. Antworten auf die wichtigsten Fragen

von Marian Schäfer, 20.01.2020
Pap Test

Der Abstrich für den Pap-Test bleibt Bestandteil des Früherkennungsprogramms


Als die jährliche Früherken­nungsuntersuchung für Gebär­mutterhalskrebs 1971 Standard wurde, ahnte niemand, wie erfolg­reich sie sein würde. Damals erkrank­ten jährlich gut 18000 Frauen in Deutschland am invasiven Gebärmut­terhalskarzinom. "Seitdem ist die Zahl um 75 Prozent gesunken. In der Gruppe der Frauen, die die Früherkennungsuntersuchung jährlich machen, sogar um 90 Prozent", erklärt Professor Dr. Klaus Joachim Neis, Frauen­arzt in Saarbrücken und Experte der Deutschen Gesellschaft für Gynäko­logie und Geburtshilfe. Womit das Früherkennungsprogramm zu einem der erfolgreichsten weltweit gehöre.

Trotzdem hat der dafür zuständige Gemeinsame Bundesausschuss be­schlossen, die Vorsorge ab Januar 2020 zu ändern. "Sie wird nun als "organisiertes Programm" angeboten, was nicht bedeutet, dass die Früh­erkennung bislang unorganisiert war, sondern nur, dass jetzt gezielt einge­laden wird", erklärt Klaus Joachim Neis, der an der Ausarbeitung der neuen Richtlinie beteiligt war. "Nach dem Willen der EU soll dies neben klaren Vorgaben und einem guten Qualitätsmanagement in der Krebs­früherkennung Standard werden." Zukünftig würden Frauen alle fünf Jahre von ihrer Kasse schriftlich ein­ geladen.

Was ändert sich mit der neuen Regelung ab kommendem Jahr?

Bislang wird Frauen der sogenannte Pap­-Test bei der jährlichen Vorsorge angeboten. "Mit diesem Abstrich spüren wir mögliche Zellverände­rungen auf ", erklärt Gynäkologe Neis. Ist der Befund auffällig, folgt ein Test auf Humane Papillomviren (HPV). "Gebärmutterhalskrebs wird meist durch HPV ausgelöst", so Neis. Bis zum 35. Geburtstag ändert sich für Frauen an diesem Vorgehen auch in Zukunft nichts. Danach haben sie aber nur noch alle drei Jahre Anrecht auf den Pap-­Test – dann kombiniert mit einem HPV­-Test ("Ko­Test").

Warum wird das Vorsorge-Screening geändert?

Darin spiegelt sich die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte. "Wir wis­sen: Wenn bis zum 35. Lebensjahr jährlich ein Abstrich gemacht wird, erwischt man zwischen 50 bis 70 Pro­zent der Krebsvorstufen", erklärt Klaus Joachim Neis. Der Rest ent­stehe später: "Insgesamt entwickeln sich die Veränderungen am Gebär­mutterhals langsam. Selbst vom drit­ten und schwersten Frühstadium ver­gehen gut zehn Jahre bis zum Gebärmutterhalskarzinom." Schon heute warten Mediziner bei auffälligen Befunden häufig ab. "Nicht selten entwickeln sich leichte und mittel­schwere Vorstufen auch zurück", erklärt Neis. Er hält es daher für ver­tretbar, ab dem 35. Lebensjahr nur noch alle drei Jahre einen Abstrich zu machen – zumal dieser mit dem HPV­-Test kombiniert werde: "Damit gibt es eine doppelte Absicherung."

Warum gehört der HPV-Test erst mit 35 zum Standard?

Der Nutzen des HPV­-Tests für Frauen ist erwiesen – allerdings erst ab einem gewissen Alter: "Jüngere sind häufig noch auf Partnersuche. 80 Pro­zent kommen irgendwann einmal mit HPV in Kontakt", erklärt Klaus Joachim Neis. "Bei über 90 Prozent von ihnen bleibt die Infektion fol­genlos und heilt innerhalb von ein, zwei Jahren aus." Der Test würde viele jüngere Frauen also nur unnö­tig verunsichern. Bei älteren Frauen, die meist fest liiert sind, kann er hin­ gegen ein Hinweis auf eine Infek­tion sein, die nicht ausheilt – und potenziell krebsauslösend ist.

Verbessert sich die Früherkennung durch die Reform?

Das ist das erklärte Ziel. Ob es erreicht wird, soll ein Monitoring zeigen. Nach sechs Jahren wird Bilanz gezogen. Gynäkologe Neis glaubt nicht an einen großen Effekt: "Wir haben ja schon 90 Prozent Rückgang von Karzinomen in der Gruppe der regelmäßigen Vor­sorgepatientinnen. Das ist schwer zu toppen." Neis hält es auch für unwahr­scheinlich, dass sich die Gruppe der regelmäßigen Nutzerinnen durch die Einladungen vergrößert. "Durch das Fünfjahresintervall könnte sogar das Gegenteil passieren – zumindest, wenn die Frauenärzte sich darauf verlassen. Sie tragen bald noch mehr Verantwortung."

Welche Rolle spielt die HPV-Impfung eigentlich?

Wenn es nach Gynäkologe Neis geht, eine entscheidende. "In Australien haben wir aktuell eine Durchimp­fungsrate von 80 Prozent und beob­achten, dass seit 2007 die Zahl der HPV­-16­-Viren, die für mehr als die Hälfte der Karzinome verantwort­lich ist, um über 70 Prozent zurück­ gegangen sind", sagt Neis. "Ich halte es für möglich, HPV auszurotten." Aber: Hierzulande sind gerade mal 42 Prozent der Mädchen gegen HPV geimpft. Ob es bei den Jungen mehr werden, bleibt abzuwarten. Zuletzt zeigte eine Auswertung aller verfügbaren, hochwertigen Studien, dass in der Gruppe der geimpften Frauen Vorstufen zu Gebärmutterhalskrebs fast vollständig fehlen. "Wer bedenkt", führt Experte Neis fort, "dass HPV auch zu Tumoren im Bereich der Vagina, der Vulva, des Penis, des Anus oder der Mandeln führen kön­nen, erkennt den Stellenwert der Impfung."

Kolposkopie wird Standardleistung

Werden bei der Gebärmutterhalsvorsorge Auffälligkeiten festgestellt, führen Ärzte schon heute oft eine sogenannte Kolposkopie durch. Diese Untersuchung mittels Kolposkop, einer Art Lupe mit Licht, ermöglicht es dem Gynäkologen auch gleich Gewebe zu entnehmen. Sie bringt sehr genaue Ergebnisse, ist hierzulande bisher jedoch keine Standardleistung. Mit der Neuregelung der Gebärmutterhalskrebs-Früherkennung ändert sich dies. "Sie soll nach dem Willen des Gemeinsamen Bundesausschusses früher und damit auch häufiger zum Einsatz kommen", sagt Klaus Joachim Neis.

Neis ist zwiegespalten. Einerseits hätten viele Länder den Pap-Test durch die Kolposkopie ersetzt, weil der Abstrich ungenau sein kann (etwa, wenn er an der falschen Stelle gemacht wird oder sich zwei Stadien überlagern). Andererseits würden dadurch wahrscheinlich mehr Frauen kolposkopiert, bei denen man früher abgewartet hätte – und womöglich auch Gewebeproben entnommen.

"Die Technik ist fortgeschritten und weniger invasiv als früher. Trotzdem bleiben Risiken", sagt Neis. "Keine Frau soll Angst haben, aber die neuen Leitlinien stellen Arzt und Patientin vor die Aufgabe, Chancen und Risiken gemeinsam genau abzuwägen." Zudem gebe es zurzeit lediglich erst 160 zertifizierte Kolposkopie-Stellen in Deutschland – wohl zu wenige.