Reizdarm: Stecken Nahrungsallergien dahinter?

Viele Menschen haben Reizdarmbeschwerden. Zwei Forscher haben nun entdeckt, dass Allergene im Essen dabei eine Rolle spielen können

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von Dr. Martina Melzer, 15.10.2019

Bauchschmerzen, Verstopfung, Blähungen, Durchfall: Wer an solchen Symptomen leidet, hat nicht selten einen Reizdarm. Frauen sind davon öfter betroffen als Männer. Was genau die Beschwerden auslöst, lässt sich häufig nicht einfach herausfinden. Betroffene suchen oft viele Ärzte auf – und gehen ohne Befund nach Hause.

Zwei Wissenschaftler sind nun einem potenziell häufigen Auslöser auf die Spur gekommen: Professor Detlef Schuppan, Gastroenterologe an der Uni Mainz, und Professorin Annette Fritscher-Ravens, Magen-Darm-Spezialistin an der Uni Kiel. 155 Patienten nahmen an der Studie teil. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Gastroenterology veröffentlicht.

Herr Schuppan, Sie haben zusammen mit Forschern aus Kiel herausgefunden, dass mehr als die Hälfte der Menschen mit Reizdarmbeschwerden eine atypische Nahrungsmittelallergie haben könnte. Gute Nachrichten für Betroffene?

Wir sind überzeugt, dass unsere Ergebnisse eine großartige Nachricht für Betroffene ist. Wir konnten erstmals eine wesentliche, wissenschaftlich belegte, immunologische Ursache ihrer Beschwerden objektiv nachweisen. Außerdem konnten wir den Menschen gleich helfen. Denn durch die Identifizierung des auslösenden Nahrungsmittels verschwanden die Beschwerden der Patienten oder besserten sich meist dramatisch. Das ist für sie eine große Erleichterung. Denn sie haben oft Jahre oder sogar Jahrzehnte dauernde Arztodysseen hinter sich und wurden nicht selten für "Sensibelchen" oder "eingebildete Kranke" gehalten, teilweise auch als "Fälle für die Psychosomatik" oder sogar als "Fälle für die Psychiatrie".

Was ist eine atypische Nahrungsmittelallergie und worin unterscheidet sie sich zur klassischen Allergie auf bestimmte Lebensmittel?

Bei einer klassischen Nahrungsmittelallergie kommt es meist wenige Minuten nach Kontakt mit dem auslösenden Stoff, meist ein Protein,  zu Symptomen. Dazu gehören Reaktionen in Mund und Rachen, wie zum Beispiel ein pelziges Gefühl auf der Zunge oder Juckreiz im Rachen. Auf der Haut können juckende Quaddeln entstehen, im Magen-Darm-Trakt Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall.

Ausgelöst wird das Ganze durch eine überschießende Antwort des Immunsystems auf den Lebensmittelinhaltsstoff. Es schüttet dabei spezielle Antikörper aus, die den vermeintlichen Feind unschädlich machen sollen. Dabei handelt es sich um IgE-Antikörper, auch als Immunglobulin E bezeichnet. Sie werden aus bestimmten Immunzellen, den B-Lymphozyten abgesondert, binden das Nahrungsmittelallergen und aktivieren so Mastzellen, die massiv entzündliche Botenstoffe, unter anderem Histamin, absondern.

Bei der von uns so definierten atypischen Nahrungsmittelallergie handelt es sich auch um eine Reaktion des Immunsystems auf ein Lebensmittelprotein. Diese tritt jedoch meist erst nach einigen Stunden bis zu einem Tag verzögert in Erscheinung und geht primär mit Bauchschmerzen, Völlegefühl, Übelkeit, Blähungen sowie Durchfall oder Verstopfung einher, letztere oft auch im Wechsel. Außerdem geht es den Patienten allgemein schlecht, sie sind oft weniger leistungsfähig und haben Konzentrationsstörungen. Hautprobleme treten auch auf. IgE spielt bei dieser Reaktion aber wohl keine Rolle.

Wenn das körpereigene "Allergie-Eiweiß" Immunglobulin E keine Rolle spielt: Was dann?

Die klassischen Tests auf Allergien gegen Nahrungsmittel, wie der IgE-Bluttest und Hauttests, sind fast durchweg negativ. Mastzellen scheinen ebenfalls keinen wesentlichen Einfluss zu haben. Dennoch kam auch in unserer Studie heraus, dass die obere Darmschleimhaut innerhalb weniger Sekunden bis Minuten auf das Allergen reagiert, nachdem wir es dort aufgetragen haben. Es kommt dabei zu einer frühen Aktivierung von Immunzellen, die bei selteneren Formen von Allergien eine Rolle spielen: den sogenannten eosinophilen Granulozyten. Ebenso werden weitere Immunzellen aktiviert. Was später als eine halbe Stunde nach dem Auftragen passiert wissen wir noch nicht.

Auf welche Lebensmittel haben die meisten Studienteilnehmer reagiert?

60 Prozent der Teilnehmer reagierten auf Weizen, 20 Prozent auf Hefe, jeweils fünf bis zehn Prozent auf Milch oder Soja, und nur wenige auf Ei und andere bekannte Allergene.

Weshalb gerade die meisten auf Weizen? Ihre Theorie?

Moderner Weizen besitzt ein komplexes Genom, mit circa 103.000 exprimierten Genen etwa fünfmal so viel wie der Mensch. Das führt zu einer sehr hohen Anzahl möglicher Allergene. Außerdem fördern, wie wir zeigen konnten, sogenannte Weizen-Amylase-Trypsin-Inhibitoren generell Allergien, in dem sie angeborene Immunzellen im Darm anregen.

Was sind Amylase-Trypsin-Inhibitoren?

Eine Klasse spezieller Weizeneiweiße, die sich von dem bekannten Gluten unterscheiden.

Sie und Ihre Kieler Kollegin Annette Fritscher-Ravens haben für die Studie ein kompliziert klingendes Diagnoseverfahren angewendet: die konfokale Laser-Endomikroskopie. Was ist das, kurz erklärt?

Das ist eine spezielle Form der Magenspiegelung, bei der, wie bei der normalen Magenspiegelung auch, ebenfalls der Dünndarm untersucht wird. Zunächst bekommt der Patient einen ungefährlichen fluoreszierenden Farbstoff intravenös verabreicht. Mithilfe eines Endoskops tragen wir dann eine definierte Allergenlösung auf die Schleimhaut des Dünndarms auf und beobachten diese mit einer Vergrößerungssonde, die circa 1000fach vergrößert. Tritt eine Sofortreaktion auf, äußert sich dies durch eine massive Freisetzung von Flüssigkeit in das Darminnere und anderen entzündlichen Veränderungen, die im Live-Stream sichtbar sind und innerhalb weniger Minuten auftreten. Das können wir durch den Farbstoff besonders gut erkennen. Bis zu fünf Allergene beziehungsweise Allergengemische können wir in einer Sitzung testen. Nur wenige Patienten zeigen Reaktionen gegen zwei verschiedene allergene Nahrungsmittel.

Kann man das bei einem niedergelassenen Magen-Darm-Arzt auch machen lassen?

Nein. Es ist ein kompliziertes Verfahren, das zudem einen zweitägigen stationären Aufenthalt notwendig macht und gegebenenfalls in Kürze nach ambulanter Vortestung von uns breiter angeboten werden kann. Einige wenige Gastroenterologen haben nach Veröffentlichung unserer Studie begonnen, die Methode als Privatleistung anzubieten. Das erfordert aber viel Erfahrung. Es kommt zum Beispiel darauf an, die Allergenlösung richtig herzustellen und korrekt auf der Darmschleimhaut aufzubringen. Zweitens muss der Patient beraten und weiter betreut werden.

Was raten Sie Menschen mit Reizdarm dann? Erst beim Arzt andere potenzielle Ursachen der Beschwerden ausschließen lassen und dann einfach mal auf Weizen verzichten?

Natürlich müssen zuvor andere, meist entzündliche oder auch bösartige Erkrankungen ausgeschlossen werden. Vielfach ist das bereits erfolgt, sogar mehrfach und damit unnötigerweise. Da Weizen das häufigste Allergen ist, kann es sinnvoll sein, zunächst dieses Nahrungsmittel wegzulassen und zu sehen, ob sich die Beschwerden bessern. Oft sind aber andere Allergene beteiligt, und es sind auch meist weitere Maßnahmen notwendig, um den aus dem Gleichgewicht geratenen Darm und auch das Immunsystem des ganzen Körpers wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Welche Maßnahmen wären das?

Zum Beispiel die Gabe von Probiotika, also spezieller Bakterienstämme, welche die Darmflora wieder ins Lot bringen. Diese ist bei Menschen mit Reizdarm häufig verändert. Manchmal müssen auch chronisch bestehende Infekte außerhalb des Darms behandelt werden.

Wenn man Weizen testweise meidet: Wie schnell sollte es einem besser gehen? Und was, wenn der Verzicht nicht hilft?

Es kann einem innerhalb weniger Tage besser gehen. Wer weitere Erkrankungen hat, zum Beispiel Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder Multiple Sklerose, bei dem kann es auch länger dauern. Falls der Weizenausschluss nicht hilft, können Allergien gegen andere Nahrungsmittel vorliegen – die Suche wird dann schwieriger. Außerdem finden sich bei circa 30 Prozent der Patienten mit "Reizdarm" auch andere Ursachen, zum Beispiel eine meist langwierige Darminfektion, der sogenannte postinfektiöse Reizdarm. Hier helfen Diäten oft weniger. Als Ursache vermutet man unter anderem eine Störung des Darm-Nervensystems. Bei einigen dieser Patienten lassen die Beschwerden spontan nach Monaten bis Jahren nach, andere können von bestimmten Medikamenten profitieren, die die Symptome lindern.

Zurzeit liest man in Bezug auf Reizdarm viel über sogenannte FODMAPs. Das sind spezielle Zucker, die vielfach für die Bauchprobleme verantwortlich gemacht werden. Ihre Meinung dazu?

FODMAPs sind natürliche Nahrungsmittel, die blähen können, und die wir alle kennen. Im Übermaß genossen, können sie Bauchschmerzen, seltener Durchfall verursachen. Wegen der blähenden Wirkung können sie bei Patienten mit "Reizdarm", also meist einer atypischen Nahrungsmittelallergie, die Beschwerden verstärken. Die Zuckermoleküle sind nicht der Auslöser der ursächlichen Darmprobleme. Im Gegenteil: FODMAP-haltige Nahrungsmittel sind reich an Faserstoffen und langkettigen Kohlenhydraten. Für uns günstige Darmbakterien verwerten und verstoffwechseln sie. Sie sind für die Darm- und allgemeine Gesundheit wichtig. Eine FODMAP-arme Ernährung ist langfristig ungesund und auch kaum durchzuhalten.

Ernähren Sie sich selbst eigentlich weizenfrei?

Ja, weitestgehend, und bereits seit vielen Jahren. Das gilt auch für meine Familie, die meisten meiner Mitarbeiter und für viele meiner Wissenschaftler- und Mediziner-Kollegen, die unsere Forschung verstanden haben.