Rückenschmerzen und Psyche

Rückenschmerz kann auch Kopfsache sein: Häufig tragen seelische Belastungen zu den Beschwerden bei, verursachen, verstärken oder verlängern sie. Was dann hilft

von Silke Droll, aktualisiert am 26.10.2020

Macht der Rücken Probleme, will man wissen, was da los ist. Und hat nichts einzuwenden, wenn der Arzt einen zum Röntgen schickt oder in die Röhre schieben lässt. Endlich Klarheit! Mitunter ist die Enttäuschung jedoch groß, die Diagnostikbilder diagnostizieren: nichts.

Rückenschmerzen haben meist keine schwerwiegende körperliche Ursache. "In 85 Prozent der Fälle wird es innerhalb von zwei bis drei Wochen von selbst besser – völlig unabhängig davon, was man tut und wie man behandelt", sagt Dr. Eduard Kraft, Leiter der Schmerzambulanz am Universitätsklinikum München.

Längere Schmerzen bei psychischen Belastungen

Manche Patienten werden die Schmerzen aber nicht mehr los, obwohl körperlich alles stimmt. Höchste Zeit, genauer hinzuschauen. Doch nicht aufs Kreuz – sondern auf den Kopf. Denn die Psyche spielt eine große Rolle bei Rückenproblemen. Seelische Belastungen können nicht nur zur Entstehung der Beschwerden beitragen. "Das ist auch die entscheidende Größe, ob der Schmerz chronisch wird oder nicht", erläutert Dr. Diplom-Psychologin Heike Schulte-Göcking, welche am Universitätsklinikum München psychologisch zwei Programme betreut. Das Münchner Rücken-Intensiv Programm (MRIP), welches Patienten und Patientinnen mit chronischen LWS Problemen behandelt und das Münchner Psychologische Schmerz-Bewältigung Programm (MPSP). Dieses Programm ist für alle Arten von chronischen Schmerzen für Betroffene, welche psychisch stärker belastet sind.

Wie geht der Patient mit dem Schmerz um? Fühlt er sich stark beeinträchtigt, sieht er darin gar eine Katastrophe? Will er nicht mehr arbeiten? Sind ihm Freude und Antrieb verloren gegangen? Hat er beruflich oder privat große Belastungen zu stemmen? Ist er einsam und isoliert? "Wenn die Antwort jedes Mal ja lautet, wird es problematisch", so Schulte-Göcking. Dann steige das Risiko, dass die Beschwerden bleiben, dass ein sogenanntes Schmerzgedächtnis entsteht.

Teufelskreis durch Vermeidung

Weil sie Angst haben, die Schmerzen könnten noch schlimmer werden, bewegen sich die Patienten weniger. Mediziner sprechen von Angstvermeidungsverhalten und vom biopsychosozialen Schmerzmodell. Die Beschwerden führen zu weniger Aktivität und zu Schonhaltung, was wiederum das Selbstvertrauen schwächt und depressive Gefühle hervorruft. Die langfristige Folge: Auch wenn es gar keinen entsprechenden Reiz mehr gibt, meldet das Gehirn Schmerz. Was ein gesunder Mensch kaum wahrnehmen würde, tut plötzlich sehr weh.

Die Wissenschaft belegt den Zusammenhang zwischen Seele, sozialem Leben und Schmerzen zunehmend mit Studien. Die Ergebnisse sind mittlerweile auch in die nationale Versorgungsleitlinie zum sogenannten unspezifischen Kreuzschmerz eingeflossen. Laut diesen Therapie-Empfehlungen sollen Ärzte bei den Patienten möglichst frühzeitig eventuelle psychosoziale Ursachen klären. Hat der Betroffene sehr viel Stress im Beruf? Liegt in der Familie etwas im Argen? Doch laut dem "Faktencheck Gesundheit" der Bertelsmann-Stiftung tun die Mediziner das nur bei jedem zweiten Betroffenen.

Besser beruhigen als verunsichern

Außerdem sollten Rückenschmerz-Patienten von ihrem Arzt erfahren, dass ihre Beschwerden ungefährlich sind, es gute Aussichten auf Besserung gibt und dass sie weiterhin aktiv bleiben sollten, statt sich zu schonen. Zunächst ist also Beruhigung statt eines Großmanövers in Diagnostik und Therapie gefragt.

"Denn das kann Patienten noch zusätzlich verunsichern", betont Professor Marcus Schiltenwolf, Orthopäde und Leiter der Abteilung Schmerztherapie am Universitätsklinikum Heidelberg. So steigt das Risiko, dass die Beschwerden chronisch werden.

Worte helfen mehr als Bilder

Zwar wollen ängstliche Patienten häufig ganz genau wissen, was mit ihrem Kreuz nicht stimmt. Doch selbst um einen gefährlichen Krankheitsverlauf auszuschließen, braucht es häufig keine Röntgen- oder MRT-Bilder. Dazu reichen eine Untersuchung und ein ausführliches Gespräch. Ohnehin gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen Veränderungen an der Wirbelsäule und Beschwerden. "Verschleiß erhöht zwar die Wahrscheinlichkeit von Schmerzen, muss aber nicht dazu führen", betont Schiltenwolf.

Warum also werden dann so viele teure, aber überflüssige Aufnahmen vom Rücken gemacht? Wohl auch, weil die Ärzte auf diese Weise von der Vergütungspraxis im deutschen Gesundheitssystem profitieren. Apparate-Diagnostik wird deutlich besser bezahlt als ein motivierendes Aufklärungsgespräch.

Gehirn falsch programmiert

Dabei könnte alleine das Wissen darum, wie stark das eigene Erleben und die seelische Verfassung das Rückenproblem beeinflussen, einige Patienten davor bewahren, dauerhaft zu leiden. "Dann kann man frühzeitig gegensteuern", meint etwa Psychologin Schulte-Göcking.

Wie jemand mit Schmerzen zurechtkommt, hängt unter anderem stark von seinem im frühen Kindesalter erworbenen Bindungsvermögen ab. Wer sich selbst und anderen nicht viel zutraut, hat schlechtere Karten. "In der deutschen Bevölkerung sind etwa ein Drittel der Menschen nicht stabil gebunden. Bei den chronischen Schmerzpatienten sind es zwei Drittel", sagt Experte Schiltenwolf. Schmerz und Stress werden in der nahezu identischen Gehirnregion verarbeitet. Wer früh Stress durch Zurückweisung von Bezugspersonen erlebt hat und somit nicht stabil gebunden ist, empfindet leichter Schmerz.

Verborgene Zusammenhänge

Auch wenn der Zusammenhang zwischen Körper und Psyche deutlicher auf der Hand liegt als bei diesem Beispiel – erkannt wird er häufig erst von einem Experten. Zum Beispiel von Dr. Julian Sprau, der in der Schmerzambulanz des Universitätsklinikums München bis zum April 2020 viele Rückenpatienten behandelt hatte. Seit Mai 2020 arbeitet er als Leitender Oberarzt der Abteilung Orthopädie und Sportmedizin einer Rehabilitationsklinik in Bad Wiessee. Oft können die Betroffenen selbst zunächst keinen konkreten Auslöser für ihre Beschwerden benennen.

Bohrt Sprau nach, erfährt er aber immer wieder Überraschendes. "Da erzählt dann jemand, dass seine Frau mit den zwei Kindern ausgezogen ist und gerade ein Sorgerechtsstreit läuft. Das ist ein psychosozialer Belastungsfaktor, der die Krankheitsentwicklung fördert." So etwas müsse bei der Therapie berücksichtigt werden.

Bei vielen Betroffenen sind Kopf und Körper längst auseinandergedriftet. Manchem ist nicht bewusst, dass er stets auf Hochtouren läuft, an tausend Dinge denkt, nie im Hier und Jetzt ist, nie zur Ruhe kommt. "Viele Patienten mit chronischen Beschwerden spüren nicht mehr, wie sich unter Stress ihre Rückenmuskulatur verspannt", sagt Psychologin Schulte-Göcking. "Sie bleiben zum Beispiel einfach acht Stunden am Stück am Schreibtisch sitzen."

Meditation löscht Schmerzgedächtnis

Um das verloren gegangene Gefühl für den eigenen Körper wiederzubekommen, setzen Schmerzexperten auf Meditation, Yoga und Achtsamkeit. Was nach Esoterik und Modewelle klingt, hilft vielen Patienten mit chronischem Rückenschmerz tatsächlich. Das belegen wissenschaftliche Arbeiten.

Eine Studie im Journal of the American Medical Association zeigt zum Beispiel, dass sowohl achtsamkeitsbasierte Stress-Reduktion als auch Verhaltenstherapie bei nicht-spezifischen Schmerzen im unteren Rücken besser wirken als die übliche Behandlung mit Schmerzmitteln und Krankengymnastik. Andere Untersuchungen machen deutlich, wie sich das Gehirn von Patienten mit anhaltenden Beschwerden durch Meditation wieder verändern, das Schmerzgedächtnis auslöschen lässt.

Experte für die eigene Erkrankung werden

Seit 2018 gibt es ein sogenanntes Disease-Management-Programm (DMP), wie es das bisher beispielsweise für Menschen mit Diabetes, Asthma oder einer Koronaren Herzkrankheit (KHK) gibt. In das DMP einschreiben können sich Betroffene, mit länger als 12 Wochen andauernden Kreuzschmerzen, deutlichen Aktivitätseinschränkungen und einem fortbestehenden Therapiebedarf und Versagen der bisherigen Therapie. Und es darf keine spezifische Erkrankung hinter dem Kreuzschmerz stecken, wie beispielsweise eine Tumorerkrankung oder ein Bruch des Wirbelkörpers. Wer am DMP teilnimmt, wird besonders umfassend betreut und kann in Schulungen unter anderem lernen, Rückenschmerzen besser zu verstehen und besser damit umzugehen.

Auch spezielle Therapieprogramme, wie sie vor allem größere Kliniken anbieten, dauern bis zu vier Wochen und werden häufig teilstationär durchgeführt. Neben Bewegung liegt der Schwerpunkt auf der psychologischen Betreuung. Die Patienten sprechen viel über die Zusammenhänge von Körper und Seele, von Stress und Schmerzen, und sie meditieren.

Ein solches Programm leitet Dr. Eduard Kraft am Klinikum Großhadern: das Münchner Rücken-Intensiv-Programm. Der Experte ist überzeugt: "Wenn Rückenschmerzen chronisch geworden sind – davon spricht man nach sechs Monaten –, reicht eine Therapie des Körpers nicht aus."