Es waren keine guten Nachrichten, die das israelische Gesundheitsministerium Anfang Juli verkündete: Die Wirksamkeit der Biontech/Pfizer-Impfung habe in den vergangenen Wochen deutlich nachgelassen. Parallel habe sich die aggressivere Delta-Variante des Corona-Virus ausgebreitet. Eine doppelte Impfung sei bei Delta nur zu 64 Prozent effektiv darin, eine Infektion mit dem Corona-Virus zu verhindern.

Und das RKI vermeldete in einem Bericht vom 22.07. bei doppelt Geimpften 6.125 Impfdurchbrüche seit dem ersten Februar. Damit sind Erkrankungen trotz Impfung gemeint. Muss man also in Deutschland angesichts der deutlich ansteckenderen Delta-Variante, die mittlerweile in großen Teilen Europas dominiert, mit einer beträchtlichen Zahl von Impfdurchbrüchen rechnen?

Nachlassender Impfschutz Grund für unterschiedliche Zahlen?

"Wir wissen, dass die Delta-Variante dem Impfschutz ein wenig entgeht", sagt Carsten Watzl, Immunologe am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung der TU Dortmund. "Aber sie entgeht ihm eben nicht vollkommen.“ Außerdem wurden die Menschen in Israel schon sehr früh geimpft. „Vermutlich hat da der Impfschutz schon ein wenig nachgelassen.“ Letztlich seien Zahlen zur Effektivität immer nur eine Momentaufnahme.

Tatsächlich zeigen Daten aus Großbritannien eine höhere Wirksamkeit von Impfungen. Eine kürzlich veröffentlichte britische Studie schaute sich die Wirksamkeit der Impfstoffe von Biontech/Pfizer und AstraZeneca an, symptomatische Erkrankungen zu verhindern, Sie verglichen dabei die Wirksamkeit der Impfstoffe bei der lange Zeit dominierenden Alpha-Variante und der neuen Delta-Variante. Zwei Dosen des Impfstoffs von Biontech/Pfizer war zu 93,7 Prozent wirksam gegen die Alpha-Variante und zu 88 Prozent wirksam gegen die Delta-Variante. Und der Impfstoff von AstraZeneca schnitt immerhin bei der neuen Virusvariante nicht viel schlechter ab als bei den vorhergehenden. Die Wirksamkeit von zwei Dosen des Impfstoffs von AstraZeneca betrug 74,5 Prozent gegen die Alpha-Variante und 67,0 Prozent gegen die Delta-Variante.

Impfungen verhindern viele schwere Verläufe

"Die Daten des israelischen Gesundheitsministeriums widersprechen durchaus anderen Daten, die einer Doppelimpfung eine höhere Effektivität bescheinigen“, bestätigt Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. „Für mich belegen die israelischen Zahlen noch nicht, dass die Wirkung der Impfung geringer ist als bisher angenommen.“ Vor allem die in verschiedenen Studien gezeigte hohe Wirksamkeit der Impfungen gegen schwere Verläufe und Krankenhausaufenthalte stimmt Experten optimistisch.

Dies geht auch aus einer groß angelegten Studie zur Untersuchung von Covid-19-Durchbruchsinfektionen hervor, die in der Zeitschrift The Lancet Infectious Diseases veröffentlicht wurde. Demnach stieg bei Personen, die eine Durchbruchsinfektion erlitten, die Wahrscheinlichkeit, dass die Infektion asymptomatisch verläuft, nach der ersten Impfdosis um 63 Prozent und nach der zweiten um 94 Prozent. Die Forscher fanden zudem heraus, dass die Wahrscheinlichkeit, an Long-Covid zu erkranken, bei Personen, die zwei Impfstoffdosen erhalten haben, um die Hälfte sank.

Impfdurchbrüche nur bei einem sehr kleinen Teil der Geimpften

Und auch die Zahlen zu den Impfdurchbrüchen gilt es, richtig zu interpretieren. Zwar klingen die vom RKI für Deutschland gemeldeten mehr als 6000 Impfdurchbrüche nach viel. Aber man muss die Zahl in Relation sehen. Immerhin waren zu diesem Zeitpunkt schon fast 40 Millionen Menschen in Deutschland vollständig geimpft.

Je mehr Menschen geimpft sind, desto höher ist schon aus statistischen Gründen auch die Zahl der Impfdurchbrüche bei den entdeckten Coronafällen: So vermeldete England kürzlich, dass 40 Prozent der ins Krankenhaus eingelieferten Covid-19-Fälle Geimpfte sind. „Das klingt erst mal sehr hoch“, sagt Carsten Watzl. Aber die Impfquote unter Erwachsenen liege in England bei rund 86 Prozent. 14 Prozent sind nicht geimpft, ein Verhältnis von 1:6. „Würde die Impfung gar nicht funktionieren, müsste man auch sechsmal so viele Geimpfte unter den Infizierten finden wie unter Ungeimpften.“ Stattdessen findet man das Verhältnis 40:60. Die Impfung wirke nach diesen Zahlen immer noch zu gut 90 Prozent.

Die britische Studie zeigte auch, dass von mehr als 1,2 Millionen Erwachsenen, die eine Dosis des Impfstoffs BioNTech, AstraZeneca oder Moderna erhielten, weniger als 0,5 Prozent nach mehr als 14 Tagen eine Durchbruchsinfektion meldeten. Bei Erwachsenen, die bereits zwei Impfdosen erhielten, traten weniger als 0,2 Prozent der Fälle nach der zweiten Dosis auf.

Risikogruppen unter den Geimpften

Gleichwohl wird eines immer deutlicher. Es gibt auch bei Geimpften bestimmte Risikogruppen. „Gerade bei älteren Menschen funktioniert die Impfung nicht bei jedem oder nicht bei jedem so gut“, sagt Carsten Watzl. Zudem steigern Vorerkrankungen das Risiko einer Infektion und eines schwereren Verlaufs. Das offenbart eine weitere Studie aus Israel.

Hierfür schauten sich Forscher 152 Patienten an, die trotz doppelter Impfung auf Grund einer Covid-19-Erkrankung im Krankenhaus behandelt werden mussten. Nur sechs der in die Studie eingeschlossenen Menschen mit einem Impfdurchbruch waren zuvor gesund. Bei den anderen 146 Betroffenen wurde mindestens eine Grunderkrankung wie etwa Diabetes diagnostiziert. Bei rund 40 Prozent der Betroffenen war das Immunsystem geschwächt, etwa aufgrund einer langfristigen Kortison-Behandlung, einer Chemotherapie oder einer Organtransplantation. Auch wurden ältere Personen mit Nieren-, Herz- oder Lungenerkrankungen, die erst einmal geimpft wurden, mit Durchbruchsinfektionen in Verbindung gebracht.

Bei geschwächtem Immunsystem kann Impfschutz geringer sein

Kann das Immunsystem nur eingeschränkt arbeiten, kann es nach einer Impfung auch nur einen eingeschränkten Schutz aufbauen. „Das war letztlich zu erwarten, dass Menschen häufiger schwer erkranken, die auf Grund von Vorerkrankungen keinen ausreichenden Immunschutz aufbauen können“, bestätigt Hajo Zeeb. „Gerade diese Risikogruppen müssen besonders vorsichtig sein.“

Ähnlich äußert sich Carsten Watzl. „Es gibt sicherlich Menschen, bei denen der Impfschutz nicht ausreichend wirkt.“ Entweder weil die Impfung schon länger her ist oder weil die Betreffenden von vorneherein nicht ausreichend Impfschutz aufbauen konnten. „In Deutschland überlegt man daher zurecht, ob man bestimmte Bevölkerungsgruppen wie ältere Menschen vor dem Herbst noch mal impfen sollte.“

Mehr Informationen über die Corona-Impfstoffe finden sie hier.

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