Erste Hilfe: Im Notfall richtig verhalten

Den Notruf 112 wählen – und dann? Profis geben Tipps, was Laien bei der Ersten Hilfe beachten sollten. Wichtig ist auch, das Opfer psychisch zu unterstützen

von Ingrid Kupczik, aktualisiert am 07.09.2015

Herzattacke: Ruhiges Sprechen und leichte Berührungen helfen Menschen in Notsituationen


Erste Hilfe leisten ist eine Bürgerpflicht – es nicht zu tun kann als unterlassene Hilfeleistung geahndet werden. Doch viele Menschen sind unsicher und haben Angst, etwas falsch zu machen, wenn sie helfen.

Aber helfen kann jeder. Das wichtigste: den Notruf 112 wählen! Unter der Nummer erreichen Sie automatisch die nächstgelegene Rettungsleitstelle. Von dort aus wird sofort ein Rettungswagen an den Unfall- oder Notfallort geschickt. Bis professionelle Helfer eintreffen, bekommen Sie auch telefonische Unterstützung bei der Ersten Hilfe.

Herzmassage: 100 bis 120 Mal pro Minute kräftig drücken

Einen Bewusstlosen, der nicht atmet, können nur Wiederbelebungsmaßnahmen retten, also eine umgehende Herzmassage, bei der Sie 100 bis 120 Mal pro Minute den Brustkorb des Opfers kräftig drücken, so dass er sich fünf bis sechs Zentimeter senkt. Wer es sich zutraut, sollte auch eine Mund-zu-Mund- oder Mund-zu-Nase-Beatmung durchführen. Es empfiehlt sich, die eigenen Kenntnissse darüber von Zeit zu Zeit aufzufrischen.

  • Faustregel für die Herzmassage: Etwa 2 Kompressionen pro Sekunde.
  • Faustregel für die Beatmung: Nach 30 Herzmassagen 2-mal beatmen (30:2-Rhythmus).

 

Psychische Erste Hilfe: Für das Opfer da sein

Großen Nutzen erzielt auch die "Psychische Erste Hilfe". Entwickelt wurde sie von Professor Frank Lasogga und Professor Bernd Gasch am Institut für Psychologie der Universität Dortmund auf Basis der Befragung Tausender Ersthelfer, professioneller Retter und Opfer:

Regel 1: Sagen Sie, dass Sie da sind und dass etwas geschieht!

Der Verletzte soll spüren, dass er in seiner Situation nicht allein ist. Gehen Sie zu dem Betroffenen und stehen Sie nicht herum. Schon der Satz "Ich bleibe bei Ihnen, bis der Krankenwagen kommt" wirkt entlastend und beruhigend. Informieren Sie den Verletzten auch über vorgenommene Maßnahmen, zum Beispiel "Der Arzt ist auf dem Weg."

Regel 2: Schirmen Sie den Verletzten vor Zuschauern ab!

Neugierige Blicke sind für einen Verletzten unangenehm. Weisen Sie Schaulustige freundlich, aber bestimmt an: "Bitte treten Sie zurück!" Wenn Zuschauer stören, weil sie unnötige Ratschläge geben oder ihre eigenen Horrorerlebnisse erzählen, geben Sie ihnen eine Aufgabe, zum Beispiel: "Schauen Sie bitte, ob die Unfallstelle abgesichert ist." Oder: "Halten Sie bitte die Zuschauer auf Distanz, und sorgen Sie für Ruhe!"

Regel 3: Suchen Sie vorsichtig Körperkontakt!

Leichter körperlicher Kontakt wird von Verletzten als angenehm und beruhigend empfunden. Halten Sie die Hand oder die Schulter des Betroffenen. Berührungen am Kopf und anderen Körperteilen sind nicht zu empfehlen.

Begeben Sie sich auf die gleiche Höhe wie der Verletzte: Knien Sie neben ihm oder beugen Sie sich herab. Wenn der Verletzte durch Kleidung eingeengt wird, friert, unbequem liegt oder wenn Kleidungsstücke zerrissen sind, sollte Sie dies beheben und ihn beispielsweise mit einer Decke zudecken.

Regel 4: Sprechen Sie und hören Sie zu!

Sprechen kann für den Verletzten wohltuend sein. Wenn der Betroffene redet, hören Sie geduldig zu. Sprechen Sie von sich aus, möglichst in ruhigem Tonfall – auch zu Bewusstlosen, wenn sie atmen und in die stabile Seitenlage gebracht sind. Vermeiden Sie Vorwürfe. Fragen Sie den Verletzten: "Kann ich etwas für Sie tun?" Informieren Sie hierüber gegebenenfalls die professionellen Helfer. Wenn Sie Mitleid verspüren, scheuen Sie sich nicht, es zu zeigen.

 

3 Beispiele: Wie verhalte ich mich richtig, wenn...

Wie verhalte ich mich richtig in Notsituationen? Professor Dr. Reimer Eggers von der Hochschule der Polizei Hamburg erklärt, wie Sie anderen Menschen am besten helfen können, ohne sich selbst in Gefahr zu begeben:

Beispiel 1:

In der U-Bahn wird am Ende des Waggons eine Frau von einem oder mehreren Männern bedrängt?

  • Wenn andere Fahrgäste mit im Abteil sind, sprechen Sie gezielt zwei oder drei Personen an. Fragen Sie nicht: "Kann mir mal einer helfen?" Das ist zu ungenau, und niemand wird sich angesprochen fühlen. Stattdessen: "Sie da mit dem roten Schal, und Sie gleich daneben, im schwarzen Jackett, bitte unterstützen Sie mich. Wir gehen jetzt zusammen zu der Frau, die dort bedroht wird, und helfen ihr."
  • Falls Sie allein Hilfe leisten müssen, ziehen Sie die Notbremse, rufen Sie über Handy die Polizei (110) an, verständigen Sie den Fahrer – je nachdem, was technisch möglich ist.
  • Schreien Sie laut "Feuer", um die Aufmerksamkeit der Täter vom Opfer abzulenken. Für den Fall, dass Sie selbst einmal Hilfe benötigen, ist "Feuer" im Übrigen auch das beste Wort, um andere Menschen auf sich aufmerksam zu machen.
  • Merken Sie sich möglichst genau das Aussehen der Täter, damit Sie später der Polizei eine gute Personenbeschreibung liefern können.
  • Tun Sie nichts, womit Sie sich selbst gefährden könnten!

Beispiel 2:

Sie selbst kommen an einen Unfallort und sehen, dass noch keine Rettungskräfte vor Ort sind?

  • Sehen Sie nach, ob Sie helfen können. Sichern Sie die Unfallstelle ab.
  • Rufen Sie den Rettungsdienst (112) oder bitten Sie eine andere Person, dies zu tun, während Sie sich um den Verletzern kümmern.
  • Durchschnittlich acht Minuten braucht ein Rettungswagen, bis er an der Unfallstelle eintrifft. Bis dahin hängt es womöglich von Ihnen ab, ein Leben zu retten. Sprechen Sie auch gezielt andere Personen an ("Sie dort, die Dame mit der blauen Jacke") und holen Sie sich Unterstützung, etwa, wenn Sie einen Verletzen aus einer Gefahrenzone bringen müssen.
  • Sobald Polizei (Notruf 110) und Feuerwehr vor Ort sind, folgen Sie deren Anweisungen. Ziehen Sie sich zurück, wenn Sie nicht gebraucht werden.

Beispiel 3:

Sie kommen an einen Unfallort, wo bereits Rettungskräfte im Einsatz sind?

  • Fragen Sie nach, ob Ihre Hilfe benötigt wird.
  • Falls nicht, entfernen Sie sich umgehend vom Ort des Geschehens.

Wichtig: Wenn Ihre Erste-Hilfe-Kenntnisse verkümmert sind: Frischen Sie sie jetzt auf. Kommunen, Hilfsorganisationen, Volkshochschulen, Fahrschulen, viele Arbeitgeber und andere bieten Kurse an (Preis: zwischen kostenlos und 20 Euro).