Kalzium: Lebenswichtig – und gefährlich?

Kalzium ist ein wichtiger Mineralstoff, den der Körper braucht. Doch er soll auch das ­Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten erhöhen. Die Daten dazu sind widersprüchlich
von Dr. Reinhard Door, aktualisiert am 02.06.2015

Gesunde Knochen: Milchprodukte enthalten viel Kalzium

Thinkstock/iStock

Kalzium ist gesund und wichtig für stabile Knochen: Das wurde uns schon von klein auf eingebläut. Das tägliche Glas kalziumreiche Milch, bei  Widerwillen mit Kakaozucker schmackhaft gemacht, stand dann meist schon auf dem Frühstückstisch. Und nicht nur, wer derart erzogen wurde, nimmt ab einem gewissen Alter häufig Kalziumtabletten oder eine Kalzium-Vitamin-D-Kombination zu sich. In Deutschland tun dies laut der Nationa­len Verzehrsstudie unter den 65- bis 80-Jährigen jeder zehnte Mann und fast ­jede vierte Frau – in dem Glauben, sich damit nur Gutes zu tun.

Erhöhtes Herzinfarktrisiko durch Milch?

Seit einigen Jahren erschüttern Studien diesen Glauben: Sie legen nahe, dass ein Übermaß an Kalzium das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und vorzeitige Todesfälle erhöht. Jüngst weckte eine Untersuchung zudem den Verdacht, dass die als wichtigste Kalziumquelle angepriesene Milch besonders gefährlich ist.

Erstmals über Fachkreise hinaus publik wurden die Zweifel am immerguten Mineralstoff im Jahr 2010. Eine neuseeländische Arbeitsgruppe hatte elf Studien ausgewertet und ein erschreckendes Fazit gezogen: Wenn 1000 Os­­teoporose-Patien­ten fünf Jahre lang Kalziumpräparate zu sich nehmen, erleiden 14 von ihnen deshalb einen Herzinfarkt – umgerechnet einer von 71.

Doch Kritiker stellten das Ergebnis wegen methodischer Mängel und feh­len­­der Daten infrage. Die Autoren ­hatten für ihre Auswertung Studien ­gewählt, in denen andere Faktoren wie die Knochendichte oder die Bruchrate ­­untersucht wurden. Herzinfarkte wurden lediglich als Nebenwirkung erfasst – eine Vorgehensweise, die leicht zu verzerrten Ergebnissen führen kann.

Studienergebnisse sehr widersprüchlich

Auch andere Forscher trugen zur Verwirrung bei. Eine Gruppe wertete die Daten von 388.000 US-Amerikanern aus. Sie zählte nach zwölf Jahren bei Männern, die Kalziumpräparate eingenommen hatten, 20 Prozent mehr Todesfälle als in der Vergleichsgruppe. Bei Frauen war kein Unterschied zu sehen. Schwedische Forscher wiederum lasen aus ihren Daten auch für Frauen eine verkürzte Lebenserwartung heraus. Andere Studien ergaben weder bei Männern noch bei Frauen einen negativen Effekt – oder gar einen positiven.

Die Versuche der Autoren, die unterschiedlichen Ergebnisse zu erklären, muten spekulativ an und wirken etwas hilflos – ein allzu menschlicher Versuch vielleicht, sich die Widersprüche schönzureden. Zurück bleiben verunsicherte Patienten, die sich fragen: Sind die Präparate wirklich gefährlich? Für Männer, für Frauen oder für beide? Bei welcher Tablettendosis? Und was tun, um trotz möglicher Risiken die Knochen zu stabilisieren? Oder bleiben Verdauungsstörungen und Nierensteine die einzigen nennenswerten Nebenwirkungen, wenn man Kalziumpräparate schluckt?

Kalzium und Herz-Kreislauf-Risiko: Ein zufälliger Zusammenhang?

Experten finden die widersprüchlichen Ergebnisse nicht besonders erstaunlich, denn Studien der beschriebenen Art können keine Beweise liefern. Wer viel Kalzium zu sich genommen hat, mag eher einen Herzinfarkt erleiden oder früher sterben – aber nicht unbedingt, weil er den Mineralstoff geschluckt hat. Der Zusammenhang könnte auch zufällig sein oder auf anderen Faktoren beruhen, in denen sich Kalzium-Nutzer und -Nichtnutzer unterscheiden – in ihrem Gesundheitsbewusstsein etwa, in ihrem Ernährungs-, Sport- oder Rauchverhalten. Den Einfluss dieser Faktoren versuchen Forscher meistens durch mathematische Verfahren zu korrigieren; das gelingt ihnen jedoch nur bis zu einem gewissen Grad.

Einen weiteren Zweifel formuliert Professor Christian Kasperk, leitender Oberarzt an der Heidelberger Universitätsklinik für Endokrinologie, Stoffwechsel und Klinische Chemie: "Die Osteoporose selbst erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten, und es ist wahrscheinlich, dass unter den Tablettennutzern mehr Osteoporose-Patienten waren." Sprich: Die ohnehin Gefährdeten nehmen häufiger Kalzium­tabletten; diese sind aber nicht die Ursache der Gefährdung.  

Gefäße verkalken nicht durch Kalzium

Hinzu kommt: Die Teilnehmer solcher Untersuchungen wurden häufig nur zu Anfang zu ihren Ernährungs­gewohnheiten und der Einnahme von Tabletten gefragt und dann noch einmal gegen Ende der Studien – sofern sie dieses erlebten –, also meist mehr als zehn Jahre später. Dass diese Art der Erhebung nicht sonderlich exakt ist, liegt auf der Hand.

Auch der Mechanismus, über den Kalzium das Risiko für Herz und Gefäße steigern soll, bleibt unklar. Denn der sprichwörtlichen "Verkalkung" der Gefäße liegen andere Prozesse zugrunde, Kalzium wird erst in der Folge eingelagert. "Und dies auch bei völlig normalen Kalziumkonzentrationen im Blut", betont Professor Helmut Minne, Osteoporose-Spezialist in Halberstadt.

Ein lebenswichtiges Mineral

Kein Zweifel besteht hingegen daran, dass Kalzium für die Knochen und darüber hinaus grundsätzlich unentbehrlich ist. Rund 1 bis 1,5 Kilogramm davon enthält der Körper, das meiste in Knochen und Zähnen eingelagert. Daneben dient der Mineralstoff als zentrales Signalmolekül, auf dessen Befehl hin der Körper etwa die Muskeln anspannt, Hormone ausschüttet oder Nerven­signale weiterleitet.

Mit durchschnittlich rund 700 Milligramm täglich aus Nahrungsmitteln und Tabletten nehmen vor allem Senio­ren sogar zu wenig von dem Mineralstoff zu sich, folgert die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Insgesamt erreiche nur die Hälfte der Bevölkerung die empfohlene Tageszufuhr.

Hoch dosiert nur für Risikogruppen

Für Christian Kasperk ist dies dennoch kein Grund, der gesamten Bevölkerung Kalziumpräparate zu empfehlen. Sinnvoll, und dann in Kombination mit Vi­tamin D, sei dies nur bei entsprechen­den Risiken. Dazu zählt Kasperk eine stark gesunkene Knochendichte oder eine familiäre Vorbelastung, aber auch die langfristige Einnahme von Medi­kamenten gegen Sodbrennen oder ­bestimmte Krebsmittel, welche die Kalziumaufnahme im Verdauungstrakt erschweren.

Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft empfiehlt in einer Stellungnahme ebenfalls, Kalzium­prä­parate nur Risikogruppen zu geben, bei denen ein positiver Effekt zu erwarten ist. Dazu zählen auch Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, vor allem wenn sie sehr gebrechlich sind und sich nur selten im Freien aufhalten.

Für sie ist auch der Nutzen am größten. Einer systematischen Studienauswertung zufolge können die Präparate bei 1000 Heimbewohnern jährlich neun Knochenbrüche verhindern. In der übrigen Bevölkerung steht dem nur eine einzige verhinderte Fraktur gegenüber. "Man sollte die Präparate nicht als echte Therapie verstehen, sondern eher als Basisversorgung der Knochen", erklärt Kasperk.

Menschen mit Osteoporose sollen viel Kalzium zuführen

Die Autoren der deutschen Leitlinien zur Behandlung von Osteoporose emp­­fehlen allen Frauen nach den Wechseljahren und Männern ab dem 61. Lebensjahr täglich 1000 Milligramm Kalzium. Ein Muss sei dieses Minimum für Patienten, die bereits einen osteoporose­bedingten Knochenbruch erlitten haben und mit Medikamenten behandelt werden. Das Kalzium sollte dabei bevorzugt aus der Nahrung kommen, Präparate sind nur zweite Wahl. Nach einer Osteoporosefraktur bezahlt die Krankenkasse sie aber, wenn der Arzt ein Rezept ausstellt.

Genauso wichtig ist ausreichend Vitamin D, das es dem Körper ermöglicht, mehr Kalzium aufzunehmen. Im Sommer ist der einfachste Weg die Eigenproduktion des Vitamins in der Haut. Schon eine Viertelstunde täglich Sonnenstrahlen auf Gesicht, Hände und Unterarme decken in den meisten Fällen den Grundbedarf. "Wer sich einen großen Speicher anlegt, kann damit auch über den Winter kommen", sagt Professor Armin Zittermann, Mitglied der Arbeitsgruppe Vitamin D bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Dazu müsse man aber bis in den Spätsommer und wieder ab März Sonne tanken. Sicherer ist für Osteoporose-Patienten daher die Einnahme von täglich 800 bis 1000 Einheiten Vitamin D, je nach Bedarf in Kombination mit Kalzium.

Zu dessen Gefahren konnten sich die Autoren der Osteoporose-Leit­linie nur auf einen dürren Satz einigen: Das Risiko "wird kontrovers diskutiert", schreiben sie. Mit anderen Worten: Nichts Genaues weiß man auch weiterhin nicht.

Dass die Frage jemals endgültig geklärt wird, ist allerdings höchst zweifelhaft. Denn Studien, in denen gezielt das unterschiedliche Ausmaß eines Schadens untersucht wird, sind moralisch kaum zu vertreten und würden wohl von keiner Ethikkommission genehmigt. 

Auf kalziumreiche Ernährung achten

Allerdings ist der hässliche Verdacht nun in der Welt – nicht bewiesen, aber auch nicht endgültig widerlegt. Was folgt daraus, vor allem für Osteoporose-Patienten, für die Kalzium besonders wichtig ist?

Für die meisten gibt es glücklicherweise einen Ausweg: Wer auf eine kalziumreiche Ernährung achtet, der braucht normalerweise keine Tabletten. Eine Tagesration des Mineralstoffs liefern zum Beispiel schon ein Glas Milch und zwei Scheiben Käse. Auch grünes Gemüse wie Brokkoli sowie Hasel- und Paranüsse enthalten viel von dem Mineralstoff. Am einfachsten lässt sich die Versorgung über ein kalziumreiches Mineralwasser steuern.

Nur wer als Risikopatient auf diese Weise nicht zumindest annähernd ein Gramm Kalzium täglich zu sich nimmt, sollte zu Tabletten greifen. In Panik verfallen muss man aber auch dann nicht.


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