Morbus Scheuermann

Bei der Scheuermann'schen Krankheit (Morbus Scheuermann) wächst die Wirbelsäule in der Pubertät ungleichmäßig. Rückenschmerzen und ein Rundrücken können die Folge sein

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aktualisiert am 07.04.2014

Was ist eine Scheuermann-Krankheit?

Die Scheuermann-Krankheit (auch Morbus Scheuermann, kurz: M. Scheuermann, Adoleszenzkyphose, juvenile Kyphose, juvenile Osteochondrose) ist eine Wachsstumsstörung der Wirbelsäule. Die Krankheit entwickelt sich in der Pubertät und kommt im jungen Erwachsenenalter zum Stillstand. Schätzungen zufolge ist bei etwa jedem Hundertsten ein Morbus Scheuermann feststellbar. Jungen sind vermutlich etwas häufiger betroffen als Mädchen.

Welche Symptome deuten auf die Krankheit hin?

Meist verläuft Morbus Scheuermann schmerzlos und verursacht selten Einschränkungen. Doch können besonders in späteren Lebensjahren auch Rückenschmerzen auftreten. Auffälliges Zeichen der Krankheit ist ein Rundrücken: Die Brustwirbelsäule krümmt sich stärker als im Normalfall (verstärkte Kyphose). Manchmal zeigt sich die Krankheit aber auch im Lendenwirbelbereich. Dort verläuft die Wirbelsäule dann flacher als üblich.

Die Scheuermann-Krankheit wird manchmal lange nicht erkannt. Oft wird sie auch rein zufällig bei einer Untersuchung aus anderen Gründen entdeckt. Genaueres zu möglichen Anzeichen des Morbus Scheuermann lesen Sie im Kapitel Symptome.

Welche Ursachen hat die Scheuermann-Krankheit?

Die veränderte Wirbelsäulenform entsteht durch ein ungleichmäßiges Längenwachstum der Wirbel. So haben einige Wirbelkörper nicht mehr die typische Zylinderform, sondern erhalten allmählich die Form eines Keils. Die Ursache wird in Störungen des Knochenwachstums der Grund- und Deckplatten der betroffenen Wirbelkörper vermutet. Mehr Informationen zu möglichen Auslösern gibt es im Kapitel Ursachen.

Wie stellt der Arzt die Diagnose?

Der Arzt erkundigt sich unter anderem nach den Beschwerden und untersucht die Wirbelsäule. Im Röntgenbild sind bei Morbus Scheuermann keilförmige Wirbel erkennbar. Stellenweise können auf Röntgenaufnahmen auch sogenannte Schmorlsche Knorpelknötchen sichtbar sein: Dabei handelt sich um kleine Bandscheibenanteile, die in die Deck- und Bodenplatten der Wirbelkörper eingetreten sind – ein deutliches Indiz für Morbus Scheuermann. Auch U-förmige Verbiegungen können beim Morbus Scheuermann auftreten. Diese sind aber von der anders gearteten sogenannten ideopathischen Skoliose abzugrenzen.

Therapie bei Morbus Scheuermann

Wie die optimale Behandlung aussieht, muss im Einzelfall entschieden werden. Krankengymnastik und regelmäßige gezielte Übungen helfen, die Wirbelsäule aufzurichten, bestimmte Muskelgruppen zu stärken und verkürzte Muskulatur zu dehnen. Gegen Rückenschmerzen verordnet der Arzt zum Beispiel Medikamente. In manchen Fällen kann es nötig sein, vorübergehend ein unterstützendes Korsett (Orthese) zu tragen. Ist die Wirbelsäule sehr stark gekrümmt, so ist ganz selten auch eine Operation bei M. Scheuermann erforderlich. Eine vorbeugende Therapie ist nicht bekannt. Mehr Informationen lesen Sie im Kapitel Therapie.

Prognose: Während an der Brustwirbelsäule nicht selten ein schmerzloser Rundrücken verbleiben kann, kommt es bei Lokalisation an der Lendenwirbelsäule auch nach Wachstumsabschluss mitunter zu Beschwerden.

Ihren Namen verdankt die Krankheit einem dänischen Radiologen. "Morbus" ist die lateinische Bezeichnung für Krankheit. Umgangssprachlich wird die Krankheit manchmal auch "Schneiderbuckel" oder "Lehrlingsbuckel" genannt.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Bei Morbus Scheuermann wachsen die Rückenwirbel ungleichmäßig: An manchen Wirbelkörpern kommt es zu einem Fehlwachstum innerhalb der sogenannten Wachstumszonen (Ringapophysen), die sich oben und unten am Wirbelkörper befinden. Der "vordere", also bauchseitige Anteil bleibt im Wachstum zurück, während der "hintere" rückenseitige weiter wächst. So entstehen keilförmige Wirbel, meistens im Bereich der Brustwirbelsäule.

Durch die veränderte Wirbelform haben die Bandscheiben zwischen den Wirbelkörpern weniger Platz. Sie sind zur Bauchseite hin verschmälert. Die Beweglichkeit der Wirbelsäule ist hier herabgesetzt. Dagegen können nicht betroffene Wirbelsäulenabschnitte sehr beweglich sein.

Charakteristisch: Schmorl'sche Knötchen

In das Knochengewebe an Deck- und Bodenplatten der Wirbel dringt manchmal benachbartes Bandscheibengewebe ein – diese Bandscheibenknötchen heißen Schmorl'sche Knötchen (auch Schmorl-Knötchen). Sie sind ein charakteristischer Hinweis auf M. Scheuermann.

Mögliche Ursachen: Veranlagung und äußere Einflüsse

Eine gewisse Neigung zur Scheuermann-Krankheit ist vererbbar. Das bedeutet aber nicht, dass die Krankheit bei einer solchen Veranlagung zwangsläufig auftritt. Welche Faktoren dazu beitragen, dass es tatsächlich zum Morbus Scheuermann kommt, wird noch erforscht.

Äußere Umstände können das Krankheitsgeschehen wohl zusätzlich verstärken:

  • Intensive Belastungen zum Beispiel durch manche Hochleistungssportarten
  • Eine "schlechte", ständig gebückte Körperhaltung
  • Sportarten, die eine Rundrückenhaltung fördern.

Optisch fällt der Morbus Scheuermann oft durch eine veränderte Rückenform auf. Meist besteht ein Rundrücken (Kyphose): Die Brustwirbelsäule ist stärker gekrümmt als üblich. Grund sind keilförmig verformte Wirbel im Brustwirbelbereich (siehe dazu auch Kapitel Ursachen). Doch ist auch ein Flachrücken im Bereich der Lendenwirbelsäule möglich. Im Anfangsstadium verursacht Morbus Scheuermann häufig keine Schmerzen.

Rundrücken bei Morbus Scheuermann

Bei der Scheuermann'schen Krankheit besteht meist ein auffälliger Rundrücken. Auch kann sich bei M. Scheuermann ein Hohlkreuz (eine verstärkte Lordose) ausbilden. Dieses kompensiert die veränderte Statik, die sich durch den Rundrücken ergibt. Der Gesamtverlauf der Wirbelsäule bei Rundrücken und Hohlkreuz nennt sich Kypholordose.

Es ist durchaus möglich, dass die Scheuermann'sche Krankheit (zunächst) keine Einschränkungen zur Folge hat. Bei einem sehr starken Hohlkreuz liegen womöglich die Dornfortsätze der Wirbel aufeinander (Morbus Baastrup). Dies ist meist schmerzhaft. Auch können die Wirbel der Lendenwirbelsäule verlängert sein (tonnenförmige Wirbel). Außerdem ist eine geringfügige Wirbelsäulenverkrümmung zur Seite möglich (Kyphoskoliose). Sie entsteht, wenn die Wirbelkörper auch zur Seite hin verändert sind.

Flachrücken bei Morbus Scheuermann

Bei der selteneren Form der Scheuermann'schen Krankheit ist der Wirbelsäulenverlauf im unteren Rücken verändert. Im Lendenwirbelbereich zeigt sich dann ein Flachrücken. Bei stärkerer Ausprägung ist die Lendenwirbelsäule sogar rückwärts gekrümmt (Kyphose) anstatt nach vorne Richtung Bauch. Die Veränderungen können auch im Übergangsbereich von der Lenden- zur Brustwirbelsäule auftreten. Diese Form des Morbus Scheuermann ist häufiger mit Schmerzen verbunden.

Mögliches Symptom: Rückenschmerzen

Im Frühstadium bereitet Morbus Scheuermann meist keine Beschwerden. Im späteren Leben kommen Rückenschmerzen jedoch häufiger vor. So sind bei der Erkrankung die Zwischenwirbelbereiche verkleinert und die Bandscheiben teilweise verschmälert – dies kann Probleme verursachen. Ein weiterer Grund für Schmerzen bei M. Scheuermann kann eine chronische Überbelastung der Rückenmuskulatur sein. Sie versucht durch Anspannung, die übermäßige Krümmung des Rückens auszugleichen. Stellenweise sind durch Morbus Scheuermann die Kapseln der Wirbelgelenke überdehnt. Außerdem kann ein verstärkter Druck auf die Wirbelgelenke einwirken und zu Schmerzen führen.

Eltern sollten den Rücken ihrer Kinder öfter mal genauer ansehen. Bei allen Auffälligkeiten ist auf jeden Fall ein Arztbesuch ratsam.

Morbus Scheuermann kann optisch durch einen ausgeprägten Rundrücken (eine Kyphose) auffallen. Eventuell ist außerdem die Lendenwirbelsäule übermäßig gebogen, um die Fehlhaltung der Brustwirbelsäule auszugleichen. In einigen Fällen der Scheuermann'schen Krankheit ist die Lendenwirbelsäule aber auch zu schwach gebogen oder weist eine abnorme Form auf (siehe auch Kapitel Symptome).

Erster Ansprechpartner ist oft der Hausarzt oder auch der Kinderarzt. Er wird bei Bedarf zum Spezialisten für Erkrankungen des Bewegungsapparates überweisen – zum Orthopäden.

Der Arzt erkundigt sich nach den Beschwerden wie Schmerzen oder Einschränkungen der Beweglichkeit. Auch möchte er wissen, ob besondere Belastungen für den Rücken bestehen, so etwa am Arbeitsplatz oder durch Sport. Außerdem wird er sich über eine frühere Behandlung und andere Erkrankungen sowie Krankheitsfälle in der Familie informieren.

Körperliche Untersuchung

Es folgt eine genaue körperliche Untersuchung. Insbesondere testet der Arzt die Beweglichkeit der Wirbelsäule. Dazu beugt sich der Patient nach vorne (Flexion) und nach hinten (Extension). Der Orthopäde misst dabei die Rückenlänge aus (Methode nach Schober und Ott). Er kann außerdem die Beweglichkeit zur Seite (Seitbeugung) und die Drehbarkeit (Rotation) prüfen. Anhand der Dornfortsätze der Wirbel ertastet der Arzt den Verlauf der Wirbelsäule. Damit kann er einen Rundrücken oder andere Haltungsschäden erkennen. So zeigt sich bei der Untersuchung, dass manche Wirbelsäulenabschnitte beim Vorneigen (in Flexion) fixiert bleiben, also nicht aufdehnbar sind. Mit einem Kyphometer lässt sich der Grad der Wirbelsäulenkrümmung ermitteln.

Der Arzt muss zudem andere Wirbelsäulenerkrankungen, beispielsweise Morbus Bechterew oder eine Skoliose ausschließen.

Röntgenuntersuchung und MRT

Mit Hilfe einer Röntgenaufnahme der Wirbelsäule kann die Scheuermann'sche Krankheit meist sicher nachgewiesen werden. Keilwirbel und Schmorl-Knötchen (siehe Kapitel Ursachen) sind deutliche Anzeichen für M. Scheuermann. Bei Heranwachsenden beurteilt der Arzt mittels Röntgen-Untersuchung die Knochenentwicklung bestimmt das Skelettalter.

Die Magnetresonanztomografie (MRT) und – in seltenen Ausnahmefällen – auch die Computertomografie (CT) sind weitere bildgebende Verfahren, die bei M. Scheuermann infrage kommen. Auf MRT-Aufnahmen sind bereits frühe Veränderungen feststellbar.

Ob bei Morbus Scheuermann eine Therapie nötig ist, und falls ja welche, ist immer eine individuelle Entscheidung. Sie sollte nach ausführlicher Beratung gemeinsam mit dem behandelnden Arzt getroffen werden. Untersuchungsbefunde und Ausmaß der Beschwerden spielen dabei eine Rolle.

Ziel einer Behandlung ist, die Wirbelsäule so weit wie möglich aufzurichten. Bei jungen Patienten soll eine weitere Krümmung (Kyphose) vermieden werden. In diesem Alter ist es auch möglich, eine übermäßige Kyphose durch Übungen oder eine Korsettbehandlung teilweise auszugleichen.

Krankengymnastik

Krankengymnastik (Physiotherapie) ist bei Morbus Scheuermann die Therapie der Wahl. Bei einer ausgeprägten Brustwirbelsäulen-Verkrümmung ist meist die Brustmuskulatur verkürzt. Rückenmuskeln, welche die Brustwirbelsäule aufrichten, sind dagegen geschwächt und gedehnt. Es besteht ein muskuläres Ungleichgewicht.

Mit gezielten Gymnastikübungen kann eine geschwächte Rumpf-Muskulatur gestärkt werden. Zusätzliche Dehnübungen halten die Wirbelsäule beweglich. So kann eine aufrechtere Körperhaltung erreicht werden. Bei Jugendlichen beeinflusst das Training das Wirbelsäulenwachstum meist positiv.

Korsett

Zusätzlich zur Krankengymnastik ist in einigen Fällen von M. Scheuermann ein Korsett hilfreich (reklinierende Korsett-Therapie). Dieses stützt die Wirbelsäule und richtet sie auf. Das Korsett sollte konsequent getragen werden. Nur zur Körperpflege wird es abgenommen. Später reicht es meist aus, das Korsett nur noch nachts zu tragen. Der Therapieerfolg muss in regelmäßigen Abständen vom Arzt überprüft werden. Mit solchen Reklinations-Orthesen (zum Beispiel Milwaukee-Korsett) kann die Fehlhaltung bei M. Scheuermann verbessert oder auch geheilt werden. Nach dem Ende einer Korsett-Therapie verstärkt sich die Wirbelsäulenkrümmung aber in manchen Fällen wieder. Zusätzliche Krankengymnastik ist in jedem Fall ratsam.

Schmerzmittel

Morbus Scheuermann bereitet anfangs meist keine Beschwerden. Sollten starke Schmerzen auftreten, so kann eine vorübergehende medikamentöse Therapie hilfreich sein. Dabei werden Schmerzmittel (Analgetika) und muskelentspannende Wirkstoffe (Muskelrelaxantien) verschrieben. Oft sind vor allem Veränderungen der Lendenwirbelsäule durch Morbus Scheuermann (lumbale Form) mit Rückenschmerzen verbunden.

Operationen

In seltenen Fällen ist eine Operation zur Behandlung der Scheuermann-Krankheit nötig. Der Eigriff erfolgt nur bei sehr schweren Veränderungen der Wirbelsäule. Dabei können beispielsweise verschlissene Bandscheiben entfernt und durch körpereigenes Knochengewebe ersetzt werden. Zusätzlich entnehmen die Ärzte Knochenanteile, um die Wirbelsäule aufzurichten. Mit Metallstäben, die der Chirurg in den Wirbelkörpern verankert, wird die Wirbelsäule stabilisiert. Nach der Operation kann für einige Wochen das Tragen eines Korsetts nötig sein.

Selbsthilfe bei Morbus Scheuermann

  • Eine starke Muskulatur kann viele Fehlstellungen der Wirbelsäule ausgleichen, so auch bei Morbus Scheuermann. Kräftige Bauch- und Rückenmuskeln entlasten die Wirbelsäule. Wer seine Wirbelsäule außerdem beweglich hält, kann Schmerzen und Einschränkungen durch Morbus Scheuermann meist vermeiden. Sport und Gymnastik sind hierfür ideal. Auch ein rückenfreundliches Leben hilft, mit Morbus Scheuermann zurecht zu kommen.
  • Sport ist bei Morbus Scheuermann empfehlenswert. Allerdings ist die Wahl der Sportart entscheidend – dazu am besten vom Arzt beraten lassen. Schwimmen und Walking gelten beispielsweise als sanfte Möglichkeiten, um den Rücken zu stärken. Auch regelmäßige Gymnastik zur Stärkung der Rumpfmuskulatur bessert oft die Symptome bei Morbus Scheuermann. Eher ungeeignet sind dagegen Sportarten mit vielen Sprüngen und belastenden Stößen auf die Wirbelsäule, wie zum Beispiel Trampolinspringen oder Kampfsportarten. Weniger empfehlenswert ist außerdem Training in dauerhaft gebeugter Körperhaltung wie Rennradfahren. Das verstärkt die Krümmung der Wirbelsäule womöglich noch zusätzlich. Beim Schwimmen ist darauf zu achten, dass kein muskuläres Ungleichgewicht entsteht: So stärkt Kraulen vor allem die Brustmuskulatur statt – wie gewünscht – die Rückenmuskeln.
  • Aufrechte Haltung: Es ist wichtig bei M. Scheuermann, im Alltag auf eine aufrechte Körperhaltung zu achten. Eine Rückenschule kann helfen, sich besonders "rückenfreundlich" zu verhalten. Wer viel Zeit im Sitzen verbringt, sollte möglichst Sitzposition und die Höhe des Schreibtisches anpassen. So ist ein aufrechtes Sitzen und entspanntes Arbeiten möglich. Es ist außerdem ratsam, das Heben schwerer Lasten zu vermeiden. Lesen in Bauchlage kann als angenehm empfunden werden. Auch kann es bei Morbus Scheuermann hilfreich sein, auf dem Bauch liegend zu schlafen.

Dr. Hartmut Gaulrapp ist Facharzt für Orthopädie mit Spezialgebiet Kinder-Orthopädie, Sportmedizin. Er arbeitet als niedergelassener Arzt in eigener Praxis in München. Dr. Gaulrapp ist Vorsitzender des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie e.V. (BVOU) für den Bezirk München.