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Corona-Tagebuch aus Berlin 24. April

Als Mutter von zwei Kindern freut sich Tina Haase natürlich über die bevorstehende Öffnung der Spielplätze in Berlin. Allerdings ist sie nicht sicher, ob das wirklich der richtige Weg ist

von Tina Haase, 24.04.2020
Coronavirus Spielplätze geschlossen

Im Moment sind die Spielplätze geschlossen, am 30. April sollen sie in der Hauptstadt aber wieder öffnen.


Spielplatz-Albtraum

Die Kanzlerin ist in Sorge. Schon seit Tagen macht sie das deutlich. Gestern hat sie nun auch ihre erste Corona-Regierungserklärung im Bundestag abgehalten. Angela Merkel findet beunruhigend, wie die Länder mit den Lockerungsbeschlüssen aus der vergangenen Woche umgehen. "Die Umsetzung seither bereitet mir Sorgen. Sie wirkt sehr forsch, um nicht zu sagen zu forsch", sagt die Kanzlerin. Ich erwische mich beim Nicken, als ich ihre Erklärung im Homeoffice verfolge. Ich weiß, Virologen sehen das genauso wie sie. Besser vorsichtig bleiben.

Und dann, gegen Mittag, kommt eine Eilmeldung, die mich völlig aus der Bahn wirft: "Berlins Spielplätze öffnen am 30. April". Das ist nächste Woche Donnerstag. So hat es der Rat der Bürgermeister entschieden. Als Mutter von achtjährigen Zwillingen, die es kaum mal eine Stunde ohne Krach in der Wohnung aushalten und die liebend gern auf den Spielplatz gehen, denke ich im ersten Moment: "Endlich, wie toll!"

Nach sechs Wochen Spielplatzentzug, eine gute Nachricht. Man muss natürlich wissen, wir wohnen in einer Stadtwohnung, nicht im Häuschen mit Garten, in den man die Kinder einfach mal rausschicken kann. Meine Tochter hat die Nachricht auch gleich aufgeschnappt und fragt: "Wann ist das?" Wahrscheinlich beginnt sie nun gemeinsam mit ihrem Bruder die Tage, bis zur Öffnung, zu zählen.

Die Spielgeräte sollen wieder genutzt werden können und Abwechslung im Corona-Alltag bieten. Manche Politiker begrüßen den Beschluss, andere warnen. Und, auch wenn ich sonst eigentlich willensstark bin, weiß ich nicht, ob ich das nun wirklich gut oder schlecht finden soll. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr zweifele ich.

Könnte ich meinen Kindern vermitteln, dass sie Abstand halten und Schaukel oder Rutsche desinfizieren sollen, bevor sie die Geräte nutzen, wäre ja alles gut. Aber leider ist das das fernab der Realität. Ach ja – und dann ist da noch mein Mann. Er ist lockerer als ich, sagt: "Wir können die Kinder doch nicht die ganze Zeit einsperren. Ab, raus auf den Spielplatz!" Mit ihm muss ich noch verhandeln.

Die bevorstehende Spielplatzöffnung beschäftigt mich sogar nachts. Ich träume von unserem Lieblingsspielplatz um die Ecke im Park. Es ist ein wunderschöner Tag, gefühlt sind dort hundert Kinder. Sie hangeln, klettern, schaukeln, springen und buddeln Kopf an Kopf im Sand – als ob es die Corona-Pandemie nie gegeben hätte.

Dann klingelt der Wecker. Die ersten Nachrichten zur Corona-Lage trudeln auf meinem Handy ein. Und das Gedankenspiel rund um den Spielplatz geht weiter. Was, wenn unsere Ungeduld und unsere Lebensfreude eine zweite, vielleicht größere, Infektionswelle auslösen? Sie könnte auch die deutschen Krankenhäuser überfordern, die sich bisher so gut geschlagen haben.

Bis jetzt habe ich mich noch nicht entschieden, wie ich mit der Spielplatzöffnung umgehe. Zum Glück ist noch eine knappe Woche Zeit zum Nachdenken. Vielleicht müssen wir ja neue Wege gehen. Wir sind alle Frühaufsteher. Ich kann mir vorstellen, die Kinder gleich morgens nach dem Frühstück einmal auspowern zu lassen – zu Lasten des Homeschoolings. Da ist garantiert kaum jemand auf dem Spielplatz. Das würde wahrscheinlich sogar der Kanzlerin gefallen.


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