Hörsturz: Definition, Anzeichen und Therapien

Sie hören auf einem Ohr plötzlich nicht mehr richtig? Dann haben Sie womöglich einen Hörsturz. Was diesen unvermittelten Hörverlust auslöst, ist unklar. Mehr über Symptome, Ursachen und Therapien

Unsere Inhalte sind pharmazeutisch und medizinisch geprüft

von apotheken-umschau.de, aktualisiert am 25.03.2019

Was ist ein Hörsturz?

Bei einem Hörsturz kommt es plötzlich zu einer einseitigen Hörminderung ohne erkennbare äußere Ursache.

Als stecke auf einmal ein großes Stück Watte oder ein Ohrstöpsel im Gehörgang, so beschreiben es Betroffene. Sie hören deutlich schlechter oder fast gar nichts mehr – meistens nur auf einem Ohr. Dass beide Ohren gleichzeitig betroffen sind, kommt so gut wie nie vor.

Viele spüren einen dumpfen Druck auf dem erkrankten Ohr. Bei manchen fühlt sich die Ohrmuschel seltsam pelzig an. Die Erkrankung tut üblicherweise nicht weh. Zusätzliche Symptome wie Ohrgeräusche und – seltener – Schwindel kommen vor. Hier lesen Sie mehr über die Symptome eines Hörsturzes.

Experten wissen bis heute nicht genau, was hinter dieser Art von Hörverlust steckt. Sie vermuten unter anderem Durchblutungsstörungen im Innenohr oder Entzündungen. Hier lesen Sie mehr über die Ursachen eines Hörsturzes.

Ist der Hörsturz immer ein Notfall?

Nein. Betroffene sollten dennoch möglichst bald einen fachkundigen Arzt aufsuchen. Denn möglicherweise handelt es sich ja gar nicht um einen Hörsturz, sondern um eine andere Krankheit, die rasch behandelt oder weiter abgeklärt werden muss. Außerdem gehen viele Fachärzte davon aus, dass auch bei einem Hörsturz gilt: "Zeit ist Ohr". Dass also eine frühe Therapie besser greift als eine späte. Auf der anderen Seite kann bei leichter und mäßiger Einschränkung des Hörvermögens auch einige wenige Tage abgewartet werden, ob eine Spontanbesserung eintritt – was häufig der Fall ist.

Wie wird ein Hörsturz behandelt?

Ungeklärt ist leider, welche Behandlung am besten hilft. Unterschiedlichste Methoden wurden bereits erprobt. Manche scheinen sich eher zu bewähren als andere. Sehr häufig kommen entzündungshemmende Mittel zum Einsatz. Ob überhaupt eine Therapie nötig ist, muss individuell mit dem Arzt besprochen werden. Denn – wichtig und tröstlich zu wissen – nicht selten heilt ein Hörsturz auch ganz von selbst wieder aus. Hier lesen Sie mehr über die Therapie bei einem Hörsturz.

Ist jeder plötzliche Hörverlust ein Hörsturz?

Nein. Denn es gibt viele mögliche Gründe, wenn das Hörorgan auf einmal nicht mehr richtig funktioniert – eine Mittelohrentzündung kann ebenso schuld sein wie ein Pfropf aus Ohrenschmalz, der den Gehörgang verstopft. Der Arzt muss zunächst alle infrage kommenden Ursachen ausschließen. Erst dann steht die Diagnose Hörsturz fest. Denn der Hörsturz ist definiert als akute, einseitige Hörminderung ohne erkennbare äußere Ursache. Somit darf ein plötzlicher Hörverlust nach einem Knall oder nach lauter Schalleinwirkung nicht als Hörsturz bezeichnet werden.

Schätzungen zufolge erleiden pro Jahr mindestens 100 bis 150 von 100.000 Deutschen einen Hörsturz. Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen, oft zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr. Im Kindesalter kommt ein Hörsturz allenfalls ausnahmsweise vor.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Im Normalfall gelangt der Schall (also Töne, Geräusche, Stimmen) durch den Gehörgang zum Mittelohr (siehe Grafik oben). Dort leiten Trommelfell und Gehörknöchelchen die Signale weiter an das Innenohr. Dieses wandelt die Schalleindrücke in elektrische Nervensignale um und schickt sie über die Nerven zum Gehirn – wir hören.

Bei einem Hörsturz funktioniert des erste Teil dieses Hörvorgangs noch reibungslos: Der Schall erreicht das Innenohr ohne Probleme. Die Schallleitung ist also in Ordnung. Doch ab dem Innenohr hakt es plötzlich mit der Informationsübermittlung. Die Sinneseindrücke werden nicht mehr richtig weiterverarbeitet. Das Schallempfinden ist gestört. Mediziner nennen diese Art der Hörstörung Schallempfindungsschwerhörigkeit.

Eine Schallempfindungsschwerhörigkeit kann identifizierbare Ursachen haben – zum Beispiel plötzlichen starken Lärm (eine laute Explosion) oder eine Virusinfektion – dann spricht man nicht von einem Hörsturz, da sich eine äußere Ursache findet. Oder aber es sind keine Auslöser feststellbar. Dann handelt es sich um einen Hörsturz. Er ist definiert als plötzliche Schallempfindungsschwerhörigkeit, deren Ursache im Dunkeln bleibt.

Wie kommt es zu einem Hörsturz?

Dazu haben Mediziner verschiedene Theorien. Wirklich bewiesen ist aber noch keine:

Die feinen Hör-Sinneszellen im Innenohr – die Haarzellen – müssen lückenlos mit Sauerstoff und Nährstoffen aus dem Blut versorgt werden. Genauso wie andere Organe auch. Nur so können sie reibungslos funktionieren. Stockt jedoch der Blutnachschub, weil Blutgefäße verlegt oder verengt sind, dann fehlt den Haarzellen der lebensnotwendige "Treibstoff". Die Folge: Die Sinneszellen arbeiten nicht mehr richtig oder gehen sogar zugrunde. Wissenschaftler vermuten, dass bei einem Hörsturz Durchblutungsstörungen in den allerkleinsten Blutgefäßen des Innenohrs auftreten – vielleicht, weil die Blutplättchen dort plötzlich miteinander verklumpen und die Gefäße verstopfen.

Möglich scheint aber auch, dass die Haarzellen selbst defekt sind und nicht mehr korrekt arbeiten. Oder die "Leitung" ins Gehirn ist kaputt. Die beteiligten Nervenzellen übertragen die Hör-Signale plötzlich nur noch fehlerhaft – so eine Annahme. Auch Entzündungen oder Virusinfektionen könnten eine Rolle spielen.

Teile des Innenohrs sind natürlicherweise mit zwei speziellen Flüssigkeiten gefüllt (Peri- und Endolymphe). Manche Experten vermuten, dass sich die Zusammensetzung dieser Flüssigkeiten plötzlich verändert, und dass es in der Folge zu einem Hörverlust kommt. Dieser Mechanismus spielt vor allem bei der Menièreschen Erkrankung eine Rolle.

Und was ist mit Stress als möglichem Auslöser?

Nicht selten streikt das Hörorgan genau dann, wenn der Stress am größten ist. Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Hörsturz und Stress konnte allerdings noch nicht bewiesen werden. Es gibt allgemeine Hinweise, dass uns Dauerstress nicht gut tut. Theoretisch ist es auch denkbar, dass Stress Entzündungen oder Durchblutungsstörungen im Ohr begünstigen könnte.

Schwerhörigkeit

Beim Hörsturz kommt es zu einem plötzlichen Hörverlust. Meistens betrifft er nur ein Ohr und entwickelt sich innerhalb weniger Sekunden bis Minuten, allenfalls Stunden. Der Hörverlust kann sehr leicht sein, sogar völlig unbemerkt bleiben. Die Hörminderung kann aber auch sehr stark sein und bis hin zur Taubheit reichen.

Verändertes Hören

Musik oder Stimmen, auch die eigene, klingen eventuell anders als gewohnt, "fremd". Wenn das eine Ohr plötzlich schlechter arbeitet als das andere, entsteht bei den Betroffenen der Eindruck, dass sie Töne doppelt hören. Sie erkennen auch schwerer, aus welcher Richtung Höreindrücke kommen. Denn wir brauchen zwei intakte Ohren, um Geräuschquellen im Raum genau orten zu können. Oft werden bei einem Hörsturz zudem laute Geräusche oder Stimmen als besonders unangenehm empfunden.

Sensibilitätsstörungen

Begleitet ist die Hörminderung eventuell von einem pelzigen Gefühl um die Ohrmuschel herum, als sei sie "in Watte gepackt".

Druck auf dem Ohr

Beim Hörsturz entsteht oft auch ein Druckgefühl im betroffenen Ohr – so als stecke ein großer Wattebausch fest im Gehörgang.

Ohrgeräusche

Zusätzlich treten häufig störende Ohrgeräusche (Tinnitus) auf – beispielsweise ein ständiges Pfeifen, Klingeln oder Rauschen. Diese Geräusche nimmt nur der Betroffene wahr. Andere können sie nicht hören.

Schwindel

Etwa 20 bis 50 Prozent der Patienten leiden bei einem Hörsturz auch an Schwindelgefühlen. Treten Ohrgeräusche, Drehschwindel und Hörverlust in Kombination und anfallsartig auf, spricht das eher für eine andere Erkrankung: den Morbus Menière.

Wer auf einem oder beiden Ohren plötzlich nicht mehr richtig hört, der sollte umgehend einen Arzt aufsuchen. Nicht immer steckt ein Hörsturz dahinter. Es kommen viele Ursachen infrage.

Arztgespräch und Untersuchung des Ohrs

Üblicherweise ist der Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (HNO-Arzt) der geeignete Ansprechpartner. Er wird sich zunächst nach den Symptomen und der Krankengeschichte erkundigen. Insbesondere wird er den Patienten fragen, ob er starkem Lärm ausgesetzt war, beispielsweise einem lautem Knall. Meistens fragt der Arzt außerdem nach der Einnahme von Arzneimitteln, da manche Medikamente Hörstörungen auslösen können. Dann begutachtet er das Ohr mit Hilfe des Ohrspiegels und Untersuchungsmikroskops und prüft anschließend das Gehör.

Stimmgabeltest

Der einfache Stimmgabeltest liefert wichtige Hinweise, wo die Störung ihren Ursprung hat. Dafür schlägt der Arzt eine normale Stimmgabel an, so dass sie klingt. Dann setzt er sie an bestimmten Punkten auf dem Kopf des Patienten auf und hält sie außerdem vor das Ohr des Patienten. Der muss Fragen beantworten – zum Beispiel wie lange er den Ton der Stimmgabel hört, oder in welchem Ohr er den Ton lauter hört. Das Ergebnis lässt Rückschlüsse auf die Art der Schwerhörigkeit zu: Entweder wird der Schall nicht richtig an das Innenohr weitergeleitet, dann besteht eine Schallleitungsstörung – sie schließt einen Hörsturz praktisch aus. Oder der Arzt ermittelt eine Schallempfindungsstörung (siehe auch Kapitel Ursachen). Dann liegt das Problem im Innenohr, bei den Nerven oder im Gehirn. Diese Art der Hörstörung passt unter anderem auch zur Diagnose Hörsturz.

Ton-Audiogramm

Mit einem Ton-Audiogramm überprüft der Arzt, welche Tonhöhen der Patient nicht mehr ausreichend hört. Der Patient setzt einen Kopfhörer auf oder einen Lautsprecher auf das Hinterhaupt, über den nacheinander bestimmte Töne in anschwellender Lautstärke eingespielt werden. Der Patient gibt Bescheid, sobald er einen Ton wahrnimmt. So kann der Arzt verschiedene Formen des Hörsturzes abgrenzen – je nachdem, welche Tonhöhen der Patient schlechter hört als es zu erwarten wäre. So gibt es die Hochton-, Mittelton- und Tiefton-Schallempfindungsschwerhörigkeit. Bei der pancochleären Schallempfindungsschwerhörigkeit werden alle Tonhöhen vermindert gehört. Selten – meist im Wiederholungsfall – kann ein Hörsturz auch zu einem vollständigen Hörverlust, also einer Ertaubung, führen.

Tympanometrie und weitere Untersuchungen

Bei der Tympanometrie wird eine Sonde in den Gehörgang platziert, die den Gang nach außen abdichtet. Die Sonde schickt Töne zum Trommelfell und misst den Schall, der von dort reflektiert wird – und das unter verschiedenen Druckverhältnissen. Bestimmte Messwerte deuten auf Erkrankungen des Mittelohrs hin.

Informationen über die Funktion des Innenohrs erhält der Art durch einen anderen Test: Eine Sonde im Gehörgang sendet gezielte Schallreize aus. Wenn sie auf das Innenohr treffen, reagiert es im Normalfall mit einer bestimmten akustischen "Antwort", den sogenannten otoakustischen Emissionen (OAE). Die Sonde kann diese charakteristische Antwort des Innenohrs messen. Sind die Ergebnisse auffällig, deutet das auf eine Erkrankung des Innenohrs hin. Bei der akuten Hörminderung sollte allerdings keine Messung von OAEs erfolgen, da das erkrankte Ohr hierdurch einer Lärmbelastung ausgesetzt wird, die das Organ weiter schädigen kann.

Ähnliches gilft auch für die Hirnstamm-Audiometrie (oft abgekürzt: BERA). Damit überprüft der Arzt die Funktion der Gehörnerven und der Hirnregionen, die am Hörvorgang beteiligt sind. Diese Untersuchung sollte bei einer akuten Hörminderung ebenfalls nicht stattfinden, da sie eine Lärmbelastung für das geschädigte Hörorgan bedeutet.

Da sich das Hörorgan in enger Nachbarschaft zum Gleichgewichtsorgan befindet, testet der Arzt zudem den Gleichgewichtssinn – insbesondere dann, wenn der Patient Schwindelgefühle hat. Hierzu werden Prüfungen der Augenbewegungen unter verschiedenen Bedingungen (in Ruhe, nach Kopfschütteln, nach Änderung der Lage, nach Spülung des Gehörgangs mit kaltem und warmem Wasser) und Koordinationsprüfungen vorgenommen.

Bei Verdacht auf einen Hörsturz misst der Arzt üblicherweise auch den Blutdruck – um festzustellen, ob ein zu niedriger Blutdruck oder ein Bluthochdruck mit der Hörstörung in Zusammenhang stehen könnte.

Außerdem nimmt der Arzt eventuell eine Blutprobe. Das Blutbild und die Menge an Blutzellen (Hämatokrit) liefern Hinweise darauf, ob die Hörminderung durch verdicktes Blut verursacht wurde und ebenso, ob Bluterkrankungen, Entzündungen oder Infektionen vorliegen.

Weitere mögliche Tests zum Ausschluss anderer Krankheiten

Die Diagnose des Hörsturzes erfolgt nach dem Ausschluss-Prinzip. Das bedeutet: Die Diagnose steht erst dann fest, wenn kein anderer Auslöser für den plötzlichen Hörverlust zu ermitteln war. Der Arzt muss also eine Reihe unterschiedlicher Krankheiten ausschließen. Eventuell ist es dafür nötig, mit Spezialisten anderer Fachgebiete zusammenzuarbeiten. Und es können weitere Diagnoseverfahren zum Einsatz kommen:

Mit bildgebenden Verfahren wie Computertomografie oder Magnetresonanztomografie sind zum Beispiel Verletzungen im Bereich des Hörorgans oder Tumoren wie das Akustikusneurinom zu sehen. Dieser gutartige Hirntumor kann auch wiederkehrende Hörstörungen verursachen.

Mit Hilfe von Ultraschalluntersuchungen erkennt der Arzt unter anderem Engstellen in den Halsschlagadern, die zu Durchblutungsstörungen und damit zu Hörproblemen führen könnten.

Speziellere Blutuntersuchungen lassen Rückschlüsse auf Virusinfektionen wie Herpes zoster zu. Solche Krankheiten können auch das Hörorgan in Mitleidenschaft ziehen.

Die genaue Ursache des Hörsturzes ist nicht bekannt. Deshalb ist es schwierig, eine gezielte Therapie zu entwickeln. Es gibt zahlreiche unterschiedliche Behandlungsansätze, die in den letzten Jahren erprobt wurden. Doch alle bringen nicht nur potenzielle Vorteile, sondern auch mögliche Nachteile mit sich. Leider ist es bislang nicht gelungen, die Überlegenheit einer bestimmten Therapie eindeutig wissenschaftlich nachzuweisen. Und manche Therapiemethoden sind auch innerhalb der Ärzteschaft umstritten. Hilfestellung gibt die jeweils gültige Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie mit konkreten Therapieempfehlungen.

Therapiemöglichkeiten mit dem Arzt besprechen

Am besten überlegen Arzt und Patient gemeinsam, welches Vorgehen im individuellen Fall am aussichtsreichsten erscheint. Dabei sollte unbedingt zur Sprache kommen, welche Vorteile zu erwarten sind, und welche Nebenwirkungen die Therapie haben könnte. Außerdem gilt es zu bedenken, dass die gesetzlichen Krankenkassen für die meisten Therapien nicht bezahlen, weil ihre Wirksamkeit nicht ausreichend mit Studien belegt ist.

Bei einem leichten Hörsturz, der den Patienten wenig beeinträchtigt, wird der Arzt üblicherweise dazu raten, erst einmal ein paar Tage abzuwarten. Denn in etlichen Fällen heilt der Hörsturz von alleine wieder aus.

Besteht eine deutliche Schwerhörigkeit mit zusätzlichen Symptomen oder ist das andere Ohr des Patienten bereits vorgeschädigt, dann wird der Arzt eine rasche Behandlung in Erwägung ziehen. Sie findet meist ambulant oder – in speziell gelagerten Fällen – in der Klinik statt.

Kortisonpräparate

Der Arzt kann entzündungshemmende Mittel als Infusion verabreichen oder als Tablette verschreiben. Meistens werden dabei Wirkstoffe angewendet, die dem Hormon Kortison aus der Nebennierenrinde ähnlich sind (Glukokortikoide, etwa Prednisolon). Die Arzneien sollen – so die Theorie – Entzündungsvorgänge und hierdurch bedingte Schwellungen im Hörorgan bekämpfen. Nebenwirkungen wie ein erhöhter Blutzuckerspiegel kommen vor. Diese Art der Hörsturz-Therapie ist in Deutschland und vielen anderen Ländern verbreitet und wird auch in der aktuellen Leitlinie als ein Verfahren der ersten Wahl empfohlen.

Intratympanale Therapie

Dabei verabreicht der Arzt ein Kortisonpräparat mit einer Spritze direkt ins Ohr. Dafür muss er nach einer örtlichen Betäubung mit einer feinen Nadel durch das Trommelfell pieksen. So gelangt der Wirkstoff in höherer Konzentration ins Mittelohr – und kann per Diffusion in das Innenohr gelangen. Selten kann es hierdurch zu einem bleibendem Loch im Trommelfell oder zu Mittelohrentzündungen kommen. Diese Therapieform hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr durchgesetzt, vor allem dann, wenn Bedenken gegen die Verabreichung von Glukokortikoiden als Infusion bestehen oder eine solche Therapie nicht den gewünschten Effekt erbracht hat.

Rheologische Therapie

Eine weitere Behandlungsmöglichkeit waren früher Infusionen, die den Blutfluss verbessern sollen. Hierzu wurden Mittel wie Hydroxyethylstärke (HES) über die Vene verabreicht. HES ist für diesen Behandlungszweck seit dem Jahr 2014 in Deutschland nicht mehr zugelassen.

Speziellere Therapien

Speziellere Therapien kommen vor allem dann infrage, wenn die erste Behandlung gar nicht anschlägt, oder der Hörsturz sehr ausgeprägt ist:

Ionotrope Therapie: In der Klinik geben die Ärzte manchmal bestimmte Betäubungsmittel (Lokalanästhetika) über die Vene. Sie sollen günstige Effekte auf die Funktion der Haarzellen (Hör-Sinneszellen) vor allem bei Tinnitus haben. Die Therapie muss aber genau dosiert sein. Sonst drohen Krampfanfälle, Herzrhythmusstörungen und ernste Kreislaufprobleme. Es handelt sich dabei allerdings um einen sogenannten "off label"-Gebrauch, da die Medikamente für die Therapie des Hörsturzes nicht zugelassen sind.

Blutreinigung: Manche Ärzte setzten eine Art "Blutreinigung" oder "Blutwäsche" ein, die Apherese. Dabei wird Blut des Patienten kontinuierlich über einen Schlauch in eine Maschine geleitet. Sie trennt unerwünschte Blutbestandteile ab. Im Falle des Hörsturzes sind das bestimmte Gerinnungsstoffe und Fette aus dem Blut. Das so "gereinigte" Blut erhält der Patient wieder zurück. Das Verfahren ist relativ aufwändig und teuer. Vorsicht: Es handelt sich um eine sehr spezielle Therapie, die normalerweise in einer Klinik oder einem Dialysezentrum stattfindet. Sie ist nicht gleichzusetzen mit allem, was auf dem Markt als "Blutreinigung" angepriesen wird.

Hyperbare Sauerstofftherapie (hyperbare Oxygenierung, HBO): Die Patienten sitzen bei dieser Therapie mehrfach in einer Druckkammer. Darin atmen sie reinen Sauerstoff. Das soll sich günstig auf das Hörorgan auswirken. Diese Therapie ist relativ teuer und kann nur an speziellen Druckkammerzentren erfolgen. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten üblicherweise nicht, in der aktuellen Leitlinie wird diese Therapie nicht mehr empfohlen. Auch diese Behandlung wird daher nur in Ausnahmefällen angewandt, zum Beispiel wenn alle anderen Therapieversuche fehlschlagen. Eine Sauerstofftherapie ohne Aufenthalt in der Druckkammer (normobare Oxygenierung) gilt als wirkungslos.

Vorsicht vor unseriösen Angeboten. Leider nutzen viele zweifelhafte Geschäftemacher die bestehenden Unsicherheiten bei der Hörsturz-Therapie aus. Sie versuchen teure, aber wirkungslose Ideen an den Mann oder an die Frau zu bringen. Skepsis ist vor allem dann angebracht, wenn Erfolge versprochen werden oder wenn die Hörsturz-Ursache angeblich bekannt ist. Im Zweifel sollten sich Patienten bei ihrem Arzt rückversichern, was er von der angepriesenen Therapiemethode hält.

Dr. med. Frank Waldfahrer, Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, arbeitet seit 2002 als Oberarzt an der Hals-Nasen-Ohren-Klinik, Kopf- und Halschirurgie des Universitätsklinikums Erlangen (Direktor: Professor Dr. Dr. H. Iro).

Quelle:

Leitlinie "Hörsturz (Akuter idiopathischer sensorineuraler Hörverlust)" der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e. V., Stand 01/2014

Online:

http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/017-010.html (Abruf Juli 2016)

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.