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Warum die Corona-Krise dick macht

Die Corona-Pandemie hat das Leben auf den Kopf gestellt. Auch wie sich die Menschen ernähren, hat sich verändert, wie eine aktuelle Studie zeigt. Damit abfinden sollte sich aber niemand, fordern Experten

von Andrea Mayer-Halm, 06.11.2020

Wie hat die Corona-Pandemie unser Essverhalten verändert? Das wollten Experten des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin (EKFZ) an der Technischen Universität München (TUM) und der Medizinischen Fakultät der Universität München (LMU) wissen.  Im September 2020 befragten sie 1.000 Menschen zu ihrem Ernährungsverhalten während der Corona-Pandemie. Die Studienteilnehmer im Alter zwischen 20 und 65 Jahren waren allesamt Eltern, die mit mindestens einem Kind bis 14 Jahre zusammen in einem Haushalt leben. Die Erkenntnisse sind erstaunlich – und teilweise besorgniserregend.

Wie beeinflusst Arbeiten im Homeoffice die Ernährung?

Der Alltag hat sich im Zuge der Pandemie verändert – und das wirkt sich auch auf das Essverhalten aus. Aber zunächst zu den Begleitumständen eines veränderten Alltags: Zwei Drittel der Befragten in der Münchner Studie gibt an, aktuell von zuhause aus zu arbeiten, jeweils die Hälfte davon durchgängig zu Hause bzw. mit Wechsel zwischen Homeoffice und Arbeitsplatz; ein Drittel geht weiter wie gewohnt zur Arbeit. Ein Drittel wechselt zwischen Homeoffice und Arbeitsplatz, der Rest geht wie gewohnt außer Haus zur Arbeit. Dies ist auch abhängig von der Ausbildung und dem Beruf der Befragten. So arbeiten unter den Menschen mit Abitur und Studium 40 Prozent fast durchgängig im Homeoffice. Unter Hauptschulabsolventen sind es nur zwölf Prozent.

Dick durch Corona Gewichtszunahme Zunehmen Bewegungsmangel Pandemie

Was kommt während der Corona-Pandemie auf den Tisch?

Die große Mehrheit der Befragten (knapp 80 Prozent) bevorzugt dieselben Lebensmittel wie zuvor. Immerhin: Fast jeder Sechste gab an, gesünder zu essen. Viele Familien, deren Eltern im Homeoffice arbeiten, kochen häufiger in der eigenen Küche als vor der Pandemie. Obst und Gemüse kommt bei ihnen dann häufiger auf den Tisch. Wurst und Fleisch kommen seltener auf den Tisch. Das ist gut – aber: Es wird aber auch deutlich mehr genascht.

Warum nehmen wir während der Pandemie zu?

Mehr als ein Viertel der befragten Erwachsenen hat während der Pandemie an Gewicht zugelegt. Dies gilt für Männer wie für Frauen gleichermaßen. Nach Einschätzung von Professor Dr. Hans Hauner liege das nicht nur am geänderten Essverhalten. "Geschlossene Fitnessstudios und Sportvereine spielen hier ebenfalls eine Rolle", so der Ernährungsmediziner. "Es ist die Kombination aus Bewegungsmangel und mehr Essen, die sich auf der Waage bemerkbar macht."

Ein weiterer Grund könnte – ganz banal, aber nachvollziehbar – sein, dass Essen als eine Art Trost fungiert. "Wenn ich mich meinen Freunden und der Familie nicht mehr nähern darf, will ich das kompensieren. Und da bietet sich häufig Essen an – vor allem ungesundes Essen", erklärt Hauner. Dies zeige auch, wie eng Ernährungsverhalten und Sozialleben oft miteinander verwoben seien.

Nehmen auch die Kinder zu?

Wie die Eltern, so vielfach auch die Kinder. Die Studie zeigt, dass neun Prozent der Kinder aus den befragten Familien seit Beginn der Pandemie an Gewicht zugelegt haben. In den Augen von Berthold Koletzko, Else Kröner-Seniorprofessor für Pädiatrie an der Universität München (LMU), sind das alarmierende Zahlen. Schließlich handle es sich bei dem Zeitraum bis zur Studienerhebung im September um gerade mal sechs Monate. Der zweite Lockdown ab November 2020 und dass Sportvereine und Fitnessstudios erneut die Türen schließen mussten, könne diese Entwicklung weiter verstärken, befürchtet Koletzko.

Ein genauerer Blick in die Zahlen zeigt, dass Kinder im Kleinkind- und Vorschulalter ihr Gewicht tendenziell gehalten haben. Zugenommen haben vor allem Schulkinder, und hier besonders Zehn- bis Zwölfjährige. Auch bei ihnen kommen die zwei vermuteten Ursachen zusammen: mehr Essen, weniger Bewegung. Fast 40 Prozent der Eltern gaben an, dass ihr Kind in diesen besonderen Zeiten deutlich weniger aktiv ist. Besonders häufig treffe das nach Auskunft der Eltern auf 10- bis 14-Jährige zu (57 Prozent). Während Kleinkinder überall und spontan eine Gelegenheit finden, sich auszutoben und zu spielen, sind Schulkinder offenbar auf Sportplätze oder Sportvereine angewiesen – oder zumindest den Schulsport.

Welche Rolle spielen soziale und wirtschaftliche Faktoren?

"Beunruhigend ist, dass vor allem die Kinder von Eltern aus Bevölkerungsschichten mit niedrigem Einkommen von der Gewichtszunahme betroffen sind", sagt Kinderarzt Koletzko. "Der Nachwuchs aus sozial schwachen Familien hat ein viel größeres Risiko für gesundheitliche Lasten."

Adipositas, also krankhaftes Übergewicht, sei einer der größten Risikofaktoren für schwere Krankheitsverläufe bei Covid-19, erklärt Ernährungswissenschaftler Hans Hauner. Er begründet dies damit, dass Übergewicht zu chronischen Entzündungen im Körper führe: "Das wiederum schwächt das Immunsystem und macht anfällig für Infektionen jeder Art." Zusätzlich verschlechtert Adipositas die Lungenfunktion. Bei ausgewogener Ernährung und normalem Körpergewicht erhält das Immunsystem üblicherweise alle Nährstoffe, die es benötigt, um seinen Aufgaben nachzukommen. Angewiesen ist es zum Beispiel auf eine ausreichende Versorgung mit Vitaminen und Zink, um sich gegen Infektionen zur Wehr setzen zu können.

Prof. Dr. Hans Hauner

Erkranken künftig noch mehr Menschen an Diabetes?

Zu wenig Bewegung, eine ungesunde Ernährungsweise, Gewichtszunahme – diese Beobachtungen aus den vergangenen Monaten sind als Tendenz bei Kindern indes nicht ganz neu. Dadurch sind sie aber nicht minder besorgniserregend, denn sie stellen wesentliche Risikofaktoren für allbekannte Zivilisationskrankheiten dar. "Besonders zwischen Übergewicht und Diabetesrisiko besteht ein enger Zusammenhang", erklärt Ernährungsmediziner Hans Hauner. "Wir müssen befürchten, dass kurzfristig die Zahl jener ansteigt, die einen Typ-2-Diabetes entwickeln könnten." Hauner berichtet von Diabetes-Spezialisten, die in ihren Praxen vermehrt erwachsene Patienten behandeln, die in Corona-Zeiten ihre Blutzuckerwerte nicht mehr unter Kontrolle bekommen.

Was ist das Fazit der Experten?

Auf der einen Seite beleuchtet die Studie, dass das Ernährungsverhalten in Familien stark von sozialer Schicht, Bildung und Haushaltseinkommen abhängt. Diese Erkenntnis ist nicht neu, wird als Befürchtung durch die Studie aber angefacht, dass die Corona-Krise die Verbreitung von Übergewicht unter Kindern und Jugendlichen langfristig noch beschleunigen könnte. "Wenn Adipositas schon in jungen Jahren auftritt, ist es später kaum noch in den Griff zu bekommen", so Ernährungsexperte Hans Hauner. Dann sei es nur eine Frage der Zeit, "bis Wohlstandskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes bei jungen Erwachsenen gehäuft auftreten."

Sowohl Hauner als auch Berthold Koletzko pochen darauf, dass gesetzliche Maßnahmen die Lebensmittelindustrie in die Pflicht nehmen. Es brauche zum Beispiel verpflichtende Vorgaben für gezuckerte Getränke und die Verpflegung in der Schule sowie ein Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel. Auch der Nutri-Score, der Lebensmittel entsprechend ihrem Gehalt an Zucker, Kalorien oder gesättigten Fettsäuren auf der Packung farblich kennzeichnet, sei hilfreich – aber bislang noch nicht verpflichtend. "Wir brauchen dringend gesetzliche Regelungen für die Lebensmittelindustrie, um möglichst allen Kindern ein gutes Aufwachsen zu ermöglichen", fordert Kinderarzt Koletzko.


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