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Wie werden möglichst viele schnell geimpft?

Etwas mehr als eine halbe Million Menschen sind bislang geimpft. Trotz großer Impfstoff-Bestellungen für die Zukunft droht der Impfstoff aktuell knapp zu werden. Nun sucht man nach Wegen, die Gabe zu optimieren

von Dr. Christian Heinrich, 12.01.2021

Die Menschheit steht dieser Tage an einem Wendepunkt im Kampf gegen das Coronavirus SARS-CoV-2. Das große Ziel der Herdenimmunität, die das Virus allmählich zum Verschwinden bringen würde, ist plötzlich in Reichweite. Von Herdenimmunität spricht man laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Falle des Coronavirus, wenn 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung immun sind. Nach allem, was man weiß, sind die allermeisten Menschen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 zumindest eine Zeit lang immun. Dieser Weg würde aber auch bedeuten, dass mindestens 50 Millionen Deutsche COVID-19 durchmachen müssten. Nach offiziellen Zahlen haben noch nicht einmal zwei Millionen hierzulande die Infektion durchgemacht. Ein langer Weg.

Impfstoff als goldener Weg zur Herdenimmunität

Ein Impfstoff ändert die Situation, er verhindert bei fast allen Geimpften die Erkrankung, macht Menschen immun oder zumindest deutlich widerstandsfähiger gegen die SARS-CoV-2-Viren: Nach zwei Impfungen im Abstand von drei Wochen baut sich bald ein Schutz auf. Wenn geimpfte Personen dann tatsächlich auch keine Coronaviren mehr übertragen – was sich noch endgültig herausstellen muss – ist das nicht nur eine enorm schnelle und schonende Abkürzung zur Herdenimmunität. Mit einer raschen Durchimpfung können auch viele Tote und überbelegte Intensivstationen verhindert werden. Im Grunde zählt jeder Tag. Dazu braucht es allerdings genügend Impfstoff. Und genau dies ist derzeit das Nadelöhr.

Während die Impfung in Deutschland und Europa langsam anläuft, droht bereits eine Knappheit an Impfstoff. Das ist kein Wunder, wartet doch die ganze Welt auf Impfdosen. Längst wird diskutiert, ob es nicht ein Fehler war, die Bestellung des Impfstoffes zuerst der europäischen Ebene zu überlassen. Schuldzuweisungen machen die Runde, dass die Bundesregierung sich nicht genügend eingesetzt hat dafür, dass Deutschland von Anfang an eine größere Menge Impfstoff erhält. Verteidiger der Strategie, darunter Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, wiederum argumentieren, dass Deutschland nicht seine finanziellen und machtpolitischen Vorteile ausspielen sollte, um anderen Ländern den Impfstoff wegzuschnappen.

Wie auch immer die Haltung zu alldem ist, es gilt, das beste aus der Situation zu machen. Und das bedeutet, möglichst viele Antworten zu finden auf die Frage: Wie lässt sich der Impfstoff, der zur Verfügung steht, möglichst optimal einzusetzen?

Aus fünf mach sechs

Eine Möglichkeit wäre, mehr Impfungen mit der gleichen Menge an Impfstoff zu verabreichen, ohne, dass die Qualität der Impfung darunter leidet. Tatsächlich besteht eine solche Möglichkeit bei den Impfstoff-Ampullen der Hersteller Biontech und Pfizer: In einer Ampulle für fünf Impfdosen ist, gewissermaßen als Puffer, tatsächlich Impfstoff für sechs Impfdosen vorhanden.

"Wir holen an unserem Impfzentrum tatsächlich aus einer Ampulle meist sechs vollständige Impfdosen heraus. Voraussetzung, damit das gelingt, sind geeignete Spritzen und Kanülen", sagt Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie am Helmholtz Zentrum München und Leiterin des Instituts für Virologie der Technischen Universität München. Bestätigung für dieses Vorgehen kam vor Kurzem dann auch von der europäischen Arzneimittelbehörde EMA: sie hat offiziell zugelassen, dass sechs statt bisher fünf Dosen aus einer Ampulle gezogen werden dürfen.

Zweite Impfung vertagen?

Eine weitere Maßnahme, die in den vergangenen Wochen diskutiert wurde: Die zweite Gabe des Impfstoffs nach hinten zu verschieben. Die Idee dahinter: Schon nach der ersten Gabe des Impfstoffs ist man ein Stück weit geschützt, vor allem vor schwereren Verläufen. Durch die Verzögerung der zweiten Gabe könnten mehr Menschen früher eine erste Dosis bekommen und wären so zumindest ein Stück weit geschützt.

Doch es fehlt die wissenschaftliche Grundlage: "Es gibt im Grunde keine aussagekräftigen Studien, die zeigen, wie gut die Schutzwirkung zum Beispiel nach drei Monaten ist, wenn man nur eine Dosis an Impfstoff bekommen hat. Deshalb ist von diesem Schritt eher abzuraten", sagt Professor Stephan Becker, Leiter des Instituts für Virologie an der Philipps-Universität Marburg. Zu diesem Schluss ist auch die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut gekommen: Die  Gabe der zweiten Impfstoffdosis solle innerhalb von 42 Tagen erfolgen. Das ist der Zeitraum, der sich in Studien als wirksam erwiesen hat.

Blick in die Zukunft

Viel mehr lässt sich aus den aktuellen Impfstoff-Dosen also offenbar nicht herausholen. Richtet man den Blick aber in die Zukunft, lässt sich noch einiges tun.

Natürlich gilt, dass dafür gesorgt wird, dass in Zukunft ausreichend Impfstoff zu Verfügung steht. In den letzten Tagen gab es hier zwei wesentliche Schritte in diese Richtung. Erstens hat die Europäische Union weitere Impfdosen bei Biontech bestellt, Deutschland hat sich eine zusätzliche Lieferung von 30 Millionen Impfdosen gesichert. Zweitens hat die Europäische Kommission auf Empfehlung der EMA grünes Licht gegeben für einen zweiten Impfstoff, vom Hersteller Moderna. Auch hier hat die EU bereits 80 Millionen Impfdosen bestellt und sich eine Option gesichert für die Lieferung weiterer 80 Millionen Impfdosen.

Bessere Aufklärung für mehr Impfbereitschaft

Professor Peter Palese, Leiter des Bereichs Mikrobiologie an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York, hat einen Blick von außen auf Deutschland und sieht für die Zukunft noch eine weitere Herausforderung neben der Bereitstellung von ausreichend Impfstoff: "In Deutschland wollen sich erschreckend viele Menschen nicht impfen lassen", sagt Palese. Das sei etwas befremdlich, bescheinigten Studien dem Impfstoff doch eine exzellente Wirkung, und bisherige Erfahrungen und Studien ließen darauf schließen, dass im Grunde keine schwerwiegenden Nebenwirkungen aufträten: Bei Tests früherer Impfstoffe, die stärkere Nebenwirkungen verursachten, traten diese Nebenwirkungen in aller Regel im Zeitraum von sechs Wochen nach der Impfung auf. Und die Zulassungsstudien des mRNA-Impfstoffes haben keine Hinweise ergeben, dass in diesem Zeitraum beim mRNA-Impfstoff starke Nebenwirkungen auftreten. "Diese wissenschaftlichen Tatsachen sollte man besser und vermehrt vermitteln. Um die offenbar weit verbreitete falsche Angst vorm Impfen zu bekämpfen."

Aktuell besteht aber noch kein Problem an einem Mangel an Impfwilligen, sondern eher an Impfstoff und Impfkapazitäten. So wurden seit dem Impfstart vor gut zwei Wochen in Deutschland erst etwas mehr als eine halbe Million Menschen geimpft, man kommt weniger schnell voran als erhofft. Aber immerhin könnte es mithilfe von Maßnahmen wie sechs Impfungen aus Fünfer-Impfdosen-Portionen herauszuholen gelingen, dass sich auch in naher Zukunft keine gravierende Impfstoffknappheit einstellt, womöglich entspannt sich die Situation in naher Zukunft sogar deutlich. Der Wendepunkt rückt in greifbare Nähe.