Borderline (Borderline-Persönlichkeitsstörung)

Stimmungsschwankungen, impulsives Verhalten, anhaltende Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen, Selbstverletzung – all dies sind mögliche Symptome der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS)

Unsere Inhalte sind pharmazeutisch und medizinisch geprüft

von Sandra Schmid, 11.04.2014

Was Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (kurz: BPS) durchmachen, können Angehörige und Freunde meist nur schwer nachempfinden. Die komplexe Persönlichkeitsstörung ist nicht leicht zu verstehen.

Welche Symptome deuten auf Borderline hin?

Oft zeigen sich erste Symptome bereits in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter. Stimmungsschwankungen, Impulsivität, selbstverletzendes Verhalten sind mögliche Anzeichen. Doch die Borderline-Störung – auch Borderline-Syndrom genannt –  kann sich ganz unterschiedlich äußern. Den typischen Borderline-Patienten gibt es nicht. Mehr Informationen zu möglichen Anzeichen von BPS lesen Sie im Kapitel Symptome.

Wie häufig ist die Borderline-Störung?

Schätzungen zufolge leiden ein bis fünf Prozent aller Menschen an BPS – Frauen wohl etwas häufiger als Männer. Vielleicht, so vermuten Experten, begeben sich Frauen aber auch einfach nur häufiger in Behandlung.

Wie kann man Borderline behandeln?

Es gibt bei Borderline-Persönlichkeitsstörung durchaus erfolgversprechende Therapien: Vor allem bestimmte Formen der Verhaltenstherapie sowie die Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP) haben sich in Studien nachweislich als hilfreich bei Borderline-Störungen erwiesen. Genaueres erfahren Sie im Kapitel Therapie.

Woher kommt die Bezeichung "Borderline"?

Wissenschaftler sind sich bis heute nicht ganz einig über die exakte Einordnung, Definition und Klassifizierung der Störung. Früher glaubte man, das Borderline-Syndrom sei auf der Grenzlinie (englisch: borderline) zwischen Neurose und Psychose anzusiedeln – daher der Name.

Heute zählt das Leiden zu den Persönlichkeitsstörungen, ist genauer definiert als: emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typ.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Jeder Mensch ärgert sich ab und zu, ist traurig oder hat einfach mal einen schlechten Tag. Solchen Alltagsfrust bewältigen wir normalerweise ohne größere Probleme. Die negativen Gefühle bewegen sich in erträglichen Grenzen und flauen irgendwann wieder ab. Anders bei Menschen mit Borderline-Störung: Bei ihnen gerät das emotionale Gleichgewicht sehr leicht aus der Balance.

Gefühle außer Kontrolle

Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung haben zunächst Schwierigkeiten, ihre Emotionen zu spüren und einzuordnen. Sie merken gar nicht, dass sie sich über etwas ärgern oder traurig sind. So baut sich eine innere Anspannung auf. Schon minimale Anlässe genügen dann, und die Gefühlslage kippt. Von einem Moment auf den anderen überfällt die Betroffenen plötzlich überwältigende Wut, Angst bis hin zur Panikattacke oder völlige Verzweiflung. Sie sind nicht in der Lage, diese rasch wechselnden Empfindungen und ihre Impulse zu kontrollieren. Ihre Stimmungsschwankungen sind extrem.

Die angestaute innere Spannung kann sich augenblicklich entladen ohne Rücksicht auf mögliche Folgen – zum Beispiel in heftigen Aggressionen und Wutanfällen aus scheinbar minimalem Anlass. So reicht ein verschütteter Kaffee oder ein falsches Wort, und es folgt ein Gefühlsausbruch. Dieses impulsive Verhalten wirkt auf die Umgebung befremdlich und irritierend. Betroffene gelten als aggressiv, launisch und unberechenbar.

Doch wann handelt es sich tatsächlich um Borderline-Symptome – und nicht einfach nur um eine etwas exzentrische, aufbrausende Persönlichkeit? Der Leidensdruck macht den Unterschied, sagen Experten: Auffällige Verhaltensweisen bei Exzentrikern haben oft etwas mit Lustgewinn zu tun. Das ist bei Menschen mit Borderline nicht der Fall.

Ritzen, brennen, schlagen: Leiden bis zur Selbstverletzung

Menschen mit Borderline-Syndrom leiden unter ihrer Störung – viele von ihnen so sehr, dass sie drastische Mittel nutzen, um die unerträgliche innere Spannung abzubauen. Sie verletzen sich selbst, schneiden ("ritzen") sich zum Beispiel immer wieder mit einem Messer oder einer Rasierklinge in den Unterarm. Oder sie drücken brennende Zigaretten auf ihrer Haut aus, schlagen sich selbst.

Eine solche Selbstverletzung ist eine Art "Notlösung" des Organismus – ein Versuch, das quälende Gefühlschaos unter Kontrolle zu bringen, sich selbst wieder zu spüren. Manchmal ist selbstverletzendes Verhalten aber auch ein versteckter Hilferuf an Freunde und Familie.

Nicht wenige Betroffene gefährden oder schädigen sich zudem auf andere Weise. Sie nehmen Drogen, fahren zu schnell, trinken zu viel Alkohol, praktizieren riskanten Sex oder gefährliche Sportarten. Etliche leiden an weiteren psychischen Störungen wie Essstörungen, Depressionen, Suchterkrankungen oder ADHS.

Manche empfinden ihr Leben mit Borderline-Störung als unerträglich, so dass sie sogar daran denken, sich das Leben zu nehmen. Ohne rechtzeitige Therapie sterben mehr als fünf Prozent der Betroffenen durch Suizid.

Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung fühlen sich Im Umgang mit anderen Personen oft unsicher. Es fällt ihnen schwer einzuschätzen, wie sie auf ihre Umgebung wirken und was andere empfinden. Viele "Borderliner" haben ein geringes Selbstwertgefühl, ihr Selbstbild ist brüchig, der Wechsel zwischen Selbstliebe und Selbsthass erfolgt spontan.

Angst vor Nähe – Angst vor Abstand

Häufig suchen Borderline-Betroffene intensive Nähe und außergewöhnlich engen Kontakt. Anfangs neigen sie dazu, ihren Partner zu idealisieren. Gleichzeitig fällt es ihnen schwer, Vertrauen aufzubauen. Sie leben in einer übertriebenen Angst davor, verlassen oder verraten zu werden.

Ob die Gefahr des Verlassenwerdens real ist oder nicht, spielt zunächst eine untergeordnete Rolle. Schon Kleinigkeiten kränken oder verletzen zutiefst, wecken Misstrauen.

So kann sich die übersteigerte Zuneigung schnell ins Gegenteil verkehren. Der eben noch "vergötterte" Partner wird auf einmal ebenso intensiv abgelehnt und verachtet.

Für den Partner eines "Borderliners" ist es nicht leicht, mit diesem seltsamen Mix aus Verklärung und Abwertung umzugehen. Immer wieder kommt es deshalb tatsächlich zu Trennungen.

Neben einer gewissen Veranlagung gelten traumatische Erlebnisse in der frühen Kindheit als wichtiger Auslöser für das Borderline-Syndrom. Etliche Betroffene haben schwere Traumen erlebt: Missbrauch oder Misshandlungen, Vernachlässigung oder emotionale Kälte. Ihre Eltern waren manchmal gleichzeitig Beschützer und "Täter" – wurden also einerseits geliebt, andererseits gehasst oder gefürchtet. Solche stark widersprüchlichen Gefühle gegenüber einer engen Bezugsperson können die kindliche Psyche überfordern und die Entstehung von Borderline-Erkrankungen begünstigen.

Experten betonen allerdings, dass Borderline-Patienten ebenso in "ganz normalen" Familien vorkommen. Forscher versuchen außerdem herauszufinden, ob es hirnorganische Veränderungen gibt, die eine Borderline-Persönlichkeitsstörung fördern. Vieles deutet darauf hin. So scheinen bei Borderline zum Beispiel Mechanismen der Emotionskontrolle im Gehirn schwächer ausgeprägt zu sein als üblich.

Erster Ansprechpartner ist oft der Hausarzt. Besteht der Verdacht auf eine Borderline-Störung, wird er zum Spezialisten überweisen – üblicherweise zu einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder einem Psychotherapeuten.

Es gibt keinen einzelnen Test, der die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung beweisen könnte. Um die Diagnose zu sichern, sind ausführliche, strukturierte Gespräche mit dem Betroffenen und eventuell auch seinen Angehörigen durch einen erfahrenen Diagnostiker nötig.

Wegweisend sind unter anderem die Symptome der Störung, die Betroffene oder auch deren Angehörige als belastend empfinden (siehe Kapitel Symptome). Verschiedene psychologische Verfahren können ebenfalls zum Einsatz kommen, nicht zuletzt um andere psychische Krankheiten auszuschließen, zum Beispiel eine Schizophrenie oder eine Depression.

Ein wesentliches Merkmal der Borderline-Störung: Die Probleme begleiten Betroffene dauerhaft – also über viele Jahre hinweg – und beeinträchtigen sie in unterschiedlichen Lebensbereichen wie Arbeit, Beziehungen und Freizeitgestaltung, so dass der normale Lebensalltag nur noch schwierig bis gar nicht aufrecht zu erhalten ist, es zu immer wiederkehrenden Problemen oder Konflikten kommt.

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung kann mit Psychotherapie, insbesondere mit speziellen Formen der Verhaltenstherapie behandelt werden.

Besonders bewährt haben sich die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) und spezielle psychodynamische Therapien wie die Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP).

Die Gefühle lenken

Bei der DBT handelt es sich um eine Form der Verhaltenstherapie. Das Prinzip: Patienten lernen, ihre Gefühle in normale Bahnen zu lenken, bevor die Emotionen außer Kontrolle geraten. Sie üben unter Anleitung, mit kleinen, individuellen "Tricks" gegenzusteuern: Einem kann es beispielsweise helfen, bewusst bis zehn zu zählen, sobald er spürt, dass die innere Spannung wächst. Der nächste lässt erst einmal eiskaltes Wasser über seine Unterarme fließen. Dem dritten tut ein intensiver Sprint um den Häuserblock gut. Es existieren ganze Listen an Möglichkeiten. Jeder muss die passende für sich finden.

Diese Behandlungsstrategie mag auf den ersten Blick simpel erscheinen, doch sie hat sich bewährt. Patienten lernen durch ihre kleinen "Hilfsprogramme" – auch Skills genannt – negative Emotionen früher wahrzunehmen, zu regulieren und auf unschädlichen Wegen abzubauen.

Die TFP ermöglicht das symptomorientierte Durcharbeiten eingelernter, sich wiederholender, selbstschädigender Muster im Hier und Jetzt. Selbst-destruktive Handlungen werden weniger.

Selbstsicherheit gewinnen

Weitere psychotherapeutische Verfahren leiten Patienten zum Beispiel an, Gefühle besser zu spüren (Achtsamkeitstraining) oder im Umgang mit anderen Menschen sicherer zu werden (Selbstsicherheitstraining). Schädliche Denkmuster ("Ich bin böse", "Ich bin unwürdig") werden durch tragfähige ersetzt.

Die Psychotherapie kann eventuell auch traumatherapeutische Elemente enthalten, wenn es zum Beispiel um die Bewältigung traumatischer Erlebnisse und deren Integration in die eigene Lebensgeschichte geht. Manchmal kommen außerdem Medikamente zum Einsatz, insbesondere wenn weitere psychische Krankheiten wie Depressionen vorhanden sind.

Die meisten BPS-Patienten werden ambulant behandelt. Bei Suizidgefahr oder schweren Selbstverletzungen empfiehlt sich aber zur Krisenintervention unbedingt eine zeitweise stationäre Therapie in spezialisierten Einrichtungen.

Mag. Nicole Pils ist langjährig als Klinische- und Gesundheits-Psychologin an der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin im Landesklinikum Baden bei Wien mit Zusatzausbildung zur Notfallpsychologie tätig. Sie hat zudem eine Ausbildung zur Psychotherapeutin und eine Weiterbildung in Psychodynamischer Therapie bei Borderline-Störungen. Sie arbeitet in eigener Praxis mit Spezialisierung auf Persönlichkeitsstörungen.