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Self-Tracking: Was Uhren messen können

Puls anzeigen, EKG aufzeichnen, den Rhythmus beurteilen – Kann eine Digitaluhr bereits Patienten vor Schlaganfällen schützen? Eine ­Studie zeigt die Chancen und Risiken von Datensammlungen in Eigenregie

von Dr. Reinhard Door, 23.08.2019
Mann mit Digitaluhr

Pulsmessung: Nicht nur Sportler setzen auf intelligente Uhren


Sie messen den Puls, überwachen den Schlaf, zählen die Schritte. Jetzt sollen sie auch Herzrhythmusstörungen aufspüren – ganz ohne ärztliches Zutun. Smartphones, intelligente Digitaluhren und andere Mini- Computer sammeln zunehmend mehr Daten über unsere Gesundheit. Davon profitieren vor allem die Hersteller und Betreiber dieser Produkte.

Digitale Schätze

"Patientendaten sind das neue Gold und die maßgebliche Geschäftsgrund­­lage der Digitalisierung", sagt Professor Peter Radke, Vorsitzender des Ausschusses "Digital and Mobile Health" der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Mit diesen Daten wären die Konzerne in der Lage, kranken Menschen speziell auf sie zugeschnittene Angebote zu machen, zum Beispiel die Versorgung durch Mediziner, die bei ihnen angestellt sind.

Dafür müssen die erhobenen Daten allerdings zuverlässig sein. Für das US-Unternehmen Apple ein Anlass, zu überprüfen, ob seine Uhr tatsächlich Vorhofflimmern erkennt. Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung und zudem für rund ein Viertel aller Schlaganfälle verantwortlich. Häufig spüren die Patienten jedoch nichts davon. Könnte eine Digitaluhr sie vor dem Risiko warnen?

Wie die Uhren den Herzschlag erfassen

Eine Diode auf der Rückseite der untersuchten Uhr sendet dafür Licht durch die Haut. Anhand der Reflexion durch die kleinen Blutgefäße lässt sich der Abstand zwischen zwei Herzschlägen messen. Ist der Puls ohne äußeren Anlass unregelmäßig, gilt das als mögliches Anzeichen für Vorhofflimmern.

Das Ergebnis der Studie, an der 420 000 Menschen teilgenommen ­haben und in die Ärzte der Stanford- Universitätsklinik einbezogen waren: Bei rund 0,5 Prozent der Teilnehmer meldete die Uhr tatsächlich einen unregelmäßigen Puls, vor allem bei älteren. Nur in jedem dritten Fall bestätigte ein anschließendes EKG den Verdacht auf Vorhofflimmern. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass die Herzrhythmusstörung oft nur in Episoden auftritt – also nicht unbedingt genau dann, wenn der Arzt ein EKG aufzeichnet.

Untypische Patienten

Die Mehrheit der Studienteilnehmer entsprach dem typischen Vorhofflimmern-Patienten nicht: Durchschnittsalter 40 Jahre, keine Symptome einer Herzkrankheit. Die ärztliche Leitlinie für Vorhofflimmern allerdings empfiehlt eine Untersuchung auf die Störung ohne Verdacht nur Menschen ab 65 sowie allen, die bereits einen Schlaganfall erlitten haben. Denn ­gerinnungshemmende Medikamente könnten sie vor einem weiteren Hirninfarkt schützen.

Die Mittel bergen aber auch das Risiko von schweren Blutungen. Ob der Nutzen dieses Risiko überwiegt, ist vor allem bei jüngeren Patienten unklar – speziell wenn die Diagnose durch eine anlasslose Messung erfolgte.

Werden Gerinnungshemmer zu früh verwendet?

In der Praxis wird das aber nicht immer bedacht. "Patienten erhalten oft schon Gerinnungshemmer, wenn zum Beispiel ein Herzschrittmacher schnelle Vorhofschläge anzeigt", berichtet Professor Paulus Kirchhof, Direktor des Instituts für kardiovaskuläre Wissenschaft an der Universität Birmingham (England). Künftig werde dies durch die weitere Verbreitung von digitalen Geräten noch häufiger der Fall sein – trotz eines nach derzeitigem Stand unklaren Nutzens.

Kopfzerbrechen bereiten Kardiologen auch die Meldungen der Uhr, die ein Langzeit-EKG nicht bestätigt. Was sollen sie diesen Menschen raten? ­Eine Therapie ist bei ihnen nicht angesagt, dennoch müssen sie mit einem Verdacht leben. "Viele Messungen ohne Konsequenzen verunsichern einige Patienten eher, als sie zu beruhigen", meint Peter Radke.

Auch Professor Gerhard Hindricks, ärztlicher Direktor des Herzzentrums Leipzig, sieht die wahllose Erhebung von Herzdaten kritisch. Etwas anderes findet er gleichzeitig atemberaubend wie erschreckend: Die gesamte Studie bis zur Auswertung des EKGs verlief allein unter Regie der Herstellerfirma. Erst wenn das EKG auffällig war, sahen die Menschen einen Arzt aus Fleisch und Blut. "Unser Gesundheitswesen ist auf die Nutzung dieser bei richtiger Anwendung segensreichen Technologie nicht vorbereitet", stellt Hindricks fest. Und die Entwicklung gehe weiter.

Infografik: Digitaluhr mit EKG

Alleingelassen mit Zahlen

Die neuesten Generationen digitaler Uhren ermöglichen bereits eine einfache EKG-Messung; die Erhebung weiterer Herzparameter ist nahe, die Messung des Blutzuckergehalts ohne Piksen ein weiteres Ziel. Eine solche Datenflut birgt aber nicht nur Chancen, sondern auch das Risiko von Fehltherapien.

Deshalb dürfe man das Feld nicht den Firmen überlassen, so Hindricks. "Wir müssen darüber reden, wie man solche Techniken sinnhaft nutzt und in existierende Gesundheitsstrukturen einbettet. Da gehören niedergelassene Ärzte, Kliniken, Apotheken, Kassen und Patientenverbände ins Boot." Der Kardiologe will in Leipzig ein Zentrum aufbauen, in dem Ärzte Patienten beraten und ihnen helfen, mit den Daten angemessen umzugehen. Die Zahlen allein können in die Irre führen.