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Corona: Besteht für Rheumapatienten ein erhöhtes Risiko?

Erfahrungen von Ärzten und eine Patientenumfrage zeigen: Viele Rheumapatienten befürchten, leichter an Covid-19 zu erkranken. Was Betroffene während der Pandemie berücksichtigen sollten

von Ute Wild, 11.05.2020
Infektionsgefahr für chronisch Kranke: Experten raten Rheumapatienten dazu die Therapie so lang wie möglich fortzusetzen. Die Medikamente abzusetzen kann für sie gefährlicher sein, als eine Corona-Infektion

Infektionsgefahr für chronisch Kranke: Experten raten Rheumapatienten dazu, die Therapie so lang wie möglich fortzusetzen. Die Medikamente abzusetzen kann für sie gefährlicher sein als eine Corona-Infektion


"Bei uns laufen täglich die Telefonleitungen heiß", sagt Professor Hendrik Schulze-Koops. Der internistische Rheumatologe leitet die Rheumaeinheit an der Medizinischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), darüber hinaus ist er seit Anfang 2019 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh). "Viele Patienten berichten uns von Ihrer Angst, sich leichter mit dem neuen Corona-Virus infizieren und dann schwer an Covid-19 zu erkranken."

Für Bedenken unter den Betroffenen hatte unter anderem zu Beginn der Pandemie eine Warnung des Robert Koch-Instituts (RKI) gesorgt. Autoimmunerkrankungen wie entzündliches Gelenkrheuma, so heißt es darin, könnten das Risiko für durch Keime ausgelöste Erkrankungen erhöhen – und auch das Risiko für schwere Krankheitsverläufe.

1,5 Millionen Menschen – zwei Prozent der erwachsenen Bevölkerung – leiden unter entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, hinzu kommen etwa 20.000 rheumakranke Kinder.

Arzttermin vielleicht verschieben

Eine aktuelle Umfrage unter Rheumapatienten an der LMU ergab: Viele Betroffene wollen derzeit einen Arztbesuch vermeiden, haben aber dringende Fragen. "Unsere Patienten sind sehr vorsichtig, um sich möglichst nicht anzustecken", erklärt der Arzt. Den Wunsch vieler, zuhause bleiben zu dürfen, unterstützt er.

Schulze-Koops rät, vor einem möglicherweise schon vereinbarten Termin oder bei Informationsbedarf den behandelnden Arzt anzurufen. So kann vorab besprochen werden, ob ein persönlicher Kontakt nötig ist. Auch routinemäßige Kontrolluntersuchungen könnten meist problemlos einmal verschoben werden, wenn in der Zwischenzeit keine akuten Probleme aufgetreten sind.

Der Experte meint: "Es gilt, individuell eine Balance zu finden zwischen guter medizinischer Betreuung und dem Risiko einer Infektion auf dem Weg zum und vom Arzt." 

Ob die Sorgen vieler Betroffener hinsichtlich der Corona-Gefahr berechtigt sind, kann Schulze-Koops nicht generell beantworten. "Patienten mit rheumatischen Erkrankungen haben zwar unter bestimmten Bedingungen ein erhöhtes Risiko, etwa an Virus-bedingten Infektionen zu erkranken", sagt er.

"Ob dies auch für SARS-CoV-2-Infektionen gilt, ist bis jetzt aber nicht bekannt." Genauso fehlten Studien darüber, ob eine COVID-19-Erkrankung bei Patienten mit einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung schwerer verläuft als bei Personen ohne das chronische Leiden.

Medikamente jetzt nicht absetzen

Wer an Rheuma leidet, erhält meist eine immunsuppressive oder immunmodulierende Therapie, um die körpereigenen entzündlichen Prozesse zu unterdrücken, die mit der Krankheit einhergehen.

Je nach Form der Erkrankung treten bei Rheuma chronische Entzündungen in Gelenken, Muskeln, im Magen-Darm-Trakt oder in der Haut auf. Zur Behandlung werden Medikamente aus verschiedenen Wirkstoffgruppen eingesetzt, zum Beispiel Schmerz- und Basismedikamente, Kortisonpräparate und Biologika.

"Am meisten bewegt Rheumapatienten die Frage, ob sie entsprechende Medikamente jetzt besser absetzen sollten", berichtet Schulze-Koops. Sie befürchten, dass ihre gedämpften Abwehrkräfte sie besonders empfänglich für das neue Corona-Virus machen. "Wir raten jedoch, die Therapie unverändert fortzuführen, solange keine Infektion mit dem Virus nachgewiesen ist und die Patienten keine Symptome einer COVID-19-Erkrankung aufweisen."

Hinter dieser Empfehlung steckt die Sorge der Mediziner, ein Absetzen von Medikamenten könnte die Gesundheit der Betroffenen stärker gefährden als eine mögliche Covid-19-Erkrankung. "Wer eine wirksame Behandlung unterbricht, läuft Gefahr, dass auch eine gut therapierte Rheumaerkrankung wieder aktiv wird", warnt Schulze-Koops.

In der Folge wären dann eventuell sogar höhere Mengen von immunsuppressiven Medikamenten notwendig, etwa Kortison. Dem Großteil der Erkrankten ist es wichtig, genau dies zu vermeiden. Der Arzt betont: "Rheumapatienten sollten ihre Medikation grundsätzlich nie ohne Rücksprache mit einem Facharzt ändern und bewährte Präparate auf keinen Fall eigenmächtig absetzen."

Durch Rheumamittel vor dem Virus gefeit?

Eine neue Studie der Uni Erlangen gab zuletzt sogar Hoffnung, die medikamentöse Rheumatherapie könnte einen gewissen Schutz vor einer SARS-CoV-2-Infektion bieten. Ein Lichtblick?

Die DGRh hält diese Interpretation für riskant. "Rheumapatienten könnten sich in falscher Sicherheit wiegen", erklärt Schulze-Koops. "Abstand halten, das Tragen von Nasen-Mund-Masken und besonderer Schutz am Arbeitsplatz dürfen auf keinen Fall vernachlässigt werden." Der Münchner kritisiert zudem verschiedene Details der Erlanger Studie, die seiner Meinung nach nicht zu vorschnellen Schlussfolgerungen führen dürfe.

Biologika im Einsatz gegen Covid-19

Viele Rheumapatienten werden heute mit sogenannten Biologika behandelt, zu denen etwa Wirkstoffe wie Etanercept oder Infliximab zählen. "Erfahrungen aus China und Italien zeigen, dass bestimmte Biologika unabhängig von einer rheumatischen Erkrankung den Verlauf einer Covid-19-Erkankung abmildern und beschleunigen können", sagt Schulze-Koops. "Es kommt jedoch vermutlich auf den Zeitpunkt an, wann diese Wirkstoffe eingesetzt werden", sagt der Münchner Rheumaspezialist.

"Die bisherigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass sie nicht die gewünschte Wirkung entfalten, wenn Covid-19-Patienten zu früh damit behandelt werden." Leider: Als vorbeugendes Schutzschild taugen die biotechnologisch hergestellte Eiweißsubstanzen, die sich gegen entzündungsfördernde Botenstoffe oder direkt gegen Immunzellen richten, erst recht nicht.

Entwarnung für Ibuprofen und Co.

Eine weitere Information verunsicherte Rheumatiker, die mit Medikamenten aus der Gruppe der Cox-Hemmer behandelt werden, darunter Ibuprofen. "Inzwischen gibt es eine klare Ansage der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA), dass von diesen Wirkstoffen keinerlei Risiken im Zusammenhang mit Corona ausgehen", sagt Schulze-Koops.

Mobil bleiben trotz Kontaktbeschränkungen

Die Maßnahmen zur Eindämmung des neuen Corona-Virus haben in den letzten Wochen bei Rheumapatienten nicht nur für Informationsbedarf rund um das Thema Medikation gesorgt, sondern auch weitere Therapieformen zeitweise zum Stillstand gebracht: Physiotherapie, Funktionstraining, Ernährungs- und Sportkurse sowie Selbsthilfegruppen konnten wochenlang nicht stattfinden.

Schulze-Koops weist darauf hin, dass Patienten entsprechende Programme lernen sollten, damit sie ihre Übungen selbstständig zuhause machen können. "Auch ohne Corona-Krise", sagt er, "ist das sinnvoll."

Darüber hinaus rät der Arzt Betroffenen: "Gehen Sie möglichst viel an der frischen Luft spazieren, bewegen Sie sich regelmäßig." Dazu gelten die allgemeinen Empfehlungen für Rheumatiker natürlich auch während und nach der Pandemie weiter: ein gesunder Lebensstil, eine gesunde, entzündungshemmende Ernährung, Übergewicht vermeiden, nicht rauchen, mögliche weitere chronische Krankheiten wie Diabetes optimal behandeln und den Impfschutz gegen Influenza (Grippe) und Pneumokokken beim Arzt regelmäßig auffrischen lassen.

etzteres sollte rechtzeitig vor der kommenden Erkältungssaison erfolgen, um bei einer möglichen Covid-19-Erkrankung eine zusätzliche Erkrankung an Grippe oder einer bakteriellen Lungenentzündung zu vermeiden.

Was ist bei einer Infektion zu beachten?

"Wenn Sie positiv auf SARS-CoV-2 getestet werden beziehungsweise an Covid19 erkrankt sind, informieren Sie den Arzt auf jeden Fall, dass Sie Rheuma haben", sagt Schulze-Koops. Auf der Website der DGRh finden Ärzte Handlungsempfehlungen.

Das Fazit des Münchner Rheumatologen: "Wenn Sie an einer gut behandelten rheumatischen Erkrankung leiden, aber keine weiteren chronischen Krankheiten haben, ist das Risiko einer Covid-19 Infektion nach bisherigem Wissenstand nicht höher als für Menschen ohne Rheuma."


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