Die Omikron-Variante des Coronavirus, die erstmals im November in Südafrika gefunden wurde, dominiert das Infektionsgeschehen in Deutschland bereits jetzt: In den Meldedaten aus den Bundesländern betrug er laut RKI-Bericht Mitte Januar knapp 90 Prozent.

Daten der süddeutschen Laborgemeinschaft Labor Becker MVZ GbR zufolge macht Omikron im Raum München bereits einen Anteil von 94 Prozent aus. Schon zwei Wochen zuvor, um Silvester, lag der Anteil der Omikron-Variante laut der süddeutschen Laborgemeinschaft bei 56 Prozent.

Dass das Labor Becker der Analyse des Robert-Koch-Instituts (RKI) zeitlich etwas voraus ist, liegt unter anderem daran, dass es nicht das ganze Virusgenom untersucht. Es analysiert jeweils nur solche Stellen im Genom, die für die jeweiligen Varianten charakteristisch sind. Spezielle PCR-Tests liefern relativ schnell Ergebnisse.

Spezielle Testung der positiven Proben auf Omikron

Das Labor Becker arbeitet in zwei Stufen: Zunächst sammelt es alle Proben, die einen positiven PCR-Test ergeben – und dann untersucht es diese auf die Virusvariante hin. „Wir führen pro Woche weit mehr als 1000 Tests durch, darunter sind meist mehrere Hundert positive Tests. Die Daten stammen natürlich aus Süddeutschland, vor allem aus dem Großraum München, und sind deshalb nicht repräsentativ für ganz Deutschland. Aber sie geben trotzdem recht gute Hinweise über die aktuelle Entwicklung“, erklärt Professor Jürgen Durner, Facharzt für Labormedizin und Chief Medical Officer vom Labor Becker.

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Studie: Omikron vermehrt sich schneller in Bronchien

Eine dominierende Omikron-Variante ist für die Situation hierzulande möglicherweise zugleich eine gute und eine schlechte Nachricht. Einerseits ist die Omikron-Variante wohl noch einmal deutlich ansteckender als die Delta-Variante. Das zeigt sich nicht nur an der Ausbreitungsgeschwindigkeit. In einer vorläufigen Veröffentlichung von Studienergebnissen kommen Forscher aus Hong Kong zu dem Schluss, dass sich die Omikron-Variante in den Bronchien 70 Mal so schnell vermehrt wie die Delta-Variante. Zugleich sehen sie aber auch, dass die Vemehrungsrate in der Lunge geringer ist als bei der Delta-Variante.

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Aber: Omikron scheint möglicherweise weniger aggressiv zu sein. Manche Betroffene erfahren nur zufällig durch einen Test davon, dass sie überhaupt infiziert sind. „Die größere Ansteckbarkeit dürfte allerdings zumindest auch in naher Zukunft dafür sorgen, dass die Zahl der Neuinfektionen hoch bleibt. Und auch wenn der Anteil der schweren Verläufe niedriger ist, so steigt er doch auch bei steigenden Fallzahlen. Wegen der vielen Neuinfektionen kann also auch Omikron für einige schwere Verläufe sorgen“, sagt Durner.

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Auch Geimpfte stecken sich mit Omikron eher an. Das liegt daran, dass sich das Virus offenbar vor den Antikörpern schützen kann, die Menschen als Reaktion auf eine Impfung oder Infektion gebildet haben, wie Laborexperimente gezeigt haben. „Wir sehen das in der Klinik, dass es doch auch Geboosterte gibt, die eine Infektion haben. Das heißt, das Virus findet mehr Wirte als Delta“, sagt Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt.

Impfung soll vor schwerem Verlauf schützen

Trotzdem macht die Impfung, insbesondere die Booster-Impfung, für Betroffene häufig den entscheidenden Unterschied: Denn sie schützt auch bei Omikron recht gut vor einem schweren Verlauf. Das liegt daran, dass bei einer Impfung nicht nur die Antikörper-Bildung angeregt wird. Es werden auch andere Immunzellen, sogenannte T-Zellen, für das Virus sensibilisiert.

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Der Ausbreitung von Omikron steht dies aber weniger im Wege. Die hohe Ansteckbarkeit und der Teilschutz vor den Abwehrmechanismen des Immunsystems stellen sogar den entscheidenden Vorteil von Omikron gegenüber bisherigen Varianten wie Delta dar. Die zunehmende Dominanz könnte auch ein Schritt in die Richtung sein, dass SARS-CoV-2 womöglich einmal endemisch wird.

Endemisch bedeutet: Das Virus kursiert dauerhaft in der Bevölkerung, sorgt dort aber kaum für schwere Gesundheitsprobleme. „Davon sind wir noch ein Stück entfernt, denn auch die Omikron-Variante kann für manche Menschen, insbesondere offenbar für Nicht-Geimpfte, lebensgefährlich sein. Wenn sich allerdings – das ist jetzt Spekulation – weitere Varianten ausbreiten, die noch ansteckender sind, aber auch noch mildere Verläufe machen, dann könnte das Coronavirus tatsächlich irgendwann endemisch werden“, erklärt Durner. Die COVID-19-Pandemie würde dann für die allermeisten Menschen zu nicht viel mehr als einem grippalen Infekt schrumpfen. „Das wäre wünschenswert“, so Durner.

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Bis dahin allerdings gilt es durchzuhalten. Omikron ist noch keine ganz harmlose Variante und hat bereits Todesopfer gefordert in Deutschland. Deshalb ist es aktuell und auch in Zukunft wichtig, sich nicht auf die Tatsache zu verlassen, dass man zwei oder drei Impfdosen erhalten hat. „Eine Booster-Impfung ist enorm wichtig, aber ansteckend kann man nach einer Zeit trotzdem sein. Daher sind auch besonders in den nächsten Wochen weitere Maßnahmen anzuraten“, sagt Durner. Und diese Maßnahmen sind heutzutage allen vertraut: Abstand halten, Mundschutz tragen, Hygieneregeln beachten, sich testen, bevor man andere Menschen trifft, insbesondere Risikogruppen.

Anmerkung der Redaktion:

Der Gesellschafter des Labors Becker MVZ GbR, Dr. Marc Becker, ist Herausgeber der Apotheken Umschau.

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