"Der Apotheker vor Ort ist ein Teil von Heimat"

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat im Interview mit der Apotheken Umschau seine Position in zentralen Punkten der medizinischen Versorgung in Deutschland dargelegt

von Dr. Hans Haltmeier, aktualisiert am 18.07.2018
Interview Haltmeier und Gesundheitsminister Spahn

Chefredakteur Hans Haltmeier im Gespräch mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn


Seit der Europäische Gerichtshof 2016 eine umstrittene Entscheidung zum Versandhandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten über EU-Ländergrenzen hinweg getroffen hat, fürchten deutsche Apotheken eine starke Benachteiligung durch Dumpingpreise ausländischer Versender. Sie fordern von der deutschen Regierung deshalb ein Verbot dieses "Rx-Versandhandels", das bereits der Amtsvorgänger Hermann Gröhe (CDU) durchsetzen wollte.

Thema Versandhandel von Medikamenten

Jens Spahn hat sich bisher in dieser Frage nicht eindeutig positioniert. "Es kann doch nicht sein," sagte er der Apotheken Umschau, "dass Apotheken, die aus dem EU-Ausland rezeptpflichtige Medikamente nach Deutschland versenden, Rabatte geben können und nicht an die deutsche Arzneimittelpreisverordnung gebunden sind. Ich halte deshalb das Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 2016, das diesen Versandhandel möglich macht, im Ansatz für falsch. Aber wir müssen jetzt damit umgehen."

Konkrete Schritte nennt Spahn bislang nicht, betont jedoch: "Ich möchte alles versuchen, um einen fairen Wettbewerb herzustellen. Wenn das nicht gelingt, nehmen wir ein generelles Versandhandelsverbot für rezeptpflichtige Medikamente in den Blick."

Thema Fremdbesitzverbot von Apotheken

Einer Forderung des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenkassen, das Fremd- und Mehrbesitzverbot aufzuheben und damit in Deutschland Apothekenketten zu erlauben, erteilt Spahn eine klare Absage: "Das ist absolut kein Thema! Die Apotheke vor Ort bleibt wichtiger Bestandteil unserer Versorgung. Und das verträgt sich nicht mit Investoren, die nur nach der Rendite schauen. Genauso wie der Hausarzt ist der Apotheker vor Ort Teil von Heimat. Darauf können wir nicht verzichten."

Thema Digitalisierung

Deutlich mehr Tempo fordert Spahn von der Gesundheitsbranche beim Thema Digitalisierung: "Genauso wie den Ärzten sage ich auch den Apothekern: Die Digitalisierung können wir nicht aufhalten. Entweder wir gestalten den digitalen Wandel, oder wir erleiden ihn. Bürger, Versicherte, Patienten wollen zurecht digitale Angebote, weil sie das Leben leichter machen – auch in Gesundheitsfragen."

Spahn sieht die Gefahr, deutsche Qualitätsstandards könnten verloren gehen: "Wir können diese Angebote im Rahmen unserer Strukturen entwickeln, mit unserer Idee von Datensicherheit und von Qualität. Sonst kommen sie eben aus China, aus den USA oder Israel. Ich möchte, dass das aus Deutschland kommt und unsere Ärzte und Apotheker das aktiv mitgestalten."

Thema Krankheitsvorsorge

Das Präventionsgesetz möchte Spahn in dieser Legislatur auf den Prüfstand stellen - und hat dabei klare Forderungen an die Krankenkassen: "Im Moment gibt jede Krankenkasse sieben Euro pro Versichertem für Gesundheitsförderung aus. Aber jede Krankenkasse macht damit ihr eigenes Ding. Ich glaube, das geht besser. Besonders in Schulen und Kindergärten, wenn es darum geht, jungen Menschen gesunde Ernährung und Bewegung beizubringen. Die Kassen sollten hier zusammenarbeiten."

Thema Zuckersteuer

Steuern, etwa auf zuckerhaltige Nahrungsmittel, hält Spahn für ungeeignet, um Menschen zu einem gesünderen Lebensstil zu bewegen: "Steuern sind hier nicht der richtige Weg. Sie würden die Falschen treffen. Deshalb setze ich zusammen mit der Ernährungsministerin eher auf freiwillige Vereinbarungen mit der Industrie."