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Spermidin: Neuer Hoffnungsträger bei Corona?

Virologen der Berliner Charité haben die Substanz Spermidin im Kampf gegen das Coronavirus untersucht. Prof. Agnes Flöel hat sich in Zusammenhang mit Demenz mit Spermidin beschäftigt. Sie erklärt, was dahinter steckt

von Bianca Leppert, 30.04.2020
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Mit Autophagie werden beschädigte Zellen abgebaut. Diese Art "Müllverwertung" wird durch den Wirkstoff Spermidin gefördert. Das neue Coronavirus hemmt diese Art der Reinigung


Kürzlich veröffentlichten ihre Kollegen der Berliner Charité einen wissenschaftlichen Beitrag, der Spermidin als möglichen Angriffspunkt zur Bekämpfung von SARS CoV2 sieht. Sie haben selbst zu Spermidin in Verbindung mit Alzheimer geforscht. Können Sie erklären, was Spermidin ist?

Spermidin gehört zu den Polyaminen - das sind Moleküle, die an vielen Stellen in Körper vorkommen. Spermidin wird im Körper von Bakterien des Darmmikrobioms gebildet oder mit der Nahrung aufgenommen, etwa über Hartkäse, Brokkoli oder fermentierte Sojaprodukte. Man weiß, dass die Spermidinkonzentration im Alter abnimmt und vermutet, dass das mit nachlassenden Zellfunktionen zusammenhängt.

Ihre Forschungen weisen darauf hin, dass Spermidin womöglich eine wichtige Rolle für die Gehirnleistung spielt …

Wir haben Untersuchungen  mit Patienten durchgeführt, die an einem möglichen Vorstadium der Alzheimer-Demenz leiden. In einer kleinen Studie über drei Monate zeigte sich, dass diejenigen Studienteilnehmer besser im Gedächtnistest abschnitten, die Spermidin in Kapselform eingenommen hatten, als diejenigen, die ein wirkstoffloses Scheinmedikament (Placebo) bekommen hatten.

Zurzeit läuft eine weitere Studie, in der wir Teilnehmern mit möglichem Alzheimer-Vorstadium ein Jahr lang hochdosiert Spermidin in Kapselform geben. Dabei interessiert uns vor allem, wie sich die Gabe von Spermidin auf die sogenannte Autophagie auswirkt.

Das ist ein Prozess, bei dem beschädigte und unnütze Zellen vom Körper abgebaut und "entsorgt" werden, was ein wichtiger Vorgang für das gesunde Altern ist - und bei dem Spermidin eine wichtige Rolle spielt.

… und der womöglich auch dabei helfen könnte, eine Infektion mit dem neuen Coronavirus zu behandeln?

Kollegen von der Virologie haben festgestellt, dass die neuen Coronaviren genau diese Art der Zellreinigung hemmen. Dadurch kann sich das Virus schneller verbreiten. Eine weitere Erkenntnis der Charité-Studie: Das Coronavirus behindert offenbar auch die körpereigene Produktion von Spermidin.

Die Kollegen haben daher untersucht, ob die Zugabe von Spermidin die Autophagie wieder erhöht und die Verbreitung des Virus beeinflusst. Das haben sie nicht an Menschen getestet, sondern an Zellkulturen im Labor. Dabei hat man gesehen, dass die Vermehrung des Virus durch die Zugabe von Spermidin um 85 Prozent gesenkt wurde.

Könnte Spermidin also auch vor einer Infektion mit dem neuen Coronavirus schützen?

Es wurden in der Studie gesunde Zellen mit Spermidin behandelt und anschließend mit dem Coronavirus in Kontakt gebracht. Und auch hier konnten die Kollegen sehen, dass die Wahrscheinlichkeit der Corona-Infektion durch die Zugabe von Spermidin gesenkt wurde – allerdings nicht verhindert. Wichtig ist: Bisher wurden in diesem Zusammenhang keine Untersuchungen mit Menschen gemacht.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass Spermidin tatsächlich bei SARS-CoV-2 wirksam sein könnte?

Das kann man derzeit noch überhaupt nicht abschätzen. Ob überhaupt und für wen eine Behandlung mit Spermidin sinnvoll sein könnte, wird sich erst beurteilen lassen, wenn diese Frage – und zwar unter Berücksichtigung zahlreicher weiterer Einflussfaktoren – in klinischen Studien mit Patienten sorgfältig untersucht wurde.

Also raten Sie niemandem, einfach Spermidin einzunehmen?

Nein. Eine entsprechende Empfehlung wäre zum jetzigen Zeitpunkt nicht seriös. Viel entscheidender ist es, auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung zu achten, die für die Stärkung des Immunsystems ähnlich wichtig ist, wie regelmäßige körperliche Bewegung. Wer seine Spermidin-Zufuhr verbessern möchte, kann das auf natürliche Weise tun, etwa indem er sich hin und wieder ein paar Weizenkeime ins Müsli gibt.