Intersexuell: Zwischen Mann und Frau

Für Menschen, die biologisch nicht eindeutig männlich oder weiblich sind, wird jetzt das dritte Geschlecht eingeführt. Vielen Betroffenen geht das nicht weit genug

von Dr. Achim G. Schneider, 06.02.2019

Babys kommen entweder als Junge oder Mädchen zur Welt. Meistens. Doch bei einigen Menschen legt sich die Natur nicht fest. Die Geschlechtsmerkmale, -chromosomen und -hormone sind uneindeutig. Mitunter stellt sich das erst in der Pubertät heraus: wenn Mädchen vermännlichen, Buben verweiblichen oder der erwartete Entwicklungsschub ausbleibt. Manche erfahren auch erst als Erwachsene, dass sie zwischengeschlechtlich (intersexuell) sind – etwa wenn sich der Kinderwunsch nicht erfüllt. Bislang mussten sich intersexuelle Menschen als männlich oder weiblich einordnen lassen. Seit 2013 existiert die Möglichkeit, das Geschlecht eines Neugeborenen offenzulassen, wenn es ­unklar ist. Auf Antrag der Eltern wird das in der Geburtsurkunde berücksichtigt. Im Kinderausweis bleibt das Feld für den Geschlechtseintrag leer. Diese Optionen bestehen weiterhin.

160 000 Diverse

Doch ab Januar kommt ein drittes Geschlecht hinzu: divers. Das Bundesverfassungsgericht hatte den Gesetzgeber aufgefordert, bis Ende 2018 eine posi­tive Bezeichnung für intersexuelle Menschen zu schaffen – das sind rund 160 000 Personen in Deutschland. "Der Zuordnung zu einem Geschlecht kommt für die individuelle Identität herausragende Bedeutung zu." Das gelte auch für Personen, die weder männlich noch weiblich sind, argumentierten die Richter.

Was bedeutet ...?

Intersexuell Das Adjektiv bezeichnet Menschen mit ­biologischen Merkmalen von Mann und Frau. Nur sie bekommen das Recht, das dritte Geschlecht "divers" anzunehmen, wenn sie das wünschen.

Transsexuell

Dazu zählen Männer, die sich als Frau, und Frauen, die sich als Mann identifizieren. Manche Menschen leiden so stark an diesem Widerspruch, dass sie ihr Geschlecht mithilfe von Hormonen und Operationen korrigieren lassen.

Transgeschlechtlich/Trans

Beide Bezeichnungen dienen häufig als Oberbegriff für alle geschlechtlichen Identitäten, die von der biologisch vorgegebenen abweichen. Die Transgender-Bewegung nennt hier eine Vielzahl möglicher Varianten.

Der Verein intersexuelle Menschen befürwortet die kommende Neuerung und auch die Bezeichnung "divers". Die Alternativen "anderes" und "weiteres", die ebenfalls zur Debatte standen, wurden von Betroffenen abgelehnt. "‚Divers ist ein einigermaßen positiv besetzter Begriff", sagt ein Sprecher des Vereinsvorstands.

Begriff in der Diskussion

Kritik am Gesetz gibt es dennoch. Zwar ist für den Eintrag des dritten Geschlechts keine medizinische Begutachtung notwendig. Aber ein ärztliches Attest müssen Betroffene vorlegen, damit das Standesamt "divers" einträgt und den Namen ändert – sofern der Wunsch dazu besteht. Mehrere Verbände halten es für überflüssig, dass ein Mediziner aufgesucht werden muss. "Die Aussage der beantragenden Person selbst sollte hier den höchsten Stellenwert haben, denn es geht uns um geschlechtliche Selbstbestimmung", schreibt etwa der Verein intersexuelle Menschen auf seiner Internetseite.

Vor allem aber wird beanstandet, dass transgeschlechtliche Menschen (siehe Kasten) bei dem Gesetzesvorhaben außen vor bleiben. "Die mit divers zu bezeichnende Geschlechtsangabe muss offen sein für alle Menschen, die sich mit ihr identifizieren", heißt es in einem offenen Brief an die Bundestagsabgeordneten, den insgesamt sechs Verbände unterzeichnet haben.

Eine andere Ergänzung sollte eigentlich zeitgleich mit dem dritten Geschlecht eingeführt werden. Noch in dieser Legislaturperiode will die Regierung "klarstellen, dass geschlechts-­angleichende medizinische Eingriffe an Kindern nur in unaufschiebbaren Fällen und zur Abwendung von Lebensgefahr zulässig sind". So steht es im Koalitionsvertrag. Bislang liegt aber kein Gesetzentwurf vor. Es wird also weiter Zeit verstreichen, bis Kinder besser vor medizinisch unnötigen Operationen geschützt sind – obwohl Verbände das seit Jahren fordern.

Leitlinien zum Schutz der Geschlechter

"Zukünftigen Generationen von Babys sollen traumatisierende Eingriffe erspart bleiben", sagt etwa der Vorstandssprecher des Vereins intersexuelle Menschen. Doch leider habe die Anzahl der kosmetischen und geschlechtsangleichenden Operationen seit 2005 nicht abgenommen. Er beruft sich auf eine Studie des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Berliner Humboldt-Universität.

Immerhin gibt es seit 2016 eine Leitlinie zum therapeutischen Umgang mit intersexuellen Menschen. Mehrere Fachgesellschaften erarbeiteten die Empfehlungen zusammen mit Betroffenenverbänden. Die Leitlinie rät zu ­­einer möglichst frühen Diagnose und zu einer kontinuierlichen psychologischen und medizinischen Betreuung, bis die Kinder erwachsen sind.

"Es gibt eine Vielfalt von Ursachen für Inter­sexualität, und es ist wichtig, diese zu erkennen", erklärt Professor Paul Martin Holterhus vom Hormonzentrum für Kinder und Jugendliche des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. So habe ein Drittel Fehlbildungen und Auffälligkeiten an Organen, die nichts mit dem Geschlecht zu tun haben. Je nach Problem benötigen die Betroffenen bestimmte Therapien, und die Familien sollten angemessen durch ein Kompetenzzentrum begleitet werden.

Gesundheitliche Gefährdung

Mit Operationen an den Genitalien sollte man bei Kindern zurückhaltend sein. Sie dürfen nur von einem erfahrenen Operateur in Zusammen­arbeit mit einem Kompetenzzentrum erfolgen. Auch dazu rät die Leitlinie. Den Betroffenenverbänden genügte das nicht. Sie gaben ihre Bedenken zu Protokoll, aufschiebbare Eingriffe am Kind durch­zuführen. Eltern sollten warten, bis es sein Mitspracherecht in Anspruch nehmen kann. Auch Holterhus hält das für richtig: "Man sollte, wo immer möglich, eine offene Entwicklung nicht zu früh durch unwiederbringliche Maßnahmen beeinträchtigen." Damit könne man ­einem Menschen sehr schaden.

Andererseits besteht die Gefahr auch, wenn man nicht operiert. Dann könnten Kinder mit uneindeutigen Genitalien diskriminiert werden. "Es ist Aufgabe der Gesellschaft zu verstehen, dass es ein Dazwischen gibt", sagt Holterhus.

Die Politik muss weitere Schritte unternehmen, fordert der Experte. "Wir haben in Deutschland weder die Strukturen noch die Finanzierung für die komplexe Versorgung intersexueller Menschen." Bislang betreuen ein paar Universitäten die Hilfesuchenden, weitgehend mit Geld aus Forschungsmitteln. Das ist zu wenig für rund 160 000 Betroffene.