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Was bedeutet was? Die tägliche Coronavirus-Zahlenflut

Der R-Wert und die Menge der Neuinfektionen und Corona-Toten bestimmen seit einigen Wochen die Nachrichten. Eine kleine Aufklärung, was uns diese Zahlen erzählen können – und was nicht

von Dr. Christian Heinrich, 07.05.2020
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Zahlenflut: Wie viele Patienten haben sich wo mit dem Virus infiziert? Die Statistiken sind nicht immer ganz eindeutig


Am 5. Mai gab es in Deutschland 947 neu diagnostizierte SARS-CoV-2-Infizierte, was sagt uns das? Das ist eine ziemlich gute Zahl, werden die meisten jetzt denken, unter 1000, ein paar Tage zuvor lagen die Neuinfektionen pro Tag noch bei mehreren Tausend. International steht Deutschland damit auch recht gut da – auch das werden die meisten wissen – in den USA zum Beispiel gab es am gleichen Tag mehr als 20.000!

Die Statistik berücksichtigt nicht jeden Fall

Während noch Anfang des Jahres fleißig auf der Fußball-Bundesliga-Tabelle hin und her gerechnet wurde, wie viele Punkte reichen würden, um einen Abstiegsplatz zu vermeiden, werden seit März die täglich veröffentlichten Zahlen der SARS-CoV-2-Infizierten analysiert und diskutiert. Da ist es wichtig zu wissen, was sie eigentlich bedeuten, wie sie zu lesen sind – und wie nicht! 

Nehmen wir die Zahl 947 vom 5. Mai. Die Zahl sagt aus, dass bei 947 Menschen an diesem Tag SARS-CoV-2 entweder nachgewiesen wurde oder dass es Symptome gab, die eine Diagnose mit Covid-19 nahelegten. Sie sagen nicht aus, dass sich in diesem Zeitraum genau 947 Menschen in Deutschland neu infiziert haben.

"Es ist sicher, dass die tatsächliche Zahl der Neuinfizierten in Deutschland deutlich höher liegt. Denn in die Statistik fließen ja nur all diejenigen ein, die wegen Beschweren beim Arzt waren und dort positiv getestet oder klinisch diagnostiziert wurden", sagt Professor Rainer Schnell, Statistikexperte und Inhaber des Lehrstuhls für Sozialwissenschaftliche Methoden und Empirische Sozialforschung an der Universität Duisburg-Essen.

Begrenzte Testkapazitäten

Diejenigen, die sich anstecken, davon aber nichts mitbekommen, weil sie keine Symptome zeigen, werden laut Schnell ebenso wenig erfasst wie Menschen, die zwar leichte Beschwerden haben, aber nicht zum Arzt gehen.

Die absolute Zahl der diagnostizierten Neuinfektionen an einem Tag ist auch aus einem anderen Grund problematisch. "Zu Beginn der Pandemie konnten die Labore deutlich weniger Tests pro Woche verarbeiten als heute. Deshalb wurden anfangs auch weniger Menschen getestet als heute, zudem waren die Kriterien, dass man getestet wurde, strenger.

"Das wirkt sich natürlich auf die Statistik der Neuinfektionen aus", erklärt die Epidemiologin Brigitte Strahwald vom Institut für medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie an der Uni München. Wenn weniger Menschen getestet werden, dann werden tendenziell auch weniger Infizierte gefunden.

Test bei ausgeprägten Symptomen und hohem Verdachtspotenzial

Weil bei der täglichen Zahl der diagnostizierten Neuinfektionen die Testkapazitäten nicht berücksichtigt werden, ist auch ein internationaler Vergleich der Infizierten im Grunde kaum möglich. Womöglich sind in Indien mittlerweile viel mehr Menschen infiziert als beim derzeitigen weltweiten Spitzenreiter USA, nur wird in Indien eben deutlich weniger getestet.

Doch die Tests lassen sich auch nicht einfach in die Zahl der täglichen Neuinfektionen integrieren. Nähme man zum Beispiel den Anteil der positiv Getesteten an den insgesamt Getesteten, würde das auch nicht mehr aussagen. Denn es ist davon auszugehen, dass dort, wo insgesamt weniger Menschen getestet werden, vor allem die Menschen mit ausgeprägten Symptomen und hohem Verdachtspotenzial getestet werden. Das führt natürlich dazu, dass die Quote höher ist – obwohl die absolute Anzahl der Neuinfektionen hier womöglich niedriger ist.

Die Rolle der Bevölkerungszahl

In jedem Fall ist es sinnvoll, auch die Bevölkerungsgröße mit einzubeziehen. Das heißt, man berechnet, wie groß der Anteil aller bisher Infizierten an der Gesamtbevölkerung ist. Eine beliebte Größe ist hier die Zahl der Infizierten pro Million Einwohner.

Ebenso wie bei den Gesamtzahlen der Infektionen liegt hier die USA vorne, es sind 3773 Menschen pro eine Million Einwohner, in Deutschland sind es 2015 pro eine Million Einwohner. Doch auch bei diesen Zahlen werden die Testkapazitäten nicht berücksichtigt.

Kleiner 1? Das sagt der R-Wert aus

Hat vielleicht der sogenannte R-Wert mehr Aussagekraft, von dem in letzter Zeit immer wieder die Rede ist? Der R-Wert wird auch Reproduktionszahl genannt, er sagt aus, wie viele Menschen von einem Infizierten angesteckt werden, wenn noch keine Immunität vorhanden ist.

Ein R-Wert von 1 bedeutet, dass ein Infizierter einen weiteren Menschen infiziert. Liegt der R-Wert über 1, wächst die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Erkrankung, weil ein Infizierter mehr als eine andere Person ansteckt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und das RKI haben das Ziel ausgerufen, den R-Wert unter 1 zu senken. Die Kontaktbeschränkungen, die Verbote von öffentlichen Versammlungen, das Schließen von Schulen und Kitas – all dies sollte dabei helfen, dass ein Infizierter weniger Menschen ansteckt und der R-Wert in Deutschland unter 1 sinkt.

Der R-Wert ist nicht in Stein gemeißelt

"Die Zahl ist wichtig, aber sie wird leider oft als einzelne, absolut feststehende Zahl missverstanden. Das ist eine falsche Betrachtungsweise", sagt Brigitte Strahwald. Das wird offensichtlich, wenn man sich vor Augen führt, wie die Zahl ermittelt wird.

So gibt es mehrere Modelle, um die Reproduktionszahl zu berechnen. In das Modell, für das sich das RKI entschieden hat, fließen unter anderem (es gibt noch eine Reihe mehr Faktoren) mit ein: die Zeitspanne zwischen Infektion und ersten Symptomen, die Dauer vom Beginn der Erkrankung bis zur Genesung und die Zeit, in der man infektiös ist, das heißt, andere anstecken kann. Für viele dieser Faktoren müssen allerdings Annahmen getroffen werden, die jeweils eine gewisse Schwankungsbreite haben.

"Die täglich veröffentlichte Zahl ist daher nur ein modellierter Schätzwert und muss vorsichtig interpretiert werden. Sinnvoller wäre es, neben der einen Zahl immer das sogenannte Konfidenzintervall anzugeben, also den gesamten Bereich, in dem die R-Zahl liegen kann", sagt Strahwald. Trotzdem lasse sich vor allem an der Entwicklung der Zahl im Laufe der Zeit ein Trend angeben.

Entscheidend ist die Stichprobe

Der nächste wichtige Schritt, darin sind sich die Experten Rainer Schnell und Brigitte Strahwald einig, liegt nun in der Erfassung der Durchseuchung der Bevölkerung. Dabei geht es unter anderem darum, die beiden Fragen zu beantworten: Wie viele Menschen in Deutschland haben das Virus tatsächlich? Viele Infizierte bleiben ja symptomlos, sind anschließend aber dennoch vermutlich immun. Und wie ist der Verlauf der Erkrankung bei den meisten Infizierten?

"Dazu braucht es eine verallgemeinerbare Zufallsstichprobe, das heißt, zufällig ausgewählte Menschen, die in Bezug auf den Wohnort, die Bildung, das Alter, das Geschlecht und andere Faktoren die Bevölkerung repräsentieren. Die Stichprobe muss auch eine aussagekräftige Größe haben, das sollten zum Beispiel 30.000 Personen oder mehr sein", erklärt Schnell.

Die ausgewählten Menschen, die natürlich ihr Einverständnis geben müssten, sollten über mehrere Wochen begleitet und regelmäßig getestet werden. Genau dies ist inzwischen gut möglich, weil ausreichend Testkapazitäten zur Verfügung stehen: Mittlerweile sind 800.000 Tests wöchentlich möglich, es werden an manchen Wochen aber nur 600.000 oder sogar weniger durchgeführt.

Hohe Dunkelziffer

Die bisherigen Studien, die in diese Richtung gehen, sind nur punktuelle Erhebungen und haben eine geringe Fallzahl. So wurden etwa im Rahmen einer Studie zum Hotspot Heinsberg 919 zufällig ausgewählte Probanden aus der Region untersucht. 15 Prozent von ihnen waren mit SARS-CoV-2 infiziert – das sind fünf Mal mehr, als die offiziellen Zahlen des Gesundheitsamts nahelegen.

"Das spräche für eine hohe Dunkelziffer, allerdings können die Ergebnisse dieser Studie wegen vieler Besonderheiten nicht einfach auf die gesamte Bevölkerung übertragen werden", sagt Strahwald. 

Rainer Schnell drängt deshalb darauf, sobald wie möglich mit der größeren Stichprobe von mindestens 30.000 Probanden über einen längeren Zeitraum zu beginnen. Die Zahlen, die dabei ermittelt würden, wären unbeeinflusst von regionalen Unterschieden, von den Testkapazitäten und den Verdachtsfällen. Sie wären gewissermaßen neutral. Und damit besonders aussagekräftig.


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