Wie Blinde professionell Brustkrebs ertasten

Medizinisch¬≠ taktile Untersucherinnen: Blinde Frauen haben meist einen guten Tastsinn. In der Brustkrebsfr√ľherkennung kann das ein Vorteil sein

von Dr. Stefanie Reinberger, 12.04.2019

Filiz Demir bringt fünf rot-weiße Klebestreifen auf der Brust ihrer Patientin an. Die Farben sieht sie nicht, denn Demir ist vor einigen Jahren vollständig erblindet. Doch auf den Bändern sind fühlbare Punkte angebracht. Sie dienen ihr zur Orientierung. "Das hilft mir, damit ich sichergehen kann, dass ich wirklich jeden Quadratzentimeter der Brust abtaste", erklärt sie. Filiz Demir ist Medizinisch Taktile Untersucherin (MTU). Ihr Job ist es, weibliche Brüste auf mögliche Karzinome zu untersuchen – mit ihren Händen.

Sie tastet rund eine Stunde lang. Reihe für Reihe. An jedem einzelnen Punkt übt sie sukzessive ein bisschen mehr Druck aus, um das Brustgewebe in drei Tiefen zu erspüren. "Jede Brust ist anders: Mal enthält sie mehr Drüsen-, mal mehr Fett- und Binde­gewebe", erklärt sie. "Ich suche letztlich nach dem, was nicht ins Gesamtbild passt."

Klebestreifen nützen bei der Dokumentation

Diagnosen stellt sie nicht. "Falls ich etwas Auffälliges entdecke, nutze ich die Klebestreifen, um genau zu dokumentieren, wo die Veränderung sitzt." Die Information gibt sie an den Arzt weiter. Er prüft dann per Ultraschall, ob eine Mammografie oder gar eine ­Gewebeentnahme notwendig ist.

Brustkrebs ist in den Industrieländern der westlichen Welt die häufigste Tumorerkrankung bei Frauen. Allein in Deutschland gibt es rund 70.000 Neuerkrankungen pro Jahr.

Neben der Mammografie ist die Tastuntersuchung der Brust die wichtigste Methode zur Früherkennung dieser Krebsart. Damit ist die Selbstuntersuchung gemeint, aber auch die Tastuntersuchung durch den Gynäkologen.

Erfahrung hilft

"Zu jeder frauenärztlichen Krebsfrüh­erkennungsuntersuchung gehören ab 30 Jahren die sorgfältige Anamnese, das Anschauen und Abtasten der Brust sowie der Achselhöhle", erklärt ­Dr. Christian Albring, Vorsitzender des Berufsverbands der Frauenärzte. Gynäkologen lernen diese Techniken in ihrer Facharztausbildung. "Im Lauf ihrer Berufstätigkeit sammeln sie dann viel Erfahrung darin, Veränderungen in der Brust und in den zur Brust gehörenden Lymphknoten zu ertasten und auch sinnvolle Unterscheidungen zu treffen in gutartige beziehungsweise verdächtige Befunde", erklärt er.

Die Möglichkeit, die Brust außerdem durch speziell ausgebildete blinde Frauen abtasten zu lassen, ist relativ neu, wird aber schon von einigen Krankenkassen finanziert. Die Idee stammt vom Duisburger Gynäkologen Dr. Frank Hoffmann. "Seit 2005 wird das Mammografie­-Screening für Frauen ab 50 Jahren angeboten", sagt er. Rund 20 Prozent der Betroffenen seien aber jünger, wenn sie an Brustkrebs erkranken. Liegt kein familiäres Risiko vor, verlassen sie sich ausschließlich auf das Ergebnis der Tastuntersuchung. "Und um ehrlich zu sein, war ich mir nicht sicher, ob ich gut genug tasten kann, um diese Verantwortung zu übernehmen", so Hoffmann.

Überlegenheit nutzen

Der Tastsinn von Blinden ist in der Regel besser ausgebildet als der von Sehenden. Diese Fähigkeit wollte er nutzen und gründete die Initiative "Discovering Hands". Aber sind die Tastuntersucherinnen Ärzten bei der Früherkennung tatsächlich überlegen? Lange konnte sich Hoffmann lediglich auf unveröffentlichte Daten stützen: "Unsere MTUs ertasten Veränderungen bereits ab sechs Millimetern Durchmesser – die meisten Gynäkologen erspüren Knoten erst ab ein bis zwei Zentimetern Größe." Dieser Unterschied kann entscheidend sein. Denn je früher eine bös­artige Veränderung in der Brust entdeckt wird, desto besser lässt sie sich behandeln.

Jetzt hat Michael Lux, stellvertretender Direktor der Uni-Frauenklinik in Erlangen, mit seinem Team im Fachblatt Breast Care die erste Studie publiziert, die die Fähigkeiten von vier MTUs systematisch mit denen von 13 Ärzten – darunter sieben Gynäkologen – vergleicht. Alle Mediziner hatten mindestens zwei Jahre Erfahrung im Brustabtasten. Untersucht wurden mehr als 100 Patientinnen ohne vorherige Brust-OP.

Eine sinnvolle Ergänzung

Das Ergebnis: Die blinden Frauen tasteten genauso gut wie die Ärzte. "Die höchste Sensitivität wurde erreicht, wenn sowohl Arzt als auch MTU die Brust abtasteten", sagt ­Studienleiter Lux. Demnach könne die taktile Brustuntersuchung durchaus eine sinnvolle Ergänzung zur Früh­erkennung sein.

Gynäkologe Albring bleibt skeptisch, zumal die Mediziner in der Studie nur über eine relativ kurze Praxis im Brustabtasten verfügten: "Man kann davon ausgehen, dass die Brustuntersuchung durch erfahrene niedergelassene Frauen­ärzte zu zuverlässigeren Ergebnissen führt als die Brustuntersuchung durch die MTUs." Fest steht aber auch, dass sich die Medizinisch­ Taktilen Untersucherinnen im Alltag mehr Zeit für das Abtasten nehmen können. Viele Patientinnen genießen das Gefühl von Nähe und Fürsorge und fühlen sich bei den MTUs gut aufgehoben.

Filiz Demir setzt noch an einer anderen Stelle an: Sie will Frauen dafür sensibilisieren, sich mehr mit der eigenen Brust zu beschäftigen und sich regelmäßig selbst abzutasten. Seit diesem Jahr leiten speziell zertifizierte MTUs Frauen dabei an.

So funktioniert die Selbstuntersuchung

Frauen sollten ihre Brust regelmäßig selbst abtasten.

Der ideale Zeitpunkt dafür ist eine Woche nach der Monatsblutung.

So gehts: Tasten Sie mit flachen Fingern systematisch und in mehreren Tiefen Brust sowie Achselhöhlen nach Verhärtungen ab.

Auffälligkeiten, die Sie außerdem beachten sollten:

  • Veränderungen der Brustwarzen wie Einziehungen, aber auch Absonderung von Flüssigkeit
  • Neu aufgetretene einseitige Veränderung der Brustgröße
  • Hautauffälligkeiten wie Einziehungen, Großporigkeit oder nicht abklingende Rötungen
  • Schwellungen und Knoten in der Achselhöhle