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Das Gesundheitssystem rasch digitalisieren

Die Universitätsmedizin Essen gilt als ein Vorreiter bei der Digitalisierung in deutschen Kliniken. Ein Interview mit dem Ärztlichen Direktor Jochen Werner, der den technischen Fortschritt ständig vorantreibt

von Tim Farin, 20.04.2020
Experte Prof.Jochen Werner

Digitalisierungs-Vordenker Professor Jochen Werner, Ärztlicher Direktor der Universitätsmedizin Essen


Jochen Werner nimmt neuerdings auch einen eigenen Podcast "Diagnose: Zukunft" auf. Auch im Kampf gegen Corona setzt er auf digitalen Fortschritt.

Herr Professor Werner, im Zusammenhang mit Corona lesen wir viel über Hygiene, über körperlichen Abstand und Lungenbeatmung. Aber ist Corona auch ein Digitalisierungsthema?

Ja, in vielfacher Hinsicht. Corona zeigt vor allem die digitalen Defizite unseres Gesundheitssystems auf und lässt uns ahnen, was möglich gewesen wäre, wenn wir die Digitalisierung früher ernsthaft vorangetrieben hätten. Das fällt besonders beim Informationsaustausch auf, etwa zwischen  Praxen, Kliniken und Gesundheitsämtern. Die Realität ist: Hier in Deutschland wird noch immer gefaxt, werden noch immer Listen per Hand geführt. Der Informationsaustausch geht viel zu langsam.

Die Telemedizin macht aber große Fortschritte: Immer mehr Ärzte bieten Videosprechstunden an. Natürlich ist trotzdem noch Luft nach oben.

Wenn wir die akute Krise überstanden haben, müssen wir die Digitalisierung sehr aktiv angehen und Regelwerke schaffen, um in Deutschland eine flächendeckende digitale Kommunikation einzuführen. Bei der nächsten relevanten Infektionswelle würde niemand mehr verstehen, warum der Datenaustausch noch immer nicht besser läuft. Es geht hier um klare, zwingende Vorgaben. Es gilt, Widerstände zu überwinden. Das gilt auch für den Datenschutz. Wir riskieren aktuell die Gesundheit von Menschen, um den Datenschutz nicht zu gefährden.

Sprechen wir über Ihr konkretes Beispiel: Sie setzen stark auf digitale Öffentlichkeitsarbeit, sind sehr engagiert bei der Corona-Aufklärung via Facebook, bieten einen eigenen Podcast an. Warum?

Das ist wichtig für uns als aktiven Treiber der Digitalisierung. Wir wollen eigene Ansprüche formulieren, möchten unsere 8.500 Mitarbeiter erreichen und auch mit dem Menschen in unserer Region in Kontakt sein. Unsere Arbeit in den sozialen Medien ist hier ein Schlüssel. Sie macht uns nahbarer.

Wie meinen Sie das?

Ich kann auf der Vorstandsebene als Experte sitzen, auf Zitate in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hoffen und Rundschreiben verschicken. Oder ich kann Nähe zeigen. Die Hierarchie in einer Uniklinik ist seit Jahrhunderten viel zu spitz, sowohl in den Fachbereichen als auch zwischen den Berufsgruppen. Die digitale Kommunikation bietet uns hier andere Möglichkeiten und öffnet unser Unternehmen auch für neue Ideen, etwa von Startups, mit denen wir hier schon seit einigen Jahren zusammenarbeiten. Es geht um mehr als Kommunikation: Digitalisierung ist eine Bewegung. Ich möchte mich als erfahrener Krankenhausmanager daran beteiligen.

Ihr Haus gilt als treibende Kraft bei der Digitalisierung. Merkt man das bei der Behandlung von Patienten mit Covid-19?

Wir haben mit großem Einsatz eine eigene elektronische Patientenakte eingeführt. Man kann das für ein krankenhausinternes Detail halten. Aber in der Praxis ist es sehr wichtig. In dieser Akte finden die behandelnden Ärzte alle Erkenntnisse zu einem Patienten: Fieberkurve, Blutdruck, aber auch mikrobiologischen Befund und Medikamente. Alles ist digital sofort verfügbar. In einer angespannten Situation, wie sie bei Corona herrscht, hat man keine Zeit mehr fürs Suchen.

Sie haben auch den Aufnahmeprozess verändert. Was hat das mit Digitalisierung zu tun?

Wir haben eine digitalisierte, zentrale Notaufnahme eingeführt. Das ist in der aktuellen Situation äußerst wichtig. Die Patienten kommen besser angekündigt zu uns, wir haben oft schon vor ihrem Eintreffen die relevanten Daten für die Behandlung. Dafür brauchen wir kaum Papier.

Alle reden derzeit von Videokonferenzen. Ist das auch bei Ihnen ein Thema?

Ja, wir haben hier schon länger Erfahrungen gesammelt. Unsere Ärztinnen und Ärzte in der Universitätsmedizin Essen sind sehr aufgeschlossen. Wenn es etwa um die Abstimmung zwischen Abteilungen bei einem Patienten geht, findet das Konsil oft per Video statt. Corona hat jetzt nochmal Schub in unsere Telemedizin-Projekte gebracht. Hier haben wir in den vergangenen zwei, drei Wochen hier viel vorangetrieben.

Neben Medizin und Pflege betonen Sie häufig den Wert der eigenen IT. Wo zeigt sich die?

In enorm vielen Projekten. Aktuell etwa bei der App, die wir spontan entwickelt haben. Diese App verknüpft die Informationen aus unserem Haupthaus und den Tochterkliniken. So können wir die Belegung unserer intensivmedizinischen Betten besser überblicken und planen.

Coronavirus Universitätsmedizin Essen Röntgen CT Lunge

Was macht für Sie ein Smart Hospital im Vergleich zu einem klassischen Krankenhaus aus?

Es geht nicht so sehr darum, die beste Robotermedizin zu haben oder die beste CT-Auswertung. Eher denke ich an ein allgemeines Bewusstsein. Man muss die Digitalisierung überall mitdenken, damit es am Ende Patienten und Mitarbeitern besser geht. Und genau dieses Bewusstsein sehe ich bei uns am Werk. Wir haben ein Institut für Künstliche Intelligenz in der Medizin gegründet. Dieses Institut ist der Kern, um die Vorteile der Digitalisierung für die Diagnostik zu erkennen – aber auch die Grenzen zu demonstrieren. Wer KI ernst nimmt und hier Fortschritt sucht, sollte auch die Grenzen benennen und Aussagen wirklich erst basierend auf gesicherten Erkenntnissen treffen.

Was wird die Digitalisierung den Krankenhäusern bringen?

Die Krankenhausmedizin wird sich sehr positiv verändern, davon bin ich fest überzeugt. Es wird eine bessere Diagnostik mit deutlich weniger Fehlern geben – und die Therapie wird viel stärker auf die einzelne Person zugeschnitten. Wir werden viel mehr Zeit schaffen für die Patienten und auch für die Mitarbeiter selbst, ob nun in Pflege oder in der Medizin. Natürlich wird dieser Fortschritt zunächst große Kosten verursachen. Aber ich beharre: Bei Investitionen müssen wir vor allem an IT denken, nicht nur an Beton und Steine. Wir können weiter viel über den Pflegenotstand reden. Aber nur mit gelungener Digitalisierung schaffen wir Arbeitsbedingungen, die die Arbeit attraktiver machen.


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