Tattoo selber stechen?

Manche Menschen, die mit einer Tätowierung auffallen wollen, legen einfach selbst Hand an und stechen sich ein Tattoo. Warum das ein gefährlicher Trend ist

von Larissa Gaub, 17.05.2018

Der eine bastelt Regale, der andere näht Ledertaschen. Aber Do-it-yourself ist längst mehr als nur ein Hobby. Neben Amateur-Bastlern und ­-Designern gibt es jetzt auch Handwerker, deren Meisterstücke länger halten als jede gestrickte Mütze oder die Fliese im Bad.

"Stick and Poke" nennt sich der Trend im Netz, bei dem sich Laien Tattoos stechen. Dabei handelt es sich häufig um kleinere Zeichen wie Smileys oder simple geome­trische Figuren.
Die meisten stechen sich das Tattoo nur mithilfe einer Nadel und etwas Tinte. ­Inzwischen gibt es im Internet aber auch Starter-Kits zu kaufen, in denen eine ­elektrische Tätowiermaschine gleich mitgeliefert wird. Die Geräte können, je nach Qualität und Leistung, bis zu ungefähr 10.000 Stiche pro Minute in die Haut stechen.

Vorsicht vor Infektionen

Ärzte und erfahrene Tätowierer warnen davor, sich selbst Tinte unter die Haut zu jagen. Denn das kleine Abenteuer birgt jede Menge Risiken. "Auch wenn die Kits heutzutage vieles schon mitliefern, was man für eine Tätowierung braucht, wird das Wichtigste immer vergessen: die ­Hygiene", warnt Michael Frey, Tätowierer vom Verband Deutsche Organisierte Tätowierer e.V. Doch die sollte bei einem Tattoo an erster Stelle stehen. Besonders auf sogenannten Tattoo-­Partys kann die Sauberkeit zum Problem werden.

Denn zahlreiche Viren wie HIV, Hepatitis A, B und C werden über mehrfach benutzte und nicht richtig gereinigte Nadeln genauso übertragen wie durch unsauberes Arbeiten. Um solche Infektionen zu vermeiden, müssen Tätowierer wie auch Hobby-Stecher die Hygieneregeln dringend einhalten.

Neben gefährlichen Infektionen können auch andere Komplikationen auftreten. Wie das ­Bundesinstitut für Risikobewertung berichtet, ­reagieren manche Menschen auf bestimmte ­Inhaltsstoffe der Tattoofarben allergisch. Denn in der Regel enthalten diese nicht nur Farb­pigmente, sondern auch Konservierungsstoffe oder Löse- und Verdickungsmittel. "Alle seriösen Tätowierer sollten mit zertifizierten Farben ­arbeiten", sagt Professor Christian Raulin, Dermatologe und Allergologe in Karlsruhe. "In ­unseriösen Tattoostudios finden sich aber manchmal auch Farben, die Autolackstoffe ­enthalten. Das kann dann richtig gesundheits­gefährdend werden."

Die richtige Hautschicht treffen

Neben der Hygiene spielt bei der Technik die Erfahrung eine wichtige Rolle. "Laien stechen die Farbe meist zu tief oder eben nicht tief genug unter die Haut", erklärt Tätowierer Frey. "Grundsätzlich sollte die Farbe ungefähr 1,2 bis 1,5 Millimeter tief in die Haut eingebracht werden." Sticht man tiefer in die Unterhaut, kann das Tattoo schnell fleckig werden. Außerdem können hässliche Narben entstehen. Wird die Farbe nur in die oberste Hautschicht gestochen, kann es passieren, dass die Tinte verläuft und die Konturen unscharf werden.

Dauerhaft sichtbar bleibt das Tattoo nur, wenn es genau zwischen die beiden Hautschichten ­eingebracht wird: In der Dermis, auch Lederhaut genannt, lagern sich die Tattoofarben dauerhaft ein. Aber genau diese Schicht zu treffen ist besonders für Laien nicht einfach. Denn die Hautdicke kann am ganzen Körper sehr unterschiedlich sein. Darum muss die Stichtiefe je nach Motiv und Körperstelle exakt angepasst werden.

Fresszellen halten die Farbe in der Haut

Warum bleibt die Farbe in der Lederhaut eigentlich ein Leben lang sichtbar? Grundsätzlich ­erneuert sich die Haut ja regelmäßig selbst: ­Kleinere Wunden und Verletzungen verheilen, und auch Narben verblassen mit der Zeit. Die überraschende Antwort liefert eine kürzlich veröffentlichte Studie im Journal of Experimental Medicine. Es sind die Makrophagen, auch Fresszellen genannt, die einen Teil des Immunsystems bilden und Eindringlinge, wie auch Bakterien oder andere Fremdkörper, beseitigen.

Gelangt die Tattoofarbe in die Dermis, nehmen die Makrophagen sie auf und setzen sich in der Hautschicht zur Ruhe. Wenn sie später einmal absterben, stoßen sie die Pigmente aus, und die nächsten Makrophagen nehmen sie wieder auf. Laut Immunologen der Aix Université in Marseille (Frankreich) wiederholt sich dieser Vorgang ­wieder und wieder – und die Farbe bleibt in der Haut.

Die Studie liefert nicht nur Erkenntnisse über die Haltbarkeit von Tätowierungen. Sie könnte langfristig auch dazu beitragen, die Methoden zur Entfernung von Tattoos zu verbessern.

Dermatologe Raulin hat immer wieder Patienten, die gestochene Motive nicht mehr länger auf dem Körper tragen wollen. "Schwarz und zertifizierte Farben lassen sich besser entfernen", ist seine Erfahrung. Trotzdem lässt sich meist nur vage voraussagen, wie gut man eine Tätowierung wieder loswerden kann. Raulin betont: "Ein Tattoo sollte immer gut überlegt sein. Keiner sollte sich aus einer Bier- oder Weinlaune heraus auf einer Party stechen lassen, sondern immer in einem Studio nach sehr reiflicher Überlegung und mit klarem Verstand. Denn Modetrends können sich auch ändern."

Das richtige Studio finden

Wer sich trotz aller Risiken für ein Tattoo entscheidet, sollte unbedingt auf Nummer sicher gehen. Das bedeutet: auf keinen Fall selbst zu Nadel und Tinte oder Tätowiermaschine greifen, sondern einen erfahrenen Tätowierer aufsuchen. Auch hier ist es wichtig, nicht in das nächstgelegene Studio zu gehen, sondern sich im Vorhinein vor Ort zu informieren. Sieht der Laden sauber aus? Welche Farben werden benutzt? Kann das Studio einen Gewerbeschein nachweisen? Frey weiß: "Wer sich an alle Regeln hält, hat auch kein Problem, seinen Kunden diese Fragen zu beantworten."

Wer kein Risiko eingehen möchte, sollte auf die sicherste Variante setzen und auf das Tattoo verzichten. Das könnte nämlich nach Dermatologe Raulin der nächste Trend werden. "Wenn erst einmal alle Eltern tätowiert sind, laufen ihre Kinder wieder untätowiert herum."