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Interview: Essen gegen die Unsicherheit

Hier ein Stück Kuchen, da eine Tüte Chips und abends eine Tiefkühl-Pizza. Seit Beginn der Corona-Pandemie haben viele Deutsche deutlich zugenommen. Ein Experte sagt, woran das liegt

von Katja Töpfer, 08.11.2020
Frau sitzt auf dem Bett und schreibt in ein Notizbuch

Sich über das eigene Essverhalten bewusst werden: Dabei können feste Essenszeiten und das Führen eines Esstagebuchs helfen


Warum verstärkt die Krise unser Bedürfnis nach Essen? Der Ernährungspsychologe Dr. Thomas Ellrott vom Institut für Ernährungspsychologie an der Georg-August-Universität Göttingen kennt Antworten:

Herr Dr. Ellrott, Sie erforschen, warum Menschen anders essen, als es aus gesundheitlicher Sicht eigentlich empfehlenswert ist. Eine aktuelle Studie zeigt, dass wir seit der Corona-Pandemie bei Tisch besonders kräftig zulangen. Haben Sie eine Erklärung, warum?

Die Corona-Pandemie ist mit vielen Ungewissheiten verknüpft. Wir können unser Leben nicht so gestalten, wie wir das gerne tun würden. Viele Menschen leben und gerade häufig zu Hause, auch die Kinder sind meist daheim, das bedeutet räumliche Enge. Und es entsteht neues Konfliktpotenzial. Besonders belastend ist die Situation für Menschen, die um ihren Job bangen, die Angst vor finanziellen Schwierigkeiten haben oder sich um ihre eigene Gesundheit oder die von ihren Angehörigen sorgen. Sie plagen diffuse Ängste, die ein Gefühl von Ohnmacht und Kontrollverlust auslösen können.

Also futtern wir uns Kummerspeck an?

Das negative Gefühl von Ohnmacht und Kontrollverlust hat erheblichen Einfluss auf unser Essverhalten. Denn um bewusst zu essen und gesunde Entscheidungen zu treffen, braucht unser Gehirn Rechenleistung. Nun ist mit Corona quasi ein neuer Feind von außen auf die Bühne getreten, der uns noch zusätzlich zu unseren normalen Alltagssorgen belastet und viel Aufmerksamkeit in unserem Gehirn abgreift. Es ist paradox. Obwohl viele Menschen weniger unterwegs sind und eigentlich mehr Zeit haben, bedeutet Corona zusätzlichen Stress. Und Stress absorbiert genau die Rechenleistung des Gehirns, die wir eigentlich zum besseren Essen brauchen. In Stresssituationen essen wir stark automatisiert – und denken kaum über unsere Gesundheit nach.

Experte Dr. med. Thomas Ellrott Ernährungswoche

Gerade während des ersten Lockdowns im März haben die Menschen angefangen, Lebensmittel zu horten. War das auch ein Reflex gegen unsere Angst?

Absolut. Durch dieses Horten von Mehl, Nudeln oder Konserven hatten wir das Gefühl, wieder Kontrolle über unser Leben zurückzugewinnen und der Situation nicht hilflos ausgeliefert zu sein, sondern aktiv etwas tun zu können. Kaufen gibt ein Gefühl der Kontrolle.

Ist Essen in der Corona-Zeit auch eine Möglichkeit, uns über unsere Sorgen hinweg zu trösten?

Manche Menschen versuchen, mit Essen positive Gefühle zu erzwingen. Aber das funktioniert in der Krise nicht so einfach. Denn um angenehme Emotionen auszulösen, braucht es neben den passenden Lebensmitteln auch die richtige Situation. Das ist wie mit dem Wein, der im Urlaub mit Freunden so lecker geschmeckt hat. Zuhause allein vor dem Fernseher bei den neuesten Corona-Hiobsbotschaften schmeckt der gleiche Wein nicht mehr wirklich gut und löst auch sicher keine Glücksgefühle aus.

Restaurants haben geschlossen, Kantinen sind ebenfalls dicht. Viele essen alleine für sich zuhause. Verspeisen wir durch die soziale Isolation mehr als uns guttut?

Essen ist auch ein wichtiges soziales Verhalten. Gemeinsam mit anderen zu essen, ist etwas, was uns in die Gesellschaft einbettet und das Leben lebenswert macht. Das fehlt, wenn wir allein vor dem Teller sitzen. Es gibt zwar Menschen, die sich in digitalen Communities virtuell zum Essen verabreden, aber ein wirklicher Ersatz für Gemeinschaft ist das nicht. Soziale Kontakte und Bindungen sind für Menschen unendlich wichtig. Müssen wir diese, wie im Augenblick, stark einschränken, kann die Gesundheit leiden und u.a. das Risiko für Depressionen steigen. Und wer depressiv ist, ist weniger in der Lage, sich gut um sich selbst zu kümmern und sich beispielsweise Gedanken über seine Ernährung zu machen. Hinzu kommt der ungünstige Effekt der Corona-Beschränkungen auf die körperliche Aktivität im Alltag und beim Sport.

Wie schaffen wir es, trotz der sozialen Isolierung gesund zu essen?

Wichtig ist, sich nicht passiv der Corona-Pandemie zu ergeben, sondern trotz Krise den eigenen Gestaltungsspielraum zu nutzen. Was dabei ungemein hilft, ist Planung. Hierfür eignet sich etwa das Wochenende, denn da haben viele Menschen Zeit, um zu überlegen, was sie in den kommenden Tagen essen möchten, welche Einkäufe getätigt werden müssen, was vorgekocht werden kann. In dem Moment, wo sie anfangen zu planen, erlangen sie wieder Kontrolle über ihr Leben zurück. Außerdem rate ich auch im Home Office zu festen Essenszeiten. Das strukturiert den Alltag und gibt ebenfalls das Gefühl von Normalität. Und: Verfolgen Sie nicht den ganzen Tag Corona-Nachrichten. Die permanente Berieselung mit angsteinflößenden Nachrichten verstärkt das Gefühl von Kontrollverlust und drückt die Stimmung.

Haben Sie einen Tipp, was wir dagegen tun können, wenn der Zeiger auf der Waage in diesen Zeiten immer weiter nach oben klettert?

Dafür habe ich drei einfache, kostengünstige und nebenwirkungsfreie Tipps. Erstens: Schreiben Sie auf, was Sie essen. Sie können hierfür eine der zahlreichen Ernährungs-Apps verwenden, ein Notizbuch tut es auch. In dem Moment, in dem Sie sich eine Notiz machen oder ein Foto von der eigenen Mahlzeit schießen, rücken Sie Ihre Essentscheidungen ins Bewusstsein und treffen oft eine gesündere Auswahl. Mein zweiter Tipp: Steigen Sie einmal in der Woche auf die Waage. Das ist eine gute Möglichkeit der Selbstkontrolle und Sie können frühzeitiger gegensteuern, falls das Gewicht langsam nach oben geht. Mein letzter Tipp ist einfach, aber effizient. Trinken Sie vor jedem Essen ein Glas Wasser. Dann haben Sie schon etwas im Magen und essen nachfolgend automatisch etwas kleinere Portionen.


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